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Politik Holocaust-Überlebende erinnert im Bundestag an NS-Zeit
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17:18 30.01.2013
Bundespräsident Joachim Gauck bedankt bei Inge Deutschkron für ihre Rede vor dem Bundestag. Quelle: dpa
Berlin

Es ist 12.30 Uhr, als sich die kleine zierliche Frau mit den kurzen Haaren erhebt. Bundespräsident Joachim Gauck führt Inge Deutschkron zu ihrem Sessel direkt vor dem Podium der Parlamentsspitze.

Die 90-Jährige redet im Plenarsaal im Sitzen. Mit fester Stimme beginnt sie ihren Vortrag über ihr „zerrissenes Leben“, wie sie selbst ankündigt. Die ganz Rede wird zu einer ganz persönlichen Geschichte.

Vor genau 80 Jahren war Adolf Hitler etwa zu gleichen Zeit nur mehrere hundert Meter entfernt in der Alten Reichskanzlei in der Wilhelmstraße zum Reichskanzler ernannt worden. „Damit begann das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte“, sagt Bundestagspräsident Norbert Lammert zum Auftakt des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus.

Auch Inge Deutschkron beginnt mit diesem Ereignis. Als Zehnjährige hat sie die bejubelte Machtübernahme der Nazis in Berlin erlebt. „Dicht an dicht, so standen sie am Straßenrand, in jener Nacht des 30. Januar 1933, Männer und Frauen, Junge und Alte“, erinnert sie sich. Sie berichtet, wie die „neuen Herren“ in Uniformen noch am Abend des Tages triumphierend mit brennenden Fackeln durch das Brandenburger Tor marschierten und von Gesängen, die in den Straßen erklangen: „Wenns Judenblut spritzt, dann geht`s noch mal so gut.“

Es ist eine bewegende Gedenkstunde. Musikalisch erklingen im Plenarsaal jüdische Totengebete und Gedenkhymnen. Gebannt lauschen die Abgeordneten und die Mitglieder auf der Regierungsbank, als die deutsch-israelische Autorin weiterredet. Fast die ganze Zeit herrscht im Plenarsaal seltene Stille.

Inge Deutschkron erzählt, wie sich das Leben zu Hause in Berlin nach Hitlers Machtantritt fast schlagartig änderte. „Du gehörst jetzt zu einer Minderheit“, sagte ihr ihre Mutter damals. Sie selbst habe den Satz überhaupt nicht verstanden, weil die jüdische Herkunft der Familie bis dahin überhaupt keine Rolle spielte.

Von weiteren einschneidenden Erlebnissen erzählt die spätere Journalistin. Etwa als ihr Vater, ein bekennender Sozialdemokrat, den Brief von seiner Entlassung als Gymnasiallehrer in Händen hielt: „Nie zuvor und nie wieder habe ich meinen Vater so empört gesehen.“

Und sie berichtet von ihren Ängsten, die sie vor ihren Eltern verbarg. „Oft konnte ich des Abends nicht einschlafen und horchte auf die Tritte im Treppenhaus.“ Oder von den Erfahrungen mit dem „gelben Lappen“, dem Stern, den Juden auf ihrer Kleidung bald tragen mussten. Oder vom Umzug in ein „Judenhaus“, wo Wäschewaschen, Telefone oder sogar der Verzehr von Eiern verboten war.

Besonders eindringlich sind die Passagen über die Deportation der letzten Berliner Juden in die Vernichtungslager, der sie und ihre Mutter in Verstecken entkamen. „Dann waren sie alle weg, meine Familie, meine Freunde“, sagt die Rednerin. „Ich begann mich schuldig zu fühlen. Dieses Gefühl von Schuld verfolgt mich bis heute, es ließ mich nie weder los“, fügt sie hinzu.

An einigen Stellen schwingt aber auch tiefe Bitterkeit mit. Etwa als Inge Deutschkron erzählt, wie sie nach dem Krieg daran gegangen sei, die Wahrheit über die zurückliegende Zeit zu Papier zu bringen. Viele Deutsche hätten abgewinkt: „Vergessen Sie das doch. Es ist doch schon so lange her.“ Und immer noch empört ist sie über den ersten Nachkriegs-Kanzler Konrad Adenauer, weil der im Bundestag behauptet habe, eine Mehrheit der Deutschen sei gegen die Nazi-Diktatur gewesen. „Ach, wäre das nur die Wahrheit gewesen“, seufzt sie.

Und zum Schluss erinnert sie sich noch daran, wie ihr nach England entkommener Vater lange darauf gehofft hatte, einen Ruf zur Rückkehr als Lehrer nach Deutschland zu bekommen. „Doch diese Einladung kam nicht.“ Deshalb habe er schweren Herzens die britische Staatsangehörigkeit angenommen.

Eigentlich nur wenige richtig glückliche Tage habe sie in ihrem langen und bewegten Leben gehabt, hat Inge Deutschkron kürzlich einmal Bilanz gezogen. Der Auftritt im Bundestag, als ihr viele aufmerksam zuhörten, könnte einer dieser Momente gewesen sein.

dpa

Dieser Artikel wurde aktualisiert.

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