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Politik Helmut Kohl wird 80 Jahre alt
Mehr Welt Politik Helmut Kohl wird 80 Jahre alt
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19:49 02.04.2010
Von Reinhard Urschel
Ein Jahr vor seinem schweren Sturz präsentiert sich der Altkanzler 2007 bei einer 
Diskussionsveranstaltung in Lausanne noch genauso angriffslustig wie zu Regierungszeiten.
Ein Jahr vor seinem schweren Sturz präsentiert sich der Altkanzler 2007 bei einer 
Diskussionsveranstaltung in Lausanne noch genauso angriffslustig wie zu Regierungszeiten. Quelle: ap
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Anfang Mai wird es in Ludwigs­hafen am Rhein eine Geburtstagsfeier für Helmut Kohl geben. Um zu ermessen, was das für den nunmehr 80-Jährigen bedeutet, muss man sich für einen Augenblick das Leuchten in den Augen des Bundeskanzlers in Erinnerung rufen, wenn er bei Staatsbesuchen den Mächtigen dieser Welt von daheim erzählte. So warm und zugleich so stolz wie die Worte „meine Heimatstadt Ludwigs­hafen“ hat er sonst nur von der „Famillje“ und ihrer Bedeutung gesprochen. Die Feier mit hochrangigen Gästen wird im einzigen Repräsentativbau der Stadt sein, der ortstypisch „Pfalzbau“ heißt, „in de guud Schtubb“, wie man hier sagt. Der Wirkungskreis des großen alten Kanzlers ist wieder sehr klein geworden.

Es gab eine Zeit, da wäre Kohl nie hineingegangen in den Pfalzbau – wenn er überhaupt eingeladen worden wäre zu irgendwelchen Provinzfestivitäten. In der Industriestadt am Rhein haben jahrzehntelang „die Sozen“ regiert, der Oberbürgermeister war ein kleiner populärer Mann, an dem sich der schwarze Riese noch politisch abgearbeitet hat, als er schon längst rheinland-pfälzischer Ministerpräsident und auch noch, als er Bundeskanzler war. Die Großen der Welt, die Mitterrands, die Bushs, die Gorbatschows, die Thatchers, hat er in den Stadtteil Oggersheim gelockt, in seinen Bungalow in der Weimarer Straße. Aber die Sozen konnten den Staatenlenkern das Goldene Buch der Stadt noch so begehrlich entgegenstrecken, Kohl hat es stets zu verhindern gewusst, dass sie sich dort hineinschreiben. Den regierenden Sozialdemokraten hat er den Gefallen nicht getan, denen nicht.

Kohl und Oggersheim, das ist jetzt wieder ein Thema am 80. Geburtstag. Es ist ein wenig so, als sei der Alte heimgekehrt an den Ort seiner Jugend. Im benachbarten Friesenheim, woher er eigentlich stammt, sagen viele mit Blick auf den Mann im Rollstuhl, da schließe sich ein Kreis. Das mag ein wenig grob klingen, aber der Menschenschlag hier redet so, man sieht doch wie das Leben spielt: „Na alla“, es ist halt so.

Von seinen früheren Saunakollegen aus dem Hallenbad Nord leben nicht mehr viele. Seine Frau Hannelore liegt im Familiengrab auf dem Friesenheimer Friedhof begraben, neben den Schwiegereltern Hans und Cäcilie Kohl. Die Grabanlage ist nach der Beisetzung von Hannelore Kohl neu gestaltet worden von dem Pfälzer Bildhauer Gernot Rumpf, mit Tieren und Pflanzen aus Stein, ein wenig verspielt für manchen Geschmack. Die Friedhofsbesucher erzählen, früher sei der Herr Kohl ja noch selbst vorbeigekommen zum Gießen, aber seit er im Rollstuhl sitzt, könne er ja nicht mehr. Die Söhne, na ja, die lebten weit weg, und so sehe das Grab halt auch aus. Die Blätter vom Herbst liegen noch darauf, eine Schande sei das. So wird überall geredet auf deutschen Friedhöfen, aber wer möchte, kann auch den Vorwurf heraushören, jetzt, da er doch eine Neue hat, kümmert er sich nicht mehr. Vermutlich tut ihm der Friedhofstratsch zutiefst unrecht.

Kohls Lebensmittelpunkt ist seit einiger Zeit nicht mehr Berlin, die Wilmersdorfer Altbauwohnung, sondern wieder der Bungalow aus den siebziger Jahren, in dem sich seine Frau im Sommer 2001 das Leben nahm und in dem er 2008 nach einer gut überstandenen Knieoperation unglücklich stürzte und sich dabei den Schädel schwer prellte. Schädel-Hirn-Trauma diagnostizieren die Ärzte der Heidelberger Universitätsklinik und operieren den Altkanzler noch in der Nacht. Danach ist er in einem Zustand, in dem er Zuwendung, mehr noch, Hilfe braucht. Für Kohl eine völlig ungewohnte Erfahrung im Leben. Das alte Zirkuspferd, mit dem er sich selbst gern verglichen hat, das sofort zu tänzeln beginnt, wenn es die Musik hört, kann nicht mehr. Irgendwann, so sieht es aus, ist auch eine Rossnatur erschöpft.

Zuwendung erhält er von Monsignore Ramstetter. Mit den Brüdern Fritz und Erich, beide katholische Priester, ist er früher viel gewandert im Pfälzer Wald; Erich, der Ältere der beiden, ist so etwas wie der geistige Berater Kohls geworden in den vielen, vielen Jahren ihrer Freundschaft. Er ist es auch nach dem Sturz. Wann immer der Monsignore aber den Freund in der Reha-Klinik bei Heidelberg besucht, sitzt Maike Richter schon da. Kohl kennt die 34 Jahre jüngere Frau seit 2001. Er hat sie, so wird behauptet, zum ersten Mal wahrgenommen, als sie in sein Berliner Bundestagsbüro stürmt, zwei Bücher zum Signieren unterm Arm, für sich und ihre Mutter. Wer von den beiden Frauen aus dem Siegerland der größere Kohl-Fan ist, lässt sich schwer sagen. Maike Richter und Helmut Kohl hätten sich Mitte der Neunziger schon einmal begegnen können, als die studierte Volkswirtin als Leihgabe des Wirtschaftsministeriums in der wirtschaftspolitischen Abteilung des Kanzleramtes arbeitet. Als Kohl 1998 die Wahl verliert, wechselt Maike Richter, die auf keinen Fall unter Gerhard Schröder dienen will, zunächst in das Büro von Friedrich Merz, später dann in den Wirtschaftsjournalismus.

Nachdem der Wirbelwind das Büro des Altkanzlers mit den signierten Büchern unterm Arm verlassen hat, ist Kohl nicht mehr der Alte. Man sieht sich von Stund’ an häufiger, traut sich nach und nach, den gemeinsamen Radius zu vergrößern, bis rund um das Café Einstein endlich verstanden wird, dass der „Dicke“ eine Freundin hat. „Bild am Sonntag“ darf notieren: „Der alte Kanzler lebte in der Gegenwart der jungen Frau sichtbar auf.“ Alle sind angetan von der unkomplizierten, unprätentiösen, natürlichen jungen Frau. Die Lästermäuler bekommen erst später etwas zu tun, als „die junge Frau“ die Hosenanzüge von Hannelore aufzutragen beginnt. Da ist sie in der besseren Gesellschaft schon ein bisschen unten durch. Als es sich nach dem Tsunami an Weihnachten 2004 nicht mehr verbergen lässt, dass Kohl neben seinem Fahrer und persönlichen Alltagshelfer Ecki Seeber auch Maike Richter im Ayurveda-Hotel Paragon auf Sri Lanka dabei hatte, bekennt er sich offen zu seiner neuen Lebensgefährtin.

An ihrer Seite erlebt der politische Rentner Kohl, der in diesen Jahren wegen der Spendenaffäre von vielen seiner Parteifreunde noch immer geschnitten wird, noch einmal das volle Programm. Filmpremieren, Buchvorstellungen, Papstbesuch, Opernball in Frankfurt, ZDF-Fest in Berlin, Baumpflanzen in Sanssouci, Benefizgalas. Er lebt auf, nimmt wieder zu, nachdem er zwischendurch abgespeckt hatte. Die Gelenke halten das Gewicht nicht mehr, er braucht ein zweites künstliches Kniegelenk. Er erholt sich, dann passiert der Unfall.
Nun braucht Kohl nicht nur Zuwendung, sondern tatsächlich Hilfe. Es ist seine Maike, die jetzt immer für ihn da ist. Sie schiebt den Rollstuhl, sie pflegt ihn, sie bringt ihn noch zum Lachen. Es gibt auch Freunde, die feststellen müssen, dass sie ihn abschottet. Selbst alte Freunde klagen, dass an der Neuen schwerer vorbeizukommen sei als einst an Juliane Weber, der Büroleiterin und Türhüterin im Kanzleramt. Da fällt schnell das Urteil, die Kleine sei ein wenig zickig, ja, sie entwickle eine leichte Diven-Attitüde. Kohl sieht das nicht so. Sie ist sein Altersglück, die helle Seite der Oggersheimer Elegie. Als er im Mai 2008 beschließt, Maike Richter zu heiraten, erfahren seine Söhne durch die Post von der Eheschließung.

Es ist wiederum Monsignore Ramstetter, der die Dinge in ein mildes Licht rückt. Er soll ihm zugeredet haben zur Eheschließung und vollzieht auch die Trauung in der Kapelle der Reha-Klinik. Er sagt in der Öffentlichkeit „Sie liebt ihn wirklich“ und weist sanft, aber bestimmt Verdächtigungen zurück, es handele sich um eine Versorgungsehe. Bei Kohls Auftritt im Berliner Friedrichstadtpalast im Oktober 2009 kann sich die Öffentlichkeit davon überzeugen, wie hilfsbedürftig der Mann tatsächlich geworden ist. Sein weicher pfälzischer Zungenschlag verstärkt die Mühen des Sprechens bei den wenigen Sätzen, die man ihm abnötigt. Die Frau in der weißen Jacke neben ihm, Maike Kohl-Richter wie sie jetzt heißt, beugt sich über den Rollstuhl und zeigt ihm an, dass es genug sei, dass man nicht mehr von ihm erwarte.

Die Fehde mit seiner Heimatstadt Ludwigshafen hat der alte Fürst inzwischen beigelegt. Zu seinen Ehren wird Angela Merkel in den Pfalzbau kommen, wird Roman Herzog die Laudatio halten. Seine besondere Genugtuung wird es vielleicht sein, dass die Sozen nicht mehr das Rathaus halten. Seit 2002 ist Eva Lohse Oberbürgermeisterin von Kohls Heimatstadt. Sie ist von der CDU. Ihre Eltern gehörten zum heimatlichen Umfeld des Oggersheimers. In der kleinen Welt der Vorderpfalz sagen sie, dass Eva Lohse – auch wenn diese dem widerspricht – „Kohls Mädchen“ sei, nicht Angela Merkel. Kohl sieht das genauso. Der einzige lebende deutsche Staatsmann, von dem man sagen kann, dass er den Lauf der Welt mitbestimmt hat, ist wieder ganz daheim.