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Politik „Und wenn ich hier sterbe...“
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00:15 08.11.2013
Von Thorsten Fuchs
„Es ist egal, was ich wünsche – es ist passiert“: Flüchtlinge aus dem Nachbarland Syrien suchen Zuflucht in Jordanien – das längst mit ihrer Versorgung überfordert ist. Quelle: Reuters
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Amman

Vier dünne Matratzen, ein Regal, notdürftig mit Stoff bespannt, das ist die Einrichtung in diesem engen Raum, zehn Quadratmeter mag er groß sein. Draußen, auf den Straßen Ammans, scheint schon die Sonne, aber dieser Raum hat kein Fenster. Es gibt nur das kalte, trostlose Licht einer Energiesparlampe, das auf die nackten Wände fällt und auf Yasins Gesicht, ein ernstes Gesicht von 36 Jahren. Yasin sitzt auf dem Boden, zwei Pullover hat er übereinander angezogen. Die Nächte sind kalt jetzt, Anfang November, und die Wärme des Tages braucht lange, bis sie in diesen Raum dringt. Zu sechst leben sie in diesem Raum, Yasin, seine Frau und die vier Kinder, das jüngste gerade neun Monate alt.

„Wir haben nichts mehr, nichts außer unserem Leben“, sagt Yasin. Dann steht er auf, ihm ist etwas eingefallen, er will auch in der Not exakt sein und zieht den Stoff vor dem Regal zur Seite. „Das hier, das haben wir noch“, sagt er. Ein paar Häuflein mit Kleidung, ein paar Stifte. Alles, was hineinpasste in diese eine Tasche, mit der sie in der Nacht zum 26. September über den Zaun zwischen Syrien und Jordanien kletterten.

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„Das Haus war zerstört“

Es ist erst einige Monate her, da führte Yasin mit seiner Familie ein Leben, das für seinen Geschmack gern noch lange so hätte weitergehen können. Sie lebten in einem kleinen Ort nahe Damaskus, in einer der wenigen grünen Gegenden des Landes. Yasin arbeitete als Maler, als Handwerker, sie hatten eine Wohnung und ein Auto. Yasin ist Moslem. So wie der Großteil der Aufständischen in Syrien. „Aber aus der Politik habe ich mich immer rausgehalten“, sagt er.
Die Bomben haben sich bloß nicht dafür interessiert, ob jemand neutral war oder nicht. Im Juli, als die Rebellen sein Dorf erobert hatten und die Armee umso heftiger zurückschoss, rettete sich Yasin mit seiner Familie für einige Tage zu Freunden. „Als wir zurückkamen, war unser Haus zerstört.“ Da war auch ihm klar, dass sie nicht länger bleiben konnten.

So wurden Yasin und seine Familie Teil des großen syrischen Dramas. Mehr als sechs Millionen Syrer sind inzwischen auf der Flucht vor dem Krieg, der vor zweieinhalb Jahren begann. So schnell steigen die Zahlen, dass der Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen die Lage schon im Sommer mit der Situation nach dem Völkermord in Ruanda vor 20 Jahren verglich.

Der Weg zur Grenze ist lebensgefährlich

Tausende versuchen täglich über die Grenzen zu gelangen. Es ist ein lebensgefährlicher Weg, weil er oft durch umkämpfte Gebiete führt. Und wenn die Flüchtenden es bis an die Grenze schaffen, dann ist noch nicht gesagt, dass sie auch hindurch gelassen werden. Yasin erzählt, wie er für seine Familie eine Nummer erhalten habe, als er die Grenze nach Jordanien erreicht hatte. Dann mussten sie warten. „Als der Tag vorbei war, hatten sie unsere Nummer nicht aufgerufen.“
Und weil es am nächsten Tag auch so ging und am übernächsten Tag wieder, weil sie also nie durch den Übergang auf die andere Seite nach Jordanien gelangten, beschloss Yasin, es auf einem anderen Weg zu versuchen. „Zurück“, sagt er, „konnten wir ja nicht.“ Also vertraute er sich und seine Familie beduinischen Schleusern an. Umgerechnet knapp 350 Euro musste er ihnen zahlen. Dafür brachten die Beduinen sie durch die Wüste. An einer wenig bewachten Stelle vor der Grenze setzten sie sie ab und überließen sie ihrem Schicksal. Yasin, seine Frau und Kinder sowie zehn weitere Familien. Wie sie hinüberkamen, die letzten Meter, das war ihre Sache.

Yasin erzählt das alles wie jemand, der versucht, etwas Unabänderliches so genau und neutral wie möglich zu schildern. Es gibt keine Klage, kein Hadern. Ob er sich insgeheim wünscht, der Aufstand in Syrien hätte nie begonnen? „Es ist egal, was ich wünsche, es ist passiert“, sagt er.

Keine Zweifel an Gott

Es gibt eigentlich nur einen Moment während des Gesprächs in seiner Kammer, in dem sich sein Gesichtsausdruck deutlich verändert. Ob er an Gott zu zweifeln beginnt, angesichts all des Leids? Da lacht Yasin, so abwegig findet er dies offenbar. Dann wird er wieder ernst. Er habe gesehen, wie Mädchen vergewaltigt, wie kleine Kinder getötet wurden. Gott werde die richten, die dies tun, sagt Yasin. Da sei er ganz sicher. Vielleicht kann Glaube manchmal auch ein Weg sein, sich selbst zu beruhigen, wenn nichts anderes hilft.

Fast 160 Euro Miete kostet das winzige Zimmer pro Monat. Geld, das Yasin nicht hat. Arbeiten dürfen die Flüchtlinge in Jordanien offiziell nicht. Bislang, sagt Yasin, stunde der Besitzer ihm das Geld. Irgendwann aber wird er die Schulden begleichen müssen. Vielleicht durch Arbeit, sehr viel Arbeit, weil Yasin mit seinen Kindern sonst auf der Straße säße. Auf jeden Fall ist er jetzt von jemandem abhängig.

160 Euro, das wäre auch in Deutschland ein hoher Preis. In Jordanien ist es ein Zeichen, dass die Masse an Flüchtlingen das Land an die Grenzen der Überforderung bringt. Fast 600 000 Syrer suchen inzwischen Schutz in Jordanien – das selbst gerade mal 6,5 Millionen Einwohner hat. Weil die großen Lager des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen nahe der syrischen Grenze völlig  überfüllt sind und Gerüchte über mafiöse Gruppen darin kursieren, drängen die Flüchtlinge in die Dörfer und Städte – wo die Preise für Lebensmittel und Mieten stark steigen. Umgerechnet zwei Euro für ein Kilogramm Mehl, das ist inzwischen ein üblicher Preis – und für Kammern wie jene von Yasin werden gern auch mal gut 300 Euro verlangt.

Jordanien will Mindeststandards bieten

Jordanien ist selbst arm und will den syrischen Flüchtlingen doch Mindeststandards garantieren. Zum Beispiel soll jedes Kind in die Schule gehen können. Wie die Wirklichkeit aussieht, kann man in Al-Husn studieren, einem Flüchtlingscamp nahe der syrischen Grenze, das am Wochenende auch eine ökumenische Delegation um den Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche Deutschlands, Nikolaus Schneider, und den katholischen Bischof von Hildesheim, Norbert Trelle, besuchte. Die meisten Bewohner des Flüchtlingscamps sind Palästinenser, viele leben schon seit Jahrzehnten hier.

Jetzt sind noch 300 syrische Familien dazugekommen. Die von Jassir ist seit einem halben Jahr hier. Jassir, der sagt, er sei 15, aber aussieht wie 13, hat zwei Träume: „Ingenieur werden. Und mal ein Spiel vom FC Barcelona sehen.“ In Jordanien hat er noch nicht einmal eine Schule von innen gesehen. Die öffentlichen sind überfüllt, die privaten zu teuer. Es gibt an diesem Tag eine Aktion im Lager, Helfer spielen mit den Kindern, bemalen die Gesichter.

Jassir ist eigentlich zu groß dafür, aber er ist dennoch gekommen. Nur dass er sich „Assad“ hat auf die Wange schreiben lassen, weil seine Eltern Anhänger des Regimes sind, und „Allah“. Manchmal, sagt Jassir, prügelt er sich mit den Kindern der Oppositionellen. Und sonst? „Lern’ ich den Koran auswendig.“ Lieber, sagt er, würde er zur Schule gehen. Aber was soll er tun.

„Ich bemühe mich, immer zu lächeln“

Wenn das Land schon den Starken keine Perspektive bieten kann, gilt das noch mehr für die Schwachen. In der Stadt Irbid, nicht weit von Al-Husn, verteilt die Caritas im christlichen Zentrum Lebensmittelgutscheine und Matratzen. In der Schlange steht auch Meysa. Sie sagt, sie sei 25, sieht aber aus, als sei sie 50. Unter der Kleidung ahnt man einen ausgezehrten Körper.

Sie sei, sagt sie, vor fünf Monaten gekommen, als das Krankenhaus in ihrer Stadt schloss und die für sie nötigen Blutwäschen unmöglich wurden. Ihr Mann ist in Syrien verschollen, seit er vor zwei Monaten wegen des Todes seines Bruders zurückgefahren ist. Ihre Miete übernimmt die Caritas. „Ich bemühe mich, immer zu lächeln“, sagt sie lächelnd. Auch wenn es keinen Grund gibt.

Wie es weitergehen soll? Da schweigen die meisten erst mal, ratlos. Wo sie sind, haben sie keine Zukunft. Wo sie herkommen, auch nicht. Nur eines, sagt Yasin, der Vater in dem engen Zimmer, sei ihm klar. „Ich gehe nicht zurück, bis der Krieg vorbei ist.“

Nach einer Pause fügt er hinzu: „Und wenn ich hier sterbe.“

Wie Diakonie und Caritas helfen

Vor allem der nahende Winter bereitet den Helfern große Sorgen: Deshalb haben der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider, und der stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Hildesheimer Bischof Norbert Trelle, nach einer gemeinsamen Jordanien-Reise am Wochenende dringend um Spenden für die Flüchtlinge in Syrien und den Nachbarländern gebeten. „Mehr Hilfe für die Region ist unerlässlich“, erklärten beide. Spenden seien umso wichtiger, als Frieden für die Region weiterhin nicht in Sicht sei. Gestern wurde bekannt, dass die internationale Syrien-Konferenz, zu der Russland, die USA und die UN die Konfliktparteien nach Genf einladen wollen, nicht mehr in diesem Monat stattfinden wird. Die Hilfswerke der Kirchen, die Diakonie Katastrophenhilfe und Caritas International, versorgen Flüchtlingsfamilien unter anderem mit Kleidung, Decken, Nahrungsmitteln sowie Öfen und Kohle. Außerdem bieten sie psychosoziale Beratung für traumatisierte Familien und errichten Kindergärten.

  • Caritas international, Freiburg, Spendenkonto 202 bei der Bank für Sozialwirtschaft Karlsruhe BLZ 660 205 00, Stichwort: Nothilfe Syrien
  • Diakonie Katastrophenhilfe, Berlin, Spendenkonto 502 502, bei der Evangelischen Darlehnsgenossenschaft Kiel, BLZ 210 602 37, Stichwort: Nothilfe Syrien
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