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21:47 15.11.2013
Von Klaus von der Brelie
Aus der Zeit von 1945 bis 1950 stammen rund 280 jüdische Einzelgräber, die vom Land Niedersachsen in Bergen-Hohne gepflegt werden. Quelle: Müller
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Bergen

chießlärm aus dem Westen, Kasernenhof-Geräusche aus dem Osten, ringsum meterhohe Zäune mit grünen Sichtblenden – in diesem Milieu ruhen seit über 60 Jahren weit mehr als 4500 Tote. Nur 280 von ihnen sind in Einzelgräbern bestattet worden. Fast alle haben im April 1945 die Befreiung des KZs Bergen-Belsen miterlebt, waren aber durch Haft, Zwangsarbeit und monatelangen Hunger so geschwächt, dass sie keine Überlebenschance hatten. Sie starben im Sommer 1945 im „displaced persons camp“. Das Gelände zwischen der KZ-Gedenkstätte bei Belsen und der Stadt Bergen ist heute militärischer Sicherheitsbereich und darf nur mit einer Ausnahmeerlaubnis von Zivilpersonen betreten werden.

Schulter an Schulter liegen die sterblichen Überreste in zum Teil hundert Meter langen Massengräbern. Soldaten der britischen Armee haben bis zum 27. Dezember 1945 genau aufgeschrieben, wer an welchem Tag gestorben ist und wo er seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Auch Chanina Walzer, ein 1915 in Polen geborener Jude, hat dokumentiert, wer zwischen dem 22. April und dem 13. August 1945 im Lager Bergen-Hohne beerdigt wurde. 1500 Namen stehen in einem Buch, das Walzers Erben in den USA der KZ-Gedenkstätte in Belsen übergaben.

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„Anhand dieser Listen können wir heute Hinterbliebenen in etwa sagen, an welcher Stelle eines Massengrabs ihre Angehörigen bestattet wurden“, sagt Thomas Rahe, wissenschaftlicher Leiter der KZ-Gedenkstätte. Einige jüdische Familien aus Holland und Belgien kommen in die Heide, um den Friedhof aufzusuchen und ihrer Toten zu gedenken. Ab und an finden sich auf den Massengräbern kleine Tafeln mit einem Davidsstern und dem Namen eines Toten. Zu Allerheiligen haben Mitarbeiter des polnischen Generalkonsulats in Hamburg einen Kranz niedergelegt, um die Toten zu ehren.

Die Geschichte der Ruhestätte ist recht genau erforscht. Sie trägt den inoffiziellen Namen „Zelttheater-Friedhof“. Die Wehrmacht, die das Kasernengelände am Ostrand des heutigen Nato-Schießplatzes von 1936 an aus dem Boden gestampft hatte, lud ihre Soldaten gelegentlich in ein Zelt ein. Mit Musik und Filmen wurden sie unterhalten. Im Lager der KZ-Überlebenden diente das Zelttheater weiterhin der Ablenkung vom traurigen Alltagsgeschehen – mit jüdischen Künstlern auf der Bühne.

Etwa 30 Blocks in der Wehrmachtskaserne, die im März 1945 leer standen, übernahm die SS und nutzte sie als Unterkünfte für KZ-Häftlinge. Sie trafen meist in Güterwaggons in der Heide ein, kamen aber nicht mehr im überfüllten KZ Bergen-Belsen unter. So entstand für wenige Wochen das KZ II in Bergen-Hohne. Es war größtenteils mit männlichen Zwangsarbeitern aus dem KZ Mittelbau Dora bei Nordhausen belegt. Der Historiker Rahe hat Hinweise, dass zum Zeitpunkt der Befreiung am 15. April 1945 insgesamt 15  133 Menschen in Bergen-Hohne eingesperrt waren. Davon waren die meisten aus der Sowjetunion und Polen deportiert worden. Die Briten trafen hier auch 1863 Juden an, die zuvor gemeinsam mit anderen Zwangsarbeitern in Nordhausen am Harz sogenannte V-2-Raketen für die Wehrmacht bauen mussten.

Während für viele Todkranke und Schwache die Befreiung keine Rettung mehr bedeutete, übten andere Rache an all denen, die sie schikaniert, gequält und geschlagen hatten. Deutsche Berufsverbrecher, die von der SS ins KZ gesteckt und dort als Vorarbeiter eingesetzt worden waren, fielen der Lynchjustiz zum Opfer. Ein deutscher SS-Arzt, der am 7. April 1945 mit einem Transport aus Nordhausen nach Bergen gekommen war, hat in einem Bericht für die Briten festgehalten, wie die Überlebenden die sogenannten Kapos, aber auch jüdische und polnisch Wachleute umbrachten. Am Abend des 15. April zählte der Arzt etwa 30 Tote, am Tag darauf wurden weitere 130 bis 140 Kapos erschlagen.

Für diese Toten wurde gut 200 Meter vom Zelttheater-Friedhof entfernt ein weiteres Massengrab angelegt. Es ist noch erhalten und wird von den Behörden unter dem Namen „Kap-Friedhof“ geführt. Beide Grablagen sind durch ein Bundesgesetz geschützt und werden unter der Regie des niedersächsischen Innenministeriums von einer Gartenbaufirma aus Bergen gepflegt. Im vergangenen Jahr hat das 19 230,85 Euro gekostet, 2011 etwa 15.000 Euro.

Thomas Haase, Inhaber der Firma, achtet darauf, dass der Rasen auf der 3107 Quadratmeter großen Fläche regelmäßig gemäht wird. Auf den Massengräbern wachsen kniehohe Sträucher.

Eigentlich gebe es drei Friedhöfe im militärischen Sicherheitsbereich, sagt Haase. Am Ostrand des Zelttheater-Friedhofs stehen rund 280 Grabsteine vor Einzelgräbern. Hier ruhen Tote aus dem „displaced persons camp“ Bergen-Hohne, das dort bis 1950 existierte. Überlebende aus den KZs bildeten hier die größte jüdische Kommune in der britischen Zone, gleich nebenan fanden sich polnische Zwangsarbeiter in einer zweiten Gemeinde zusammen. Rahe schätzt, dass in Spitzenzeiten 16  000 Juden in Bergen-Hohne lebten – die meisten aus Polen und Ungarn. „Das war die größte jüdische Gemeinde, die es je in Niedersachsen gegeben hat“, sagt Rahe, „da gab es Schulen, eine eigene Zeitung und auch ein eigenes Theater.“ Etwa 1000 Kinder wurden hier geboren, darunter Persönlichkeiten, die jetzt in Hannover leben.

Doch auf Dauer war das Camp nicht angelegt. Die meisten Juden wollten Deutschland so schnell wie möglich verlassen, viele reisten nach Israel aus, andere in die USA. Nachkommen von Überlebenden, Menachem Rosensaft aus New York und Jochevet Ritz-Olewski aus Tel Aviv, haben sich jetzt als Vertreter der im Camp Geborenen an die deutsche Politik gewandt. In der „Ergänzenden Erklärung“ zum „Vermächtnis der Überlebenden von Bergen-Belsen“ drücken sie ihre Befürchtung aus, dass nach dem Abzug der britischen Truppen aus Bergen-­Hohne der Schutz der Friedhöfe in Gefahr geraten könnte. Um die historisch bedeutsamen Einrichtungen, darunter alte Unterkunftsblöcke, für die Nachwelt zu sichern, schlagen die beiden gebürtigen Niedersachsen vor, sie in die KZ-­Gedenkstätte Bergen-Belsen zu integrieren. Ob es dazu kommt? „Im Augenblick“, heißt es im Innenministerium Hannover, „ist nichts entschieden. Wir warten ab.“

1369 Orte der Trauer

In Niedersachsen sind auf 1369 Kriegsgräberstätten und zivilen Friedhöfen insgesamt etwa 255 000 Kriegstote bestattet. Nach Angaben des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge starben die meisten von ihnen in Konzentra­tions- und Kriegsgefangenenlagern, im Bombenkrieg oder als Zwangsarbeiter.

Der mit Abstand größte Friedhof in Niedersachsen befindet sich auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Bergen-Belsen. Hier sind wahrscheinlich etwa 52 000 Tote in 14   Massengräbern beerdigt worden.

In Oerbke bei Bad Fallingbostel wurden schätzungsweise 30 000 sowjetische Kriegsgefangene in Massengräbern ­bestattet. Einen weiteren „Russenfriedhof“ gibt es 600 Meter westlich der ­Gedenkstätte Bergen-Belsen. Hier ruhen mindestens 19 500 Tote.

Auf einem deutschen Soldatenfriedhof am Westrand des Nato-Schießplatzes sind 171 Tote begraben, 155 Deutsche und 16 Ungarn. Unter ihnen sind auch 29 SS-Leute, die im KZ Bergen-Belsen eingesetzt waren. Bis zu 465 deutsche Kriegstote liegen in Gräbern neben einem ehemaligen Wehrmachtslazarett auf dem Truppenübungsplatz Bergen-Hohne.

2401 Gräber für Soldaten aus dem Commonwealth werden von den britischen Streitkräften in Becklingen bei Bergen gepflegt. Hier sind auch Polen bestattet worden.

Bei Wietzendorf wurde am Südrand des Truppenübungsplatzes Munster schon im Winter 1941/42 ein Friedhof für sowjetische Gefangene angelegt. Hier liegen etwa 16 000 Tote, die allermeisten von ihnen sind verhungert.

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