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Politik „Ich bringe den guten Willen des amerikanischen Volkes“
Mehr Welt Politik „Ich bringe den guten Willen des amerikanischen Volkes“
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10:08 05.06.2009
Der Iran soll das Recht zur zivilen Nutzung der Atomenergie haben, ein regionales Wettrüsten sei aber ein „höchstgefährlicher Weg“, warnte Obama in seiner mit Spannung erwarteten Rede an Universität Kairo. Quelle: Mandel Ngan/afp

Die ersten Zwischenrufe sind kaum zu verstehen. Schließlich, weil sich der Ruf so oft wiederholt, erschließt sich, welche Worte da durch den prächtigen Kuppelsaal der Kairoer Universität hallen. „Obama, wir lieben dich!“

Einmal ruft eine einzelne weibliche Stimme „Ich liebe dich“. Da wendet sich der amerikanische Präsident mitten im Redefluss kurz dem Balkon oben links zu und ruft zurück „Danke“. Dann macht er weiter im Text – mit einem Plädoyer für die universelle Gültigkeit von Frauenrechten.

Es gehört schon eine gewisse Portion Mut dazu, das delikate Thema in einem muslimischen Land so selbstverständlich anzusprechen. Aber Barack Hussein Obama erweist sich an diesem Donnerstag, an dem er in der ägyptischen Hauptstadt vor mehr als 2500 geladenen Gästen eine Grundsatzrede zum Verhältnis Amerikas mit der islamischen Welt hält, überhaupt als ziemlich mutig. Dann ist der Beifall bisweilen verhalten. Aber am Schluss kann sich der US-Präsident, der nach Ägypten gezogen ist, um die Verständigung mit den Muslimen in aller Welt zu suchen, über mangelnde Zustimmung nicht beklagen. Zustimmung? Nein, es ist mehr, was Obama in dem rot-goldenen Saal auslöst. Es ist Begeisterung.

Mit einer einfachen Geste hat der junge US-Präsident gleich bei den ersten Takten seiner Rede den Ton gesetzt. „Ich bin stolz darauf, den guten Willen des amerikanischen Volkes zu Ihnen zu bringen und einen Friedensgruß von muslimischen Gemeinden in meinem Land: Salam Aleikum.“ Friede sei mit euch, heißt der islamische Gruß, mit dem Obama sein arabisches Publikum im Handumdrehen für sich einnimmt.

„Ich bin gekommen, um einen Neuanfang zwischen den USA und der islamischen Welt zu suchen; einen Neuanfang auf der Basis von gegenseitigem Respekt und gemeinsamen Interessen; einen Neuanfang, der anerkennt, dass Amerika und der Islam sich nicht gegenseitig ausschließen und nicht in Konkurrenz zueinander stehen müssen.“ Die Welt lebe in Zeiten von Spannungen, und „unsere Differenzen stärken nur diejenigen, die Hass säen wollen und die anstelle von Frieden Konflikte fördern.“

Es ist eine Einleitung, die schon jetzt, nach nicht einmal sechs Monaten Präsidentschaft, vertraut klingt. Typisch Obama ist sogar der Einschub des Pragmatikers aus Washington, dass er sich durchaus bewusst sei, „dass Veränderung nicht über Nacht kommt. Eine einzige Rede kann nicht Jahre des Misstrauens ausradieren.“

Dann kommt der Satz, der all jene in ihre Schranken weist, die entweder gefürchtet hatten, dass der christliche Sohn eines muslimischen Vaters sich anbiedern oder dass er umgekehrt mit amerikanischen Handlungsanweisungen auftrumpfen werde. Es ist ein Satz, der wie kaum ein anderer in dieser fast 55-minütigen Rede Nähe schafft – und Grenzen zieht. „Der Heilige Koran sagt uns, ,Sei dir Gottes bewusst und sprich immer die Wahrheit’ . Das ist es, was ich versuchen werde zu tun – die Wahrheit zu sagen, so gut es eben geht.“

Und er tut es. Schonungslos und bislang ungehört in seiner Analyse der amerikanischen Sichtweise von der arabischen Welt als ein Spielstein im Kampf um die Vormachtstellung in der Welt. Respektvoll in der Anerkennung dessen, „was die Zivilisation dem Islam verdankt. Es war der Islam, der das Licht des Lernens durch so viele Jahrhunderte getragen hat, der den Weg bereitet hat für die europäische Renaissance und Aufklärung.“ Persönlich in der Erinnerung an das eigene Vertrautwerden mit dem Islam über den afrikanischen Vater, das Jugendleben in Indonesien, schließlich das nachbarschaftliche Leben mit muslimischen Nachbarn in Chicago, „die Würde und Frieden in ihrem muslimischen Glauben finden“. Und die im Übrigen im modernen Amerika mehrheitlich ein Auskommen gefunden haben, das über dem amerikanischen Durchschnitt liegt.

Das alles, sagt Obama, trage dazu bei, dass er es als „Teil meiner Verantwortung als Präsident der Vereinigten Staaten empfinde, negative Vorurteile gegenüber dem Islam zu bekämpfen, wo auch immer sie auftauchen“.

Dann aber beginnt der Teil seiner Rede, der für sein arabisches Publikum schwerer verdaulich wird. Da wird Obama vom Werbenden zum Fordernden. Denn: „Das gleiche Prinzip muss auch gelten für die muslimische Haltung gegenüber Amerika.“ Keine schlichten Vorurteile mehr, Schluss mit der ewig gleichen Vorhaltung, Amerika sei „nichts anderes als eine egozentrische Großmacht“.

Nicht als „Gefangene der Vergangenheit“ will Obama sein Amerika und die muslimische Welt sehen, sondern als zwei Partner, „die den Fortschritt teilen“. Und in diesem Geist „lassen Sie mich so einfach und klar wie möglich über einige spezifische Probleme sprechen, die wir endlich gemeinsam angehen müssen“. Sieben Punkte hat der Präsident sich vorgenommen.

Gewaltbereiter Extremismus: Ohne Floskeln verteidigt Obama die andauernde Stationierung amerikanischer Truppen in Afghanistan. „Wir werden unsere Truppen dort nur schrittweise abziehen, wenn wir sicher sind, dass es dort keine gewalttätigen Extremisten mehr gibt, die alles daran setzen, so viele Amerikaner wie möglich umzubringen.“ Das sei nicht absehbar. Sein Job aber sei es, das amerikanische Volk zu schützen. Sein Job sei es auch, den Irak auf seinem Weg in eine sichere und unabhängige Zulkunft zu unterstützen. Ohne seinen Vorgänger beim Namen zu nennen räumt Obama Amerikas Fehler in diesem „frei gewählten Krieg“ ein. Sind Afghanistan und der Irak aber Amerikas Problem allein? Obama lässt das nicht gelten, und wieder zitiert er den Koran, bevor er seinen Zuhörern einen unverblümten Auftrag erteilt: In welchem Land auch immer – „je schneller die Extremisten isoliert und unerwünscht in muslimischen Gemeinschaften sind, desto schneller werden wir alle sicherer sein“.

Der israelisch-palästinensische Konflikt: Obama lässt nicht den Hauch eines Zweifels daran aufkommen, dass die Beziehung zwischen den USA und Israel so eng ist wie immer. Er geißelt die Holocaust-Leugner als „ignorant und hasserfüllt“. Er fordert das Ende der palästinensischen Gewalt und die Anerkennung des israelischen Existenzrechtes. Aber er sagt auch: „Die Israelis müssen sehen, dass das Existenzrecht Palästinas genauso wenig geleugnet werden kann wie das Existenzrecht Israels.“ Die Zweistaatenlösung sieht er als einzigen Weg. Noch einmal fordert er den Stopp des israelischen Siedlungsbaus. Und die Rolle der arabischen Welt? „Der arabisch-israelische Konflikt darf nicht länger missbraucht werden, um die Völker der arabischen Nationen von anderen Problemen abzulenken.“ Stattdessen sollten die Regierungen daran arbeiten, „dass Frieden möglich wird“.

Atomwaffen: Eine „dritte Quelle von Spannungen zwischen uns“ nennt Obama die Auseinandersetzung um das iranische Atomprogramm. Aber „mein Land ist bereit, nach vorne zu gehen“. Im Klartext heißt das: Die USA verhandeln ohne Vorbedingungen. Ein ziviles Atomprogramm für den Iran? Warum nicht. Aber ein neues atomares Wettrüsten, diesmal im Nahen Osten? Auf keinen Fall. Auf Drohungen gegen den Iran verzichtet Obama – auf Warnungen an die arabischen Nachbarn nicht. Wenn diese nicht ihren Teil tun, das Aufrüsten zu verhindern, dann „begeben wir uns auf einen verdammt gefährlichen Weg“.

Demokratie: Der Amerikaner weiß, dass er sich mit diesem Thema in diesem Forum selbst auf einem „gefährlichen Weg“ befindet. Nach der Irak-Erfahrung, verspricht Obama, soll kein erzwungener Systemwechsel mehr von Amerika ausgehen. „Amerika respektiert das Recht aller friedlichen Stimmen in aller Welt gehört zu werden, auch wenn wir nicht mit ihnen übereinstimmen. Und wir begrüßen alle gewählten, friedlichen Regierungen - sofern sie in Respekt für alle ihre Bürger regieren.“ Das ist starker Tobak in einem Land wie Ägypten. Und es ist ein Satz, der klar macht, dass Obamas „Augenhöhe“ nicht immer die der Regierungen sein wird – sondern vor allem die der Zivilgesellschaften.

Religionsfreiheit: „Einige Muslime zeigen die verstörende Tendenz, ihre eigene Glaubenstreue daran zu messen, wie intolerant sie gegenüber anderen Religionen sind.“ Immer wieder hat Obama im Verlauf seiner Rede dem Islam, seinen Traditionen Respekt gezollt. Nun fordert er von Muslimen, das gleiche zu tun – und zwar gegenüber ihren eigenen Glaubensbrüdern: Die Gräben müssten nicht nur zwischen Christen, Juden und Muslimen geschlossen werden, „sondern auch zwischen Sunniten und Schiiten, deren Feindschaft im Irak zu so tragischer Gewalt führt“.

Frauenrechte: Es ist nur eine kurze Passage, die Obama dem sensiblen Thema widmet. Aber sie lässt nichts an Deutlichkeit zu wünschen übrig. „Nicht der Schleier ist ein Zeichen für Ungleichheit – die Verweigerung von Bildung aber ist es“. Die US-Regierung wolle überall, wo es Partner dafür gibt, Mädchenschulen in muslimischen Ländern unterstützen. Denn: „Unsere Töchter können genauso viel zu unserer Gesellschaft beitragen wie unsere Söhne.“ An dieser Stelle kommt es, das einsame „Obama, ich liebe dich“ vom ersten Rang links.

Entwicklung: Überall, auch in Amerika, sagt Obama, habe die Globalisierung auch Angst verbreitet. Angst vor einer Modernisierung, die Traditionen auf der Strecke lasse und Identitäten verdränge. Aber soll das heißen, dass „traditionell ausgerichtete Gesellschaften Modernisierung scheuen müssen?“ Nein. „Für die kurze Zeit, in der wir gemeinsam diese Welt teilen“, werde es die gemeinsame Aufgabe aller Regierungen, aller Gesellschaften sein, „die Zukunft zu gestalten, die wir für unsere Kinder wollen. Wir haben die Macht dazu - aber nur, wenn wir den Mut aufbringen, einen Neuanfang zu wagen.“

Im Cafe Mondlicht im Süden Kairos ist man bereit für diesen Neuanfang. Dutzende von Menschen haben sich dort erwartungsvoll versammelt, um im Dunst der Wasserpfeifen im Fernsehen zu verflogen, was der Gast aus Washington zu sagen hat. Der Taxifahrer Ahmad Yussuf fasst die Stimmung zusammen: „Obama hat toll gesprochen und uns Hoffnung gegeben“, sagt er. Sie hätten doch alle hier „diese ewigen Konflikte satt“. Aber „nun hoffe ich“, sagt er, „dass diese wunderbaren Worte auch konkrete Folgen für mein Leben haben werden.“

von Karim El-Gawhary und Susanne Iden

Eine Rede überzeugt nicht alle

Barack Obamas Rede in Kairo hat weltweit ein insgesamt positives Echo gefunden. Das ist bei der Mehrheit der amerikanischen Kommentatoren nicht anders gewesen. Kommentatoren wie Christiane Anannpour von CNN würdigten insbesondere die Tatsache, dass Obama keine Scheu davor gehabt habe, die Worte „Palästina“ oder „israelische Besatzung“ in den Mund zu nehmen.

Anders war die Reaktion aus dem rechten politischen Spektrum. Liz Cheney, die Tochter von George W. Buhs Vizepräsidenten, die zu einer eloquenten Verteidigerin ihres Vaters geworden ist, steht stellvertretend für den teils aggressiven Zungenschlag. „Obama tut so, als hätten wir ein paar schlechte Dinge gegenüber dem Iran getan und als habe sich der bei uns dann revanchiert“, sagte sie. „Er sollte lieber offen eingestehen, dass der Iran der größte Sponsor des weltweiten Terrorismus ist.“ Der republikanische Kongressabgeordnete und Außenpolitikexperte Dan Burton aus Indiana, warf dem Präsidenten Einäugigkeit vor: „Er ist Israel ziemlich hart angegangen und hat gleichzeitig den Iranern die Hand ausgestreckt.“

Sean Hannity, ein prominenter Kommentator des konservativen Fernsehsenders Fox News, wählte für seine Kritik die Überschrift, die im rechten politischen Lager schon bisher für die weltweiten Auftritte des Präsidenten gefunden wurde: „Dies ist einfach die Fortsetzung von Obamas großer weltweiter Entschuldigungstour. Er hätte die Muslime besser daran erinnern sollen, dass es die USA waren, welche die Muslime Kuwaits von der irakischen Besetzung befreit haben.“ Insgesamt überwogen die positiven Reaktionen. Der Kommentator des Nachrichtenmagazins „Time“ zog das folgende Fazit: „Obama ist nicht als Prophet angekommen oder abgereist, aber für einen amerikanischen Präsidenten, der sich in ein Gebiet vorwagte, wo man gegenüber der amerikanischen Politik wenig freundlich gestimmt ist, hat er eine ganze Reihe neue Anhänger gefunden.“ Die demokratischen Parteifreunde zeigten sich natürlich rundum begeistert. „Präsident Obamas offene und ehrliche Ansprache in Kairo war absolut unverzichtbar, um den Beginn einer neuen Ära der Verständigung mit der Gemeinschaft der Muslime weltweit zu signalisieren“, sagte der ehemalige Präsidentschaftskandidat John Kerry.

In Israel berief Ministerpräsident Benjamin Netanjahu unmittelbar nach der „historischen Rede“ Obamas eine „Sonderberatung“ ein. In Regierungskreisen in Tel Aviv wurde Obamas Rede als „ausgewogen und positiv“ charakterisiert. Die israelische Regierung erklärte später ofiziell, sie hoffe nach Obamas Rede auf eine „Versöhnung zwischen der arabisch-muslimischen Welt und Israel“. Für Israel stehe aber die Frage der Sicherheit des Landes „an erster Stelle“.

In Ramallah, bei der palästinensischen Autonomiebehörde, herrschte uneingeschränkte Zufriedenheit. Obma habe eine „klare und offenherzige“ Rede gehalten. Seine Worte seien „ein guter Anfang, auf den wir jetzt aufbauen müssen“, sagte ein Sprecher von Präsident Mahmud Abbas. Der US-Präsident habe mit der „vorhergehenden parteiischen US-Politik“ zu Gunsten Israels gebrochen.

Ein Sprecher der im Gazastreifen herrschenden radikalislamischen Hamas meinte, Obamas Rede spiegele „eine greifbare Änderung“ wider. Sie habe aber auch viele „Widersprüche“ enthalten.

von Andreas Geldner und Ulrich W. Sahm

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