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Politik Grünruck in Europa – So ging es hinter den Kulissen der Parlamentswahlen zu
Mehr Welt Politik Grünruck in Europa – So ging es hinter den Kulissen der Parlamentswahlen zu
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00:13 27.05.2019
Großes Interesse: Im Plenarsaal verfolgen Journalisten den Verlauf des Wahlabends. Quelle: Tom Sundermann
Brüssel

Es ist wenige Sekunden nach 18 Uhr, da gellt ein lauter Jubelschrei durch das Europäische Parlament in Brüssel. Die Richtung ist schnell ausgemacht, denn der enge Gang ist mit grünen Pflanzen dekoriert und der Fraktionssaal der Europäischen Grünen in der Parteifarbe erleuchtet. Im Inneren ruft eine Frau: "Das gibt es doch nicht!"

Wo es eben noch Apfelsaft gab, sind schnell die ersten Flaschen Sekt geöffnet, auf einem Tisch stehen Obst und andere Snacks, in der Luft liegt Erleichterung – vielleicht sogar so etwas wie Aufbruchstimmung. Laut Prognose zu der Zeit ist die Fraktion von gut 10 auf etwas mehr als 20 Prozent gesprungen. Ein Grünruck also, der erwartete und befürchtete Rechtsruck ist ausgeblieben; wenngleich auch die AfD in ersten Prognosen zulegt - von 7 auf knapp über 10 Prozent. Verlierer sind die Volksparteien.

Das ist die Expedition EU

Die Expedition EU ist ein crossmediales Projekt der Zeitungsgruppe Neue Westfälische, des Redaktionsnetzwerks Deutschland, dem europäischen Radionetzwerk Euranet plus, Podcastfabrik und den OWL Lokalradios. Drei Reporter berichten in den 15 Tagen vor der Europawahl täglich aus 15 Ländern. Die Recherchereise wird unterstützt von der Bertelsmann Stiftung.

Wie also ist die Stimmung in der S&D-Fraktion, zu der auch die SPD gehört? Um das herauszufinden, sind es rund zwei Minuten Fußweg, mitten durch den Raum der Fernsehteams, in dem unzählige Reporter in allen Sprachen der Welt in ihre Mikrofone und Kameras sprechen. Über 1400 Journalisten sind angemeldet, so viele wie noch nie.

Wie entscheidend diese Abstimmung für die Zukunft der Union ist, scheint Konsens – auch bei den Wählern: 60 Prozent haben sich beteiligt. Rekord. Schlecht für die Sozialdemokraten: Ihr Stimmenanteil hat sich nahezu halbiert. Im Fraktionssaal sind zufriedene Gesichter erst zu sehen, als das Buffet aufgetischt wird. Totengräberstimmung? Hier nicht. Das mag auch daran liegen, dass die Spitzenkandidaten sich in ihrem heimischen Wahlkreisen rechtfertigen müssen. SPD-Frontfrau Katarina Barley versichert unterdessen in Berlin, sie habe alles gegeben, mehr sei nicht gegangen.

Volksfest vor dem Gebäude

Überhaupt sind die Fraktionssäle an diesem Tag nur Treffpunkt für die zweite Reihe der Parteien. Manche sind praktisch komplett verwaist – Beleg: der Raum der nationalistischen Fraktion EFDD, zu der auch die AfD gehört. Reporter werden mit großer Skepsis empfangen, man wisse ja nicht, ob man Wunden lecken müsse, beklagtein Mitarbeiter.

Und falls es mehr Stimmen gibt als erwartet? Auch dann werde man hier keinen Sekt sehen, man wolle sich nicht bedienen am Geld der EU. Wenig später will er Interview mit einem Politiker der AfD vermitteln: „Der Krah, unsere Nummer drei ist hier.“ Wer freundlich ablehnt, bekommt eine Visitenkarte in die Hand gedrückt.

Vor dem Gebäude des EU-Parlaments ist ein Volksfest im Gange. Live-Musik, Essen, ein kleines Mädchen schwenkt eine EU-Flagge und wird fotografiert. Als die Wahlbeteiligung über Lautsprecher bekannt gegeben wird, brandet Applaus auf. Auch parteiübergreifend wird diese Nachricht positiv bewertet - die europäische Demokratie, sie lebt.

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Von Tom Sundermann, Joris Gräßlin und Matthias Schwarzer/RND

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