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Politik IG-Metall-Chef Hofmann: „E-Autos fressen Jobs auf“
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07:52 29.06.2019
Ein E-Auto in Leipzig Quelle: imago images / PicturePoint

Herr Hofmann, ist die Digitalisierung für Arbeitnehmer eher Segen oder eher Fluch?

Weder noch. Sie ist beides.

Warum?

Grundsätzlich ist das Zusammenwirken zwischen Mensch und Maschine gestaltbar. Klar, es gibt Risiken. Da geht es um die Möglichkeit permanenter Kontrolle, um Leistungsverdichtung und um den Verlust an Handlungsoptionen. Wenn die Datenbrille alles vorgibt, bleibt für den Beschäftigten wenig übrig. Aber es gibt auch viele Chancen, die in der Digitalisierung liegen.

Was sind die positiven Facetten?

Die gleiche Datenbrille kann auch dazu dienen, dem Menschen komplexe Entscheidungen zu erleichtern, indem Informationen etwa über Maschinenstörungen direkt abrufbar sind. Körperliche Belastungen könnten zurückgehen, viele Tätigkeiten könnten anspruchsvoller werden. Wenn die Beschäftigten in die Gestaltung von Technik und Organisation im Betrieb einbezogen werden, dann kann die Arbeit eine neue, bessere Qualität gewinnen. Daneben steht die Frage, wie sich insgesamt die Beschäftigtenstrukturen ändern und welche Qualifikationen dann gebraucht werden.

Wie verändern die sich?

Auf jeden Fall so, dass wir unbedingt eine Qualifizierungsoffensive benötigen. Millionen von Beschäftigten werden innerhalb kurzer Zeit andere Tätigkeiten auszuführen haben als heute.

Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) sagt immer, es werden durch die Digitalisierung mehr Jobs entstehen als wegfallen. Eine realistische Einschätzung?

Wie sich die Beschäftigung unterm Strich entwickeln wird, kann heute niemand verlässlich sagen. Auch wenn es mehr Arbeitsplätze geben wird, ist noch offen, wo sie entstehen werden: in Deutschland oder im Ausland, unter geregelten, guten Arbeitsbedingungen oder prekär und schlecht bezahlt. Klar ist: Wir stehen vor einem tiefgreifenden Wandel. Dazu gehören auch die Verkehrswende und die Energiewende. In der Vergangenheit war es tatsächlich so, dass solche Veränderungen in der Arbeitswelt häufig zu neuen, erfolgreichen Geschäftsmodellen geführt haben.

Sie sind zuversichtlich, dass das auch im Fall der Digitalisierung so sein wird?

Ja. Die entscheidende Frage ist, ob es uns gelingt, aus technischem Fortschritt auch sozialen Fortschritt zu machen. Und dazu gehört auch, dass die Digitalisierungsgewinne in gute Arbeit für alle investiert werden.

Wie groß ist bei den Arbeitnehmern die Angst, abgehängt zu werden?

Das ist je nach Branche und Betrieb sehr unterschiedlich. Die Skepsis ist dort besonders hoch, wo die Beschäftigten nicht einbezogen werden. Jedes zweite Unternehmen in Deutschland hat sich mit Antworten auf die Digitalisierung entweder noch nicht oder noch nicht ausreichend beschäftigt. Die sind blank. Da gibt es wenig Ideen, wie Digitalisierung für neue Produkte oder für bessere Prozesse genutzt werden kann.

Woran liegt das?

Hinter uns liegen fast zehn Jahre beständiges Wachstum. Die Auftragsbücher sind voll. Da stellt sich eine gewisse Bräsigkeit ein. Dabei werden Betriebe, die sich der digitalen Transformation nicht stellen, über kurz oder lang schwere Probleme im Wettbewerb bekommen und schlimmstenfalls vom Markt verschwinden. Das ist ein Hochrisiko-Spiel zulasten der Beschäftigten.

Diesen Samstag soll es eine Großdemonstration der IG Metall in Berlin geben. Im Fokus stehen dabei neben digitaler Transformation auch Verkehrs- und Energiewende. Wogegen wollen Sie da eigentlich demonstrieren?

Wir demonstrieren gegen das Nichtstun von Arbeitgebern und Politik angesichts der großen Veränderungen, vor denen unsere Arbeitswelt steht. Es geht darum, dass niemand unter die Räder kommt, arbeitslos wird oder in prekäre Jobs abgeschoben wird. Die technische Entwicklung darf nicht zu Strukturbrüchen führen.

Was heißt das konkret?

Unser Ziel ist, dass die Arbeitgeber ihre Investitions- und Innovationsstrategien offenlegen, strategische Personalentwicklung und Qualifizierung für alle zur Praxis wird und dass sie Zukunftsvereinbarungen mit den Betriebsräten schließen, die die Sicherheit der Beschäftigung garantieren. Wir demonstrieren aber auch gegen Planlosigkeit in der Energie- und in der Verkehrspolitik. In den vergangenen Jahren sind 4000 Arbeitsplätze in den Bereichen Windkraft und Gaskraftwerke verloren gegangen. Und es fehlt an Verlässlichkeit beim Ausbau der Elektromobilität. Das fängt schon bei der Ladeinfrastruktur an.

Und wie steht es um Verlässlichkeit bei der Digitalisierung?

Die Betriebe warten auf den Ausbau der digitalen Infrastruktur. Der ist immer noch am Anfang. Und es gibt große Zurückhaltung, wenn es um das Abgeben von Daten an Google & Co. geht. Deshalb brauchen wir rasch europäische Cloud-Lösungen.

Sind Sie eigentlich zufrieden mit der neuen Weiterbildungsstrategie der Bundesregierung?

Das Problembewusstsein wächst. Aber beim Thema Weiterbildung vermisse ich noch die notwendige Entschlossenheit. Das zeigt auch die Weiterbildungsstrategie. An vielen Stellen – zum Beispiel bei unserer Forderung nach einem Transformationskurzarbeitergeld – stehen nur Prüfaufträge.

Was genau soll das Transformationskurzarbeitergeld bringen?

Die alte Mannschaft zu entlassen, das ist heute angesichts des Fachkräftemangels keine Option. Wir brauchen kluge Weiterqualifizierung um Brücken zu bauen, ohne Entlassung. Das lässt sich mit unserem Vorschlag für ein Transformationskurzarbeitergeld absichern. Wenn Arbeitsvolumen wegfällt, weil alte Produkte auslaufen, werden die Beschäftigten nicht auf die Straße gesetzt, sondern weiterqualifiziert für die Tätigkeit an neuen Produkten oder Dienstleistungen. Die Alternative dazu wäre in vielen Fällen Vorruhestand und Frühverrentung.

In welchen Branchen und Regionen werden Jobs relativ gefährdet sein?

In der Kommissionierung stehen viele Arbeitsplätze auf der Kippe – da geht es oft um Jobs, die keine Fachausbildung verlangen. Und wenn es um Kraftwerksbau oder um Zulieferer für den Verbrennungsmotor geht, droht in einigen Regionen steigende Arbeitslosigkeit. Ich denke da beispielsweise an Eisenach, an Mittelhessen und an das Saarland.

Das bedeutet: Elektromobilität kostet massiv Jobs?

Ja, das stimmt. E-Autos fressen Jobs auf. Das muss man ganz nüchtern feststellen. Wir müssen aufpassen, dass in den besonders betroffenen Regionen keine industriellen Wüsten entstehen. Für sie brauchen wir gute, neue Ideen und Instrumente einer präventiven Strukturpolitik, um industrielle Arbeitsplätze in den Regionen zu sichern.

Von Rasmus Buchsteiner/RND

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