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Politik Impfkampagne, Aktien, Zukunft: Das sind die Auswirkungen der Curevac-Enttäuschung
Mehr Welt Politik Impfkampagne, Aktien, Zukunft: Das sind die Auswirkungen der Curevac-Enttäuschung
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19:48 17.06.2021
Trotz Curevac-Enttäuschung soll die aktuelle Impfkampagne nicht gefährdet sein.
Trotz Curevac-Enttäuschung soll die aktuelle Impfkampagne nicht gefährdet sein. Quelle: imago images/Jan Huebner
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Berlin

Die Hoffnungen waren gewaltig, als die Regierung im Rennen um die ersten Corona-Impfstoffe auf das Tübinger Pharmaunternehmen Curevac setzte. 300 Millionen Euro machte Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) für eine Beteiligung an dem aus seiner Sicht „vielversprechenden Unternehmen“ locker und betonte: „Die Technologie von Curevac hat das Potenzial, neue Impfstoffe und therapeutische Behandlungsmöglichkeiten für viele Menschen zu entwickeln und über den Markt zur Verfügung zu stellen.“ Das war am 15. Juni 2020. Fast genau ein Jahr später herrscht Enttäuschung.

Seit Mittwochabend ist bekannt: Der von Curevac entwickelte mRNA-Impfstoffkandidat CVnCoV ist nur zu 47 Prozent gegen eine Corona-Erkrankung „jeglichen Schweregrades“ wirksam. So das Ergebnis einer Zwischenanalyse, die das Unternehmen in einer Pflichtbörsenmitteilung publik machte. Ein herber Dämpfer, der sich auch an der Börse bemerkbar machte – und viele Fragen aufwirft.

Welchen Einfluss hat die Nachricht auf die deutsche Impfkampagne?

Die Bundesregierung sieht vorerst keine Änderungen. Die Curevac-Mitteilung habe keine Auswirkung auf das Tempo der Impfkampagne, heißt es vom Gesundheitsministerium. Auch Kanzleramtschef Helge Braun (CDU) sieht keine zusätzlichen Engpässe auf Deutschland zukommen, wie er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) mitteilte. „Wir haben viel bestellt und fördern den Aufbau von Produktionskapazitäten für mRNA-Impfstoffe und -produkte in Milliardengrößenordnungen“, sagte der CDU-Politiker.

Berichten zufolge hatte die Bundesregierung Curevac-Impfstoff lange für die zweite Jahreshälfte eingeplant. Das Unternehmen fehlte aber bereits auf der jüngst vom Bundesgesundheitsministerium veröffentlichten Liste der Impfstoff-Lieferplanungen.

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Setzt die Regierung weiter auf das Unternehmen?

Vermutlich ja. Ziel der Beteiligung an Curevac sei unter anderem gewesen, „Forschungsaktivitäten und Know-how im Bereich der mRNA-Technologie“ zu stärken, teilte eine Sprecherin des Wirtschaftsministeriums auf RND-Anfrage mit. Neben Impfstoffen könne diese etwa für die Krebsbekämpfung genutzt werden. „Wir setzen auch weiterhin auf die mRNA-Technologie, die ja vielfältige Anwendungsbereiche mit hohem Potenzial ermöglicht und daher wichtig für den Standort Deutschland ist.“

Welche Perspektive hat die Aktie jetzt?

Curevac ist an der Technologiebörse Nasdaq in New York notiert. Dort rutschte der Kurs nach der Veröffentlichung der Testergebnisse um die Hälfte ab. Es dürften allerdings noch unruhige Tage folgen, denn der Kurs war im vergangenen Jahr gestiegen, und der Wert des Unternehmens ist nun schwer einzuschätzen. An die Börse ging Curevac im August 2020 für 16 Dollar pro Aktie. Damals schoss der Kurs schon mit Beginn des Handels über 40 Dollar. Vor einigen Tagen erreichte er 125 Dollar. Nach dem Sturz bewegt er sich historisch also eher im Mittelfeld.

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Hat die Regierung Geld verloren?

Nach aktuellem Stand nicht. Deutschland zahlte 300 Millionen Euro für 23 Prozent der Anteile, die von der Staatsbank KfW verwaltet werden. Nach Kapitalerhöhungen, an denen die Bundesregierung nicht teilnahm, liegt der Anteil aktuell noch bei 17 Prozent. Da der Staat noch vor dem Börsengang einstieg, lag der Preis der Aktie deutlich unter dem aktuellen Börsenkurs. Verglichen mit den Höchstkursen hat der Bund mit dem Kurssturz wie alle Aktionäre viel Geld verloren. Würde die KfW aber jetzt alle Curevac-Aktien verkaufen, bliebe gemessen am Einstiegspreis vor einem Jahr immer noch ein dreistelliger Millionengewinn übrig.

Wie geht es mit dem Impfstoffkandidaten weiter?

Curevac will seine Daten nun noch einmal genauer analysieren und hofft offenbar auf bessere Wirksamkeit bei einzelnen Virusvarianten. Die 47 Prozent Wirksamkeit beziehen sich auf alle Varianten in allen Weltregionen. In einer Telefonkonferenz begründete Vorstandschef Franz-Werner Haas das enttäuschende Studienergebnis mit der wachsenden Zahl der Virusvarianten. Der Impfstoff sei – im Gegensatz zu anderen – in mehreren Weltregionen getestet worden. Dort hätten sich zunehmend Varianten verbreitet, die es bei Beginn der Entwicklung noch nicht gab. Daten zur Wirksamkeit bei der ursprünglichen Variante liegen noch nicht vor.

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Wie steht Curevac wirtschaftlich da?

Das im Jahr 2000 gegründete Unternehmen hat noch kein Produkt am Markt. Die geringen Umsätze stammten bisher vor allem aus der Lizenzierung von Technologie an andere Unternehmen. Weil gleichzeitig Personal und Anlagen bezahlt werden müssen, lief allein in den ersten drei Monaten dieses Jahres ein Verlust von 116 Millionen Euro auf. Damit summieren sich die Verluste seit der Gründung auf rund 750 Millionen Euro. Finanznot herrscht aktuell dennoch nicht, Ende März hatte das Unternehmen 1,5 Milliarden Euro liquide Mittel. Sie stammen zum großen Teil aus dem Börsengang vor knapp einem Jahr, außerdem wurden bei einer weiteren Kapitalerhöhung im Februar rund 400 Millionen eingesammelt.

Wie geht es im Vergleich Biontech?

Noch vor einem Jahr sahen die Zahlen bei dem Mainzer Konkurrenten ähnlich aus, auch dort gab es seit der Gründung 2008 hohe Anlaufverluste. Allein im ersten Quartal 2020 schlugen bei kleinem Umsatz mehr als 50 Millionen Euro Verlust zu Buche. Biontech ist mit seinen Partnern aber mittlerweile in der Produktion und macht echtes Geschäft. Entsprechend verhundertfachte sich innerhalb eines Jahres der Umsatz: Im ersten Quartal 2021 lag er bei 2 Milliarden Euro, unterm Strich blieben 1,1 Milliarden Euro Gewinn.

Sind so lange Anlaufverluste normal?

Gerade in der Biotechnologie sind jahrelange rote Zahlen die Regel, nicht wenige Unternehmen scheitern. Deshalb finanzieren sich solche Start-ups nicht über Kredite, sondern sammeln Risikokapital bei Finanzinvestoren und reichen Privatanlegern ein. Bei Curevac ist der SAP-Mitgründer Dietmar Hopp die Schlüsselfigur. Seit seinem Rückzug aus dem aktiven Geschäft gehört er zu den wenigen großen Biotechnologie-Investoren in Deutschland. Bei Biontech haben vor allem die Strüngmann-Brüder für Startkapital gesorgt. Sie machten ihr Vermögen mit dem Pharmaunternehmen Hexal, das sie 2005 an Novartis verkauften.

Wie kann es bei Curevac jetzt weitergehen?

Erst einmal wird sich die kommerzielle Durststrecke verlängern. Ende des Jahres wollte der Produktionspartner Bayer in Wuppertal mit der Produktion beginnen, für 2022 waren 160 Millionen Dosen geplant. In zwei bis drei Wochen soll es zwar detailliertere Testergebnisse für bestimmte Virusvarianten und Patientengruppen geben, aber ob Curevac in der aktuellen Impfkampagne noch zum Zuge kommt, ist unsicher.

Das Unternehmen setzt aber bereits auf die zweite Generation des Covid-Impfstoffs. Die klinischen Tests sollen im Herbst erst beginnen. Es könnte also weiteren Kapitalbedarf geben, bevor Curevac größere Erlöse erzielt. Auf längere Sicht hat Curevac aber weitere Produkte in der Pipeline. Die mRNA-Technologie wurde ursprünglich für die Krebsbekämpfung entwickelt, die angesichts der Pandemie in den Hintergrund gerückt ist.

Von Jens Strube, Stefan Winter/RND

Der Artikel "Impfkampagne, Aktien, Zukunft: Das sind die Auswirkungen der Curevac-Enttäuschung" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.