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Politik Holocaust: Polen, Russland und die Vereinnahmung der Opfer
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15:00 27.01.2020
Gedenkstelen auf dem Gelände des früheren Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau.
Gedenkstelen auf dem Gelände des früheren Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau. Quelle: imago images/Eastnews
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Am 27. Januar 1945 erreichten die Panzerspitzen der 1. Ukrainischen Front der Roten Armee ungefähr gleichzeitig das KZ-Stammlager Auschwitz und das Vernichtungslager Birkenau im von der Wehrmacht besetzten Polen.

Sie befreiten mehr als 7000 Häftlinge, Kranke und Erschöpfte, von denen viele in den kommenden Tagen starben. Die meisten Lagerinsassen wurden zuvor auf Todesmärsche Richtung Westen getrieben – sie erreichte die Befreiung erst Monate später, etwa in Sachsenhausen oder Bergen-Belsen.

Mehr als eine Million Menschen wurde in Auschwitz und Birkenau ermordet, ungefähr 900.000 davon waren Juden. Insgesamt fielen dem deutschen Massenmorden während des Zweiten Weltkriegs bis zu sechs Millionen Juden aus allen Teilen Europas zum Opfer. Diese unvorstellbaren Opferzahlen sind nicht exakt, aber in ihrer Größenordnung unumstritten.

Doch in diesen Tagen ist eine neue Kontroverse über die Herkunft der jüdischen Opfer des Massenmordes entbrannt. Russlands Präsident Wladimir Putin versucht im aktuellen Gedenkjahr, sein Land als Hauptnachfolger der Sowjetunion zum größten Sieger und größten Opfer des Zweiten Weltkriegs gleichermaßen zu erklären. Polens nationalkonservative Regierung hält dagegen und erkennt die Rolle der Roten Armee als Befreier von der deutschen Besatzung nicht an.

Im Vorfeld des Auschwitz-Gedenktags wies der polnische Präsident Andrzej Duda darauf hin, dass von den im Holocaust ermordeten sechs Millionen Juden drei Millionen polnische Staatsbürger gewesen seien.

Putin machte vergangene Woche in Israel eine andere Rechnung auf: 40 Prozent der ermordeten Juden seien aus der Sowjetunion gewesen. Er spricht auch von den 27 Millionen sowjetischen Opfern, die nie vergessen werden dürften – gefallene Rotarmisten, getötete und verhungerte Kriegsgefangene, dem deutschen Vernichtungswahn zum Opfer gefallene Zivilisten.

„Heute wird das Thema politisiert – leider“, fügte Putin in seiner Rede in der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem an. Er erwähnt die Auslöschung der jüdischen Bevölkerung in der Ukraine, in Litauen und Lettland – und er spricht von Kollaborateuren, die das möglich gemacht haben.

Duda durfte in Israel nicht sprechen und hatte daher die Teilnahme an der Gedenkveranstaltung in Yad Vashem abgesagt. Am Montag in Auschwitz spricht er als einziger Politiker, er hält sich „wegen der Heiligkeit des Ortes“ mit politischen Bewertungen zurück.

Die neue nationale Opferkonkurrenz zwischen Polen und Russland verkennt, dass die Deutschen die Juden Europas eben nicht als Polen, Sowjetbürger, Franzosen oder Niederländer deportierten und töteten, sondern als Angehörige einer von ihnen zur Vernichtung freigegebenen „Rasse“.

Der Streit um „polnische“ oder „sowjetische“ Tote erinnert an die Nationalisierung der Opfer während der Zeit des Realsozialismus.

Die sowjetische Geschichtspolitik gedachte allgemein der Opfer des Großen Vaterländischen Krieges und ließ den jüdischen Hintergrund vieler Opfer unter den Tisch fallen.

Auschwitz wiederum wurde immer wieder zum Gedenkort der polnischen Tragödie erklärt – im Stammlager wurden kurz nach der Besetzung Polens durch die Wehrmacht zunächst Angehörige der polnischen Intelligenz und Widerstandskämpfer eingesperrt.

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Putins und Dudas Rechnungen aber können beide nicht stimmen.

Geht man von sechs Millionen Holocaust-Opfern aus, reklamieren sie mit drei Millionen polnischen und 2,4 Millionen sowjetischen jüdischen Toten rund eine halbe Million Opfer doppelt. Denn nach den mehr oder weniger exakten Herkunftsangaben stammte ungefähr eine Million jüdischer Holocaust-Opfer aus anderen Ländern Europas, die meisten aus Ungarn, Rumänien, der Tschechoslowakei, Frankreich, den Niederlanden und dem Deutschen Reich.

Die Historikerin Olga Baranowa schreibt: „Ein Drittel der ermordeten Juden waren Sowjetbürger.“ Nach Zahlen des Holocaust Memorial Museum in Washington wurden allein 1,3 Millionen Juden von Wehrmacht- und SS-Einheiten auf dem Territorium der Sowjetunion erschossen oder in Gaswagen getötet – mehr als in Auschwitz. Der Rassen- und Vernichtungskrieg eskalierte in einem bis heute vernachlässigten „Holocaust durch Gewehrkugeln“.

Putin und Duda erheben beide posthumen Anspruch auf die jüdische Bevölkerung in den östlichen Gebieten Vorkriegspolens, die 1939 nach dem Hitler-Stalin-Pakt von der Roten Armee besetzt wurden und heute zu Weißrussland und der Ukraine gehören.

Das waren rund 1,3 Millionen Menschen. Nur mit ihnen kommt Polen auf drei Millionen, nur mit ihnen kommt Putin auf 40 Prozent.

Und so ist der Streit um die Zahl der Opfer wiederum einer über den Kriegsbeginn. Putin bezeichnet den Hitler-Stalin-Pakt neuerdings als „ganz normalen Nichtangriffspakt“ und unterschlägt das „geheime Zusatzprotokoll“, das die Einflussgebiete beider Mächte markiert. Sein Griff nach den Toten dient dazu, den Sieg im Großen Vaterländischen Krieg noch ein bisschen größer erscheinen lassen.

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Von Jan Sternberg/RND

Der Artikel "Holocaust: Polen, Russland und die Vereinnahmung der Opfer" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.