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Politik Hat Greta recht?
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07:04 05.04.2019
Was wollen die jungen Menschen plötzlich auf der Straße? In Hunderten Städten auf der ganzen Welt demonstrieren Schüler gegen den Klimawandel – und gegen die Behäbigkeit der Erwachsenenwelt. Quelle: RND-Montage
Hannover

Es ist nur ein kurzer Moment, eine kleine Geste. Aber sie steht symbolhaft für das hilflose Hadern der Älteren im Umgang mit der zornigen Jugend. Da beugt sich Jean-Claude Juncker, der mächtigste Europäer, herab zu Greta Thunberg und haucht einen unschlüssigen Kuss auf den Handrücken der schwedischen Klimaaktivistin. Er wirkt linkisch. Gönnerhaft. Die alten Charmeursrituale ziehen nicht mehr. Die knapp 1,50 Meter große 16-Jährige las dem 64-Jährigen trotzdem die Leviten: Alle Politiker, die sich jetzt nicht kümmerten, sagte sie, würden dereinst zu den „größten Versagern der Geschichte“ gezählt. Juncker guckte sparsam.

Eine Generation ist wütend. Sie ist laut. Sie demonstrierte zuletzt in 1600 Städten in 105 Ländern der Erde. Zehntausende Schüler und Studenten gehen jeden Freitag in Deutschland auf die Straße, in Belgien, in Australien und Kanada, im Senegal, in Brasilien und auf Grönland. Viele Ältere hierzulande beobachten den Aufstand mit einer Mischung aus Nachsicht und Irritation. Die Schulpflicht! Diese Naivität! Und man muss doch auch an die Arbeitsplätze in der Braunkohleindustrie denken! Aber man staunt auch: Das sind ja gar nicht alles unpolitische Smartphone-Zombies.

Die Botschaft lautet: Kümmert Euch. Punkt.

Mit ihrem heiligen Ernst, ihrer Beharrlichkeit und Schmerzfreiheit irritiert Greta Thunberg viele Erwachsene. Wirkt sie nicht wie die Marionette mächtiger Hinterleute? Gleicht die Gretamania nicht einem Heiligenkult? Für viele Jüngere aber hat die unverblümte Schlichtheit ihrer Botschaft – begünstigt durch das Asperger-Syndrom, das keine Zwischentöne zulässt – eine große Verführungskraft. Thunbergs Klage ist nicht komplex. Sie lautet: Ihr bringt uns um unsere Zukunft. Kümmert euch gefälligst. Punkt.

Und sie ist nicht allein. Eine ganze Reihe junger Aktivisten steht sinnbildlich für die politisierte Generation der Nach-Millennials: Der 21-jährige Deutsche Felix Finkbeiner pflanzt mit seiner Organisation Plant-for-the-Planet Bäume, seit er elf Jahre alt ist. In den USA wurde die 17-jährige Schülerin Emma González nach dem Schulmassaker von Parkland 2018 zum Gesicht der Anti-Waffen-Bewegung. Und der 18-jährige Amerikaner Xiuhtezcatl Martinez sprach mit 15 Jahren vor den UN und ist heute Direktor der Jugendorganisation Earth Guardians.

Klimaaktivistin Greta Thunberg steht während einer Kundgebung auf dem Rathausmarkt in Hamburg auf der Bühne. Quelle: dpa

Widersprüche? Zwänge? Blenden die jungen Idealisten aus. „Wir können die Welt nicht retten, indem wir uns an die Spielregeln halten“, sagt Thunberg. Aber es geht um viel mehr als das Klima. Es geht um das diffuse Gefühl der jungen Generation, um ihre Zukunft betrogen zu werden. Die Elterngeneration zerstört in ihren Augen den Planeten. Sie erhöht den Druck in Schule und Studium. Sie reduziert die Jungen auf ihre Funktion als frische Brainware für die Industrie. Das ist die Grundstimmung. Der Streit um das Urheberrecht im Internet etwa trieb auch deshalb Zehntausende auf die Straße, weil er einem Kulturkampf glich. Das Gefühl der Digital Na­tives: Politik und Konzerne versuchen mit gestrigen Mitteln, sich das Netz untertan zu machen, dessen Freiheit für uns so wichtig ist wie die Luft zum Atmen. Die Älteren entgegnen: Niemand will die Freiheit beschneiden, es geht um Rechte, Eigentum und Fairness. Das Ergebnis: Ohnmachtsgefühle hier, Unverständnis dort. Ein digitaler Generationenkonflikt.

Greta lässt die Älteren an ihrem Selbstbild zweifeln

Und die Älteren, die sich doch selbst für so progressiv und tolerant hielten, staunen über die analogen Straßenproteste: Echt? Klima und Internet? Das sind die Themen, die euch mobilisieren? Sicher ist: Man darf die „Fridays for Future“-Proteste weder als putziges Modeevent für sinnsuchende Schulschwänzer diffamieren noch als Weltenbrand mit umstürzlerischer Kraft verklären.

Serie: Die Greta-Frage

Immer freitags demonstrieren seit Monaten Schüler aus aller Welt gegen den Klimawandel. Was wollen die Schüler, die unter dem Motto „Fridays for Fu­ture“ der 16-jährigen Schwedin Greta Thunberg folgen – und dabei zum Ärger mancher Erwachsener die Schule schwänzen? Droht ein großer Generationenkonflikt? Wie viel Zeit bleibt wirklich noch, um den Klimawandel zu stoppen? Und gibt es nicht auch gute Gründe, dem Kampf gegen den Klimawandel nicht alles andere unterzuordnen? In einer kleinen Serie widmen wir uns in den nächsten Wochen freitags diesen Fragen.

Ein globaler Aufbruch? Eine „erwachte“ Generation? Wie nachhaltig diese Bewegung selbst ist, die so vehement für Nachhaltigkeit wirbt, ist noch offen.

Was diese Generation neben Fatalismus und Tatenlosigkeit am meisten hasst, ist freundliches Desinteresse. Die liebenswürdige Nachsicht der Älteren. Jaja, man war ja auch mal jung. Und man habe damals ja auch selbst gegen die Pershing-II-Raketen protestiert, Castortransporte blockiert oder im zweiten Golfkrieg 1991 „Kein Blut für Öl!“ gerufen. Das waren Zeiten. 61 Prozent der Deutschen begrüßen die Schulstreiks. Aber wirklich ernst nehmen? Gar politisch reagieren? Dafür gibt es keine Anzeichen.

Es gehen tiefe Risse durchs Land. Zwischen politischer Elite und dem „Volk“. Zwischen Ost und West. Und zunehmend auch zwischen Jung und Alt. Mit Fug und Recht darf die neue Klimajugend die Frage stellen, ob die großen Öko- und Friedensbewegungen der Siebziger- und Achtzigerjahre nicht in Wahrheit gescheitert sind. Was es eigentlich gebracht hat, Bäume zu umarmen und „Das weiche Wasser bricht den Stein“ zu singen. Der Planet ist so dreckig wie noch nie. Der Kalte Krieg ist brandgefährlichem Alltagsterror gewichen. Sieben der zehn größten Klimakiller Europas sind deutsche Kraftwerke.

Sind die Grünen-Gründer gescheitert?

Die erste Generation der Umweltschützer hat das Nischenthema Naturschutz zum Alltagsthema gemacht. Klimapolitik ist kein Gedöns mehr, Umweltbewusstsein keine Luxustugend. In der Theorie waren die Generation der Grünen-Gründer also erfolgreich. In der Praxis aber hat sie versagt. Die globalen Treibhausgas-Emissionen lagen 1992 bei 22 Milliarden Tonnen im Jahr. Passiert ist wenig. Heute sind es 37 Milliarden. Das ist es, was die streikenden Schüler anprangern. Dass die Älteren den Klimawandel seit Jahren nur noch auf der Mikroebene von Dosenpfand und Dieselfahrverbot diskutieren.

Ja, viele der Protestler sind Mittelschichtskinder, die in materiellem Wohlstand aufwuchsen. Ja, Thunberg ist die medial tauglichste Ökogalionsfigur seit Knut, dem Eisbären. Und ja, manchem Protestler fahren Mama und Papa – selbst ja im Geiste der Grünen-Bewegung politisiert – gewiss stolz die glutenfreie Stulle hinterher, wenn auch im Porsche Cayenne. Aber Markenklamotten und ein gewisser Hang zum Protestplakatkitsch („Eure Kinder durften noch Schnee erleben, aber was ist mit unseren?“) machen ihre Ziele ja nicht weniger richtig. Es ist eine pragmatische Generation. Ihr geht es nicht mehr um den guten Geist der Sonnenblume. Sie fordern Lösungen, keine Idyllen. Die Flucht ihrer Eltern in urbane grüne Oasen mit Lastenfahrrad und Rohkost ist für sie keine Option. Rückzug aus der Moderne? Stromlos in die Zukunft? Nicht doch. Gern darf auch coole Technologie helfen bei der Weltenrettung.

Demonstrationen in Hunderten Städten auf der ganzen Welt: Fridays-for-future-Demonstration in Herford. Quelle: www.imago-images.de

„Das ist der signifikante Unterschied: Im Gegensatz zur vordergründigen Rebellion der 1968er setzt diese Generation Haltung in Handlung um, startet Projekte, stellt konkrete Forderungen“, schreibt der Wirtschaftsphilosoph Anders Indset.

Die schlichte Botschaft, dass man die Pflege des Planeten nicht profitorientierten Konzernen und prestigeorientierten Machtpolitikern überlassen kann, ist nicht neu. Noch jede jüngere Generation hat sich die Schaffung einer anderen Welt auf die Fahnen geschrieben. Es ist das Privileg der Jugend, „dagegen“ zu sein, Verkrustungen aufzubrechen, Utopisches zu fordern, von den Wandervögeln der Kaiserzeit über die Flapper Girls der Zwanzigerjahre, die Hippies und revoltierenden Bürgerkinder der Sechziger bis zu den Ostermärschen.

Neu ist das schlechte Gewissen der Älteren

Neu ist heute das schlechte Gewissen vieler Älterer den Jungen gegenüber. Denn auch sie ahnen, dass diese Generation es erstmals nach dem Krieg nicht mehr besser haben wird als die vorherige. Dass die wirklich fetten Jahre vorbei sind. Neu ist auch, dass das tradierte Machtgefälle der Generationen ins Wanken gerät. Was, wenn die Rezepte der Alten nicht mal mehr für die Gegenwart taugen – geschweige denn für die Zukunft? Wenn sich der Planet so rasend schnell dreht, dass die Methoden von vor 20 Jahren Schnee von gestern sind? Kurz gefragt: Was, wenn Greta Thunberg recht hat und wir Älteren es nicht merken? „Was bei der Jugend wie Grausamkeit aussieht, ist meistens Ehrlichkeit“, schrieb Jean Cocteau.

Wie Mehltau liegen Konsens und Kompromiss über der Gesellschaft. Es ist das Kernprinzip der Demokratien. Das ganze politische System ist darauf ausgerichtet. Bei Themen wie dem Klimawandel aber gerät es an seine Schmerzgrenze. Man kann eben nicht ein bisschen das Klima retten.

„Deutschland braucht etwas wie die Mondlandung“: Schüler-Demonstration. Quelle: dpa

Deutschlands Bevölkerung ist nach der Japans die zweitälteste der Erde. Nur drei von 709 Bundestagsabgeordneten sind nach 1990 geboren. Die vergreisende Republik ist über den Punkt hinaus, an dem sie sich an den Resten ihrer Jugendlichkeit berauscht, an Klettertouren für Senioren und rappenden Rentnern. Sie ist müde, bis zur Erstarrung durchreglementiert und nach 14 Jahren unter der Regentschaft einer antivisionären Pragmatikerin unfähig, noch den Geist der Utopie zu beschwören. Überall geht es nur noch um Eigeninteressen, das führt zu lähmender Handlungslethargie. „Deutschland braucht etwas wie die Mondlandung“, sagte Ralph Brinkhaus, Fraktionsvorsitzender der CDU/CSU im Bundestag, jüngst. Wenn es das mal wäre.

Es ist leicht, sich über Greta und ihre Fans zu erheben. Über das Pathos ihrer Reden („Ich will, dass ihr in Panik geratet!“). Über die Zöpfe unter ihrer Mütze, ihre kindliche Erscheinung. Man solle den Klimaschutz doch lieber „Profis überlassen“, lästerte FDP-Chef Christian Lindner herablassend. Kinder erziehen ihre Eltern? Die Generation „Sitz still und iss auf!“ ist irritiert.

Greta schlägt Hass von rechts entgegen

Von rechts schlägt Greta geballter Hass entgegen. In der Welt der zornigen Reaktionäre ist es undenkbar, dass 16-jährige Menschen eine eigene Agenda haben könnten. Greta – eine altkluge Marionette grüner Überzeugungstäter! Es sei ein „Kinderkreuzzug, der von Erwachsenen ausgeht, die sich dem Realitätsprinzip verweigern“, giftet Matthias Matussek in der „Jungen Freiheit“. Die „Klimahysterie“ von „Feinstaub-Greta“ sei „zur Ersatzreligion mutiert“, ätzt „Compact“. Getroffene Hunde bellen. Menschen, die sich von einer 16-Jährigen in die Raserei treiben lassen, disqualifizieren sich für eine ernsthafte Auseinandersetzung. Eine Autistin in eine Richtung steuern, die ihr nicht behagt? Eine absurde Idee. Der Klimawandel ist keine Frage des Glaubens. Außerhalb der kleinen, rechten Filterblase ist er Realität.

Genauso falsch wie Verteufelung freilich ist es, Greta als „größten Schatz unserer Gesellschaft“ („Berliner Morgenpost“) zu glorifizieren oder sie gar mit den biblischen Propheten zu vergleichen, wie Katrin Göring-Eckardt (Grüne). Die Goldene Kamera für Thunberg wird den Planeten nicht retten, auch nicht der Friedensnobelpreis, für den sie im Gespräch ist. Auch sie wird sich angreifbar machen – nicht mehr nur durch die Tatsache, dass es bei derselben TV-Gala, bei der sie preisgekrönt wurde, einen dicken SUV als Hauptgewinn gab.

Aber es ist eine clevere, gut vernetzte Generation, die sich da im Geiste ihrer eigenen Zukunft politisiert. Ihr Verdienst besteht schon jetzt darin, das strukturelle Versagen der Politik offengelegt zu haben. Ungeduld ist eine Tugend, wenn es um die Erde geht.

Eine 16-jährige, die viel jünger wirkt, streckt den Finger aus und ruft: „Der Kaiser ist nackt.“ Es könnte sein, dass sie recht hat.

Von Imre Grimm/RND

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