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Politik In seinem Wohnort Lauenau ist Holger G. ein Phantom
Mehr Welt Politik In seinem Wohnort Lauenau ist Holger G. ein Phantom
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07:11 16.11.2011
In seinem Wohnort Lauenau ist Holger G. ein Phantom. Quelle: dpa
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Lauenau

Im einzigen Dönerladen im beschaulichen 4200-Seelen-Ort Lauenau sitzt Umut Kulug und kann noch gar nicht so richtig glauben, wer da in seiner Nachbarschaft gewohnt haben soll. Der Laden des 24-Jährigen ist leer, im Hintergrund drehen sich die Fleischspieße. Es ist nicht viel los an diesem sonnig-kalten Tag in Lauenau, ein paar Leute machen einen Sonntagsspaziergang durch die Fachwerk-Straßen. Neonazis? Doch, die gibt es im Ort, berichten die Menschen.

Doch Holger G. kennt hier niemand. Keiner weiß, wo seine Wohnung ist, in der ihn die Polizei am Sonntagmorgen festgenommen hat. Holger G. ist der 37-Jährige, den die Ermittler für einen Komplizen des Neonazi-Trios aus Thüringen halten, auf dessen Konto eine Mordserie an acht Türken, einem Griechen und einer Polizistin gehen soll.

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Umut Kulugs Familie hat ihr „Grill- und Dönerhaus“ in Lauenau erst vor anderthalb Wochen eröffnet. „Wenn ich das gewusst hätte, dass so jemand in Lauenau aktiv ist, hätte ich gar nicht erst aufgemacht“, sagte der junge Mann. Ängstlich wirkt er aber nicht.

Der 25-Jährige Hakan wird da deutlicher. Doch, hier gebe es viele Leute mit Bomberjacken, die er für Rechtsextreme hält, berichtet der junge Türke. Hakan erinnert auch an die Aufmärsche von Neonazis etwa zehn Kilometer entfernt in Bad Nenndorf.

Seit 2006 versammeln sich Rechtsextreme einmal jährlich in der kleinen Kurstadt westlich von Hannover, um zu einem früheren Verhörzentrum der britischen Besatzungsmacht zu ziehen. Weil dort auch Deutsche gefoltert worden sein sollen, versuchen die Neonazis, den Ort seit Jahren zu einer Art Wallfahrtsstätte für ihre Anhänger zu machen. Hakan, der seinen Nachnamen lieber nicht nennen will, sagt über die jährlichen Aufmärsche dort: „Meiner Meinung nach wird das von Jahr zu Jahr schlimmer. Die Leute werden aggressiver und jünger.“

Lauenaus Bürgermeister Heinz Laufmöller (SPD) betont hingegen, dass seine Heimat alles andere als eine Hochburg der Rechtsextremen sei. „Wir sind ein kleines, lebendiges Städtchen mit reichen Kultur- und Sportleben.“ Bedingt durch die Nähe zur Autobahn wohnten aber auch viele Zugezogene in Lauenau, sagt der Bürgermeister. Von Holger G. hat er nie zuvor gehört.

Holger G. bleibt für die Menschen in Lauenau an diesem Sonntag ein Phantom. Niemand kennt ihn, von seiner Festnahme hat niemand etwas mitbekommen.

dpa

Dieser Artikel wurde aktualisiert.