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Politik Guttenberg gilt als neuer Hoffnungsträger der Union
Mehr Welt Politik Guttenberg gilt als neuer Hoffnungsträger der Union
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08:57 16.03.2009
Von Stefan Koch
Wer macht sich zum Krisenmanager der Nation? Der forsche junge Wirtschaftsminister Guttenberg (rechts) - oder der erfahrene Finanzminister Steinbrück? Quelle: Michael Kappeler/ddp
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Stattdessen hat die Öffentlichkeit nur noch Augen für den Neuen. Karl-Theodor zu Guttenberg ist erst seit Mitte Februar Wirtschaftsminister. Aber er hat sein Haus schon aus dem Dornröschenschlaf geweckt. Und er arbeitet hartnäckig daran, Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) den Rang als Krisenmanager der Nation abzulaufen.

Der neue Mann der deutschen Wirtschaft hat es eilig. Gegen den Willen der Kanzlerin fordert er Ausnahmen von der Mehrwertsteuer, hält Insolvenzen bei Opel oder Schaeffler nicht per se für Teufelszeug und versucht sogar in der Konjunkturflaute, der Tourismusbranche Optimismus einzuhauchen. Obwohl erst frisch im Amt, geht Guttenberg die großen Konfliktfelder unerschrocken an.

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In den Medien tritt der Mann mit den stets gegelten Haaren bemerkenswert anders auf als seine altgedienten Kabinettskollegen: Immer stilbewusst, zumeist gutgelaunt und nie langweilig. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Stefanie Gräfin von Bismarck-Schönhausen kommt dem Freiherrn vom Schloss Guttenberg im Dörfchen Guttenberg sicherlich ein gewisser Glamourfaktor zugute. Doch reicht das alles aus, um den beschwerlichen Weg durch eine Wirtschaftskrise zu überstehen?

Der amerikanische Nobelpreisträger und Wirtschaftsguru Paul Krugman hielt den Deutschen in dieser Woche vor, die Weltwirtschaftskrise noch gar nicht „begriffen“ zu haben. Berlin würde die Augen davor verschließen, dass die Weltwirtschaft außer Kontrolle gerate. Ist es in dieser Situation angebracht, einen 37-jährigen Juristen zum Wirtschaftsminister der größten europäischen Volkswirtschaft zu ernennen?

Guttenberg traut sich das zu. Eilige Kritiker, die ihm mangelnde Erfahrung vorwarfen, rudern bereits vorsichtig zurück. Tatsächlich gelang es ihm nach seinem Amtsantritt, sich nicht allzu schnell in eine Schublade pressen zu lassen. Aus den Reihen des Koalitionspartners wurde Guttenberg zunächst nur als „Herr Von und Zu“ bespöttelt. Doch Spott ist bei seinen Gegnern längst einer Mischung aus Anerkennung und Sorge gewichen. Anerkennung für die gute Figur, die Guttenberg öffentlich auch bei politischen Debatten im Bundestag abgegeben hat. Sorge, weil er Steinbrück tatsächlich seine Reputation als eigentlicher Krisenmanager der Koalition streitig machen könnte.

Guttenberg wie Steinbrück scheinen die Auseinandersetzung angenommen zu haben. Wann immer der eine sich zu Fragen der Wirtschaftskrise einlässt, verwirft der andere diese Einlassung als unsinnig. So war es, als Steinbrück sich mit dem Segen der Kanzlerin dafür einsetzte, Opel um jeden Preis zu retten – und der Frischling im Wirtschaftsressort die Kanzlerin innerhalb kürzester Zeit überzeugte, dass „jeder Preis“ eben nicht gezahlt werden sollte. So ist es im Streit um die Enteignung der Hypo Real Estate oder bei der Senkung des Mehrwertsteuersatzes für Friseure und Gastwirte und bei der Nachbesserung der Unternehmenssteuerreform. Immer wieder wurde Steinbrück vom Neuling herausgefordert.

Guttenberg trat erst vor knapp zehn Jahren in die CSU ein, 2002 wurde er in den Bundestag gewählt, im November vergangenen Jahres begann sein rasanter Aufstieg: Parteichef Horst Seehofer machte ihn zunächst zum CSU-Generalsekretär, dann zum Wirtschaftsminister. Der Senkrechtstart kam unerwartet. Oder, wie es Guttenberg selbst formuliert: „Der Zufall kann ein wunderbarer Regisseur sein.“

Erst profitierte der Nachwuchsstar von der Krise in der eigenen Partei, jetzt kommt ihm die Krise der gesamten Wirtschaft zugute. Vom „Glück im Unglück“ spricht bereits das Umfeld der Kanzlerin: Guttenberg, so wird gemunkelt, könnte der gesamten Union wieder zu einem ernsthaften wirtschaftspolitischen Profil verhelfen. Die Erwartungen sind ungebremst.

Die Wirtschaftsliberalen in den eigenen Reihen fordern, dass er sich trotz aller Turbulenzen an ordnungspolitische Leitsätze der Vorkrisenzeit hält. Doch das sagt sich so leicht, wenn bei Opel 26 000 Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen und die doppelte Zahl in der Zuliefererindustrie. Oder Schaeffler. Der Konzern gilt ausgerechnet in Guttenbergs fränkischer Heimat als wichtige Stütze des Wirtschaftslebens – geradezu „systemisch“.

Einen Vorgeschmack auf die schwierigen Gespräche dürfte es an diesem Montag geben, wenn Guttenberg in den USA in die ersten direkten Verhandlungen über die Zukunft der GM-Tochter Opel einsteigt – und bei der Gelegenheit mit Steinbrücks amerikanischem Ressortkollegen, Finanzminister Timothy Geithner, zusammentrifft. Dass er in New York und Washington selbstbewusst auftritt, gilt als sicher: Guttenberg spricht fließend Englisch, pendelt seit Anfang der neunziger Jahre geschäftlich regelmäßig zwischen Franken und Manhattan und überraschte seine Parteifreunde auf der Münchener Sicherheitskonferenz im Februar, als er von der amerikanischen Delegation wie ein alter Freund begrüßt wurde.

CSU-Chef Horst Seehofer wird genau darauf achten, dass sein Mann auch auf seiner Dienstreise nach Washington seine Vorgaben ausführt. Guttenbergs Mission ist immer auch eine Mission für die CSU, die gegen den Abstieg aus der Bundesliga kämpft, die mit allen Mittel verhindern will, als Regionalpartei gewertet zu werden. Wenn der junge Bundesminister als Krisenmanager in Berlin taugt, dann taugt er auch zur Erneuerung des Ansehens der CSU, die ihre Krise längst nicht überwunden hat.

Krisenzeiten bieten eben eine Menge Chancen. Aber auch unzählige Risiken.