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Politik Guttenberg ist der Star am Aschermittwoch
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22:25 09.03.2011
So locker, so heiser wie lange nicht: CSU-Chef Horst Seehofer beim politischen Aschermittwoch in Passau. Quelle: dpa
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Die Fastenzeit hat die Politik erreicht, und traditionell setzt die CSU den Maßstab auch für die anderen Parteien. Ohne den fast allgegenwärtigen Karl-Theodor zu Guttenberg nutzte CSU-Chef Horst Seehofer in Passau die Gelegenheit, sich und die Seinen als politisch unverzichtbar für Bayern und für Deutschland aufzubauen.

10.50 Uhr, Bayerns Ministerpräsident betritt das Podium. Das Spiel des Horst Seehofer beginnt, von da oben mit denen da unten. So locker, so heiser hat man den mächtigen CSU-Chef schon lange nicht mehr gesehen. Es gibt politische Rücktritte, die wirken offenbar auch befreiend. In Abwesenheit des zurückgetretenen Verteidigungsministers zeigt Seehofer klare Kante: „Wir lassen uns diese deutsche Leitkultur mit der christlichen Prägung von niemandem aushebeln.“ Die Erwähnung des Begriffs „türkischer Ministerpräsident“ genügt für ein lautes Pfui aus der Menge. Seehofer kündigt eine Verfassungsänderung in Bayern an, die Migranten dazu zwingen soll, sich zum deutschen Wertesystem und deutscher Sprache zu bekennen: „Integration ist von den Migranten zu fordern“, sagt Seehofer. Politik ist kurz und präzise.

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In der Messehalle von Passau, einem schmucklosen Neubau mit dem Charme einer Entsorgungshalle auf dem nächstgelegenen Recyclinghof, warten mehr als 4000 Menschen auf ihre Stichworte. Die heißen an diesem Mittwoch: Islam, Türkei, Kommunisten – so weit alles bekannt. Aber alles wird in den Schatten gestellt von der Beschwörung eines jungen Adeligen. 77 Minuten lässt Horst Seehofer seine Freunde und Fans aus Peine, Passau oder Posemuckel darauf warten.

„Ganz Deutschland steht zu Karl-Theodor zu Guttenberg.“ Einer aus dem Schwäbischen reckt sein Schild hoch: „KT – Minister der Herzen.“ Im wenige Kilometer entfernten Vilshofen fürchtet SPD-Mann Frank-Walter Steinmeier um die bürgerlichen Werte und Tugenden. Die Linke schließt sich in Tiefenbach an. Und die Grünen veräppeln in Landshut den gescheiterten Promovenden. Alle Parteien kreisen um einen Baron – und pünktlich dazu veröffentlicht das Forsa-Institut eine Umfrage, nach der sich 62 Prozent der Deutschen zu Guttenberg zurück auf die politische Bühne wünschen.

In Passau versucht Seehofer, die Schockstarre seiner Partei aus den ersten Tagen nach dem Guttenberg-Rücktritt zu überwinden. „Stolz darauf“ sei er, dass es keine einzige Stimme in der CSU gegeben habe, die Kritik an dem Minister ohne Doktortitel geübt habe. Die Bierkrüge klingen, der Gerstensaft schwappt über den Rand. Bei der Wahrheit kommt es immer auf den Promillewert an. Guttenberg habe die Stärke gehabt, zu seinen Fehlern zu stehen. „In einer Demokratie hat eine solche Haltung Respekt verdient.“ Und direkt an Guttenberg gerichtet, der sicher vor dem Fernsehschirm sitze, ruft der CSU-Chef: „Du bist einer von uns, bleibst einer von uns, und wir wollen, dass du wieder zurückkehrst in die deutsche Politik.“ Der Applaus in der Halle scheint kein Ende nehmen zu wollen.

Manche Parteianhänger wollen gehört haben, dass Guttenberg im Oktober schon wieder als Kandidat für das Amt des CSU-Vize bereit stehe. „Blödsinn“, verkündet Generalsekretär Alexander Dobrindt. In Wahrheit macht man sich in der CSU-Spitze mit dem Gedanken vertraut, dass es künftig wohl ohne den Anführer Guttenberg gehen müsse. Nur sagen will man das in Passau nicht. Sonst wäre doch die Stimmung gleich wieder dahin.

Stattdessen greift Seehofer die Opposition scharf für ihre Kritik an Guttenberg an. „Aus der Partei der Steinewerfer und der Stasi-Kommunisten lassen wir uns nicht Anstand und Moral vorhalten“, donnert der Ministerpräsident. Das Publikum jubelt. An der Saalwand steht ja nicht nur: „KT – Du bist einer von uns“, sondern auch: „Sozis heißen’s – Kommunisten sind’s“. An Tagen wie diesen macht man mit kurzen Botschaften Politik.

Früher wurden hier um die Ecke 1500 Rindviecher am Aschermittwoch verkauft, hinterher traf man sich zum Saufen und Reden. Dann kam die Tradition des politischen Stammtisches mit Franz Josef Strauß auf. Mehr und mehr wurde die Angelegenheit zur Tradition, Parteien aller Art hängten sich dran mit Kundgebungen und flotten Sprüchen.

In diesem Jahr sollte alles ganz anders werden. Erst gab es Tausende Kartennachfragen wegen Karl-Theodor zu Guttenberg, dem risikofreudigen Minister. Dann gab es viele Kartennachfragen wegen Karl-Theodor zu Guttenberg, dem ehemaligen Minister. Und Seehofer zeigt sich als „ein loyaler, treuer, harmonischer, dem Streit entzogener Zögling der Kanzlerin“ – vergelt’s Gott.

Dieter Wonka

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