Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Politik „Gorch Fock“ hat Kieler Heimathafen in Sichtweite
Mehr Welt Politik „Gorch Fock“ hat Kieler Heimathafen in Sichtweite
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:34 05.05.2011
Das Segelschulschiff der Marine, die Gorch Fock, liegt auf der Kieler Förde vor Anker. Quelle: dpa
Anzeige

Die „Gorch Fock“ ist zurück in der Heimat. Nach einer achteinhalbmonatigen Südamerika-Fahrt, die vom Unfalltod einer Kadettin und Schlagzeilen über angebliche Schikane und unwürdige Rituale an Bord überschattet wurde, macht der Dreimaster am Freitag im Heimathafen Kiel fest. Es wird ein Riesenandrang erwartet: 1500 Angehörige, Freunde und Kollegen wollen kommen, 80 Journalisten haben sich akkreditiert. Unterdessen verstärken sich Signale, dass die „Gorch Fock“ Marine-Ausbildungsschiff bleiben kann.

Am Donnerstag ging die Bark in der Strander Bucht vor Anker, den Heimathafen fast in Sichtweite. „Die Stimmung ist ausgesprochen gut und gelöst“, sagte Fregattenkapitän Achim Winkler. An Bord war Marine-Inspekteur Axel Schimpf, der am Vortag in der dänischen Hafenstadt Frederikshavn zugestiegen war. Der Vizeadmiral sprach mit allen 181 Mitgliedern der Stammbesatzung und der Segelcrew zum Teil sehr persönlich. Offiziersanwärter sind nicht mehr dabei, nachdem ihre Ausbildung wegen des Todes der 25 Jahre alten Offiziersanwärterin abgebrochen worden war.

Anzeige

Der Marine-Inspekteur überbrachte Grüße von Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU): „Nach über 23 000 Seemeilen und 250 Abwesenheitstagen hat die Besatzung im Verlauf der Reise seemännische Herausforderungen angenommen, auf die sie zu recht stolz sein kann“, lobte der Minister.

Eine Stellungnahme des Ministeriums zu den Vorkommnissen steht noch aus. Er wolle so zeitgerecht Stellung nehmen, „dass eine Beratung im Verteidigungsausschuss in der ersten Sitzung im Juni vorgesehen werden könnte“, heißt es in einem Schreiben de Maizières an den Verteidigungsausschuss des Bundestages, das der dpa vorliegt und über das die „Financial Times Deutschland“ am Donnerstag vorab berichtete. Ermittlungen der Kieler Staatsanwaltschaft zum tödlichen Sturz der Kadettin aus der Takelage in Brasilien im November sollen noch diesen Monat abgeschlossen werden. Eine Havarieverhandlung ist am 24./25. Mai.

Eine Marine-Kommission hat in einem 98-seitigen Bericht Angaben über angebliche Schikane und Ekel-Rituale an Bord weitgehend entkräftet. Allerdings hat sich das Ministerium von dem Bericht distanziert. Es ging um Vorwürfe, die Schlagzeilen machten: Von sexueller Nötigung, überzogenem Drill, Alkoholexzessen, Führungsdefiziten, einer Karnevalsfeier kurz nach dem Tod der Kadettin oder auch von einer Wanne voller angeblich verdorbener Lebensmittel bei einer Äquatortaufe war die Rede. Die Marine zog das Fazit, die Vorwürfe hätten sich zum Großteil als nicht haltbar erwiesen oder seien überzogen dargestellt worden.

Nachdem die Zukunft der „Gorch Fock“ als Ausbildungsschiff offen infrage gestellt worden war, nehmen Anzeichen zu, dass es weitergehen könnte. FDP-Verteidigungsexpertin Elke Hoff erklärte am Donnerstag, es gebe in den Fraktionen eine Tendenz zum Erhalt der Institution „Gorch Fock““ innerhalb der Marine. „Voraussetzung ist aber, dass alles dafür getan wird, dass das Schiff aus den Schlagzeilen kommt“, sagte Hoff der „Leipziger Volkszeitung“ (Freitag).

Im Verteidigungsausschuss gibt es eine klare Mehrheit zugunsten der „Gorch Fock“. Zuletzt äußerte sich auch der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus positiv: Er habe sich überzeugen lassen, dass bei der Segelausbildung besondere seemännische Fähigkeiten vermittelt werden und eine Charakterformung stattfindet, die anders gar nicht oder nur schwer zu erreichen wäre. Eine Kommission soll ab nächster Woche die Ausbildung bewerten und Verbesserungen vorschlagen.

Die „Gorch Fock“ kommt unter dem Kommando von Michael Brühn zurück, nachdem der damalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) Kapitän Norbert Schatz während der Reise abgelöst hatte. Diese Entscheidung stieß in der Marine ebenso auf Kritik wie der Abbruch der Ausbildung. Welche Aufgabe der zum Marineamt in Rostock abkommandierte Schatz künftig übernehmen wird, ist offen.

Noch am Donnerstag wollte der Kieler Landtagspräsident Torsten Geerdts (CDU) an Bord der „Gorch Fock“ gehen, um mit der Besatzung zu sprechen. Das Parlament hat sich klar zu seinem Patenschiff bekannt. FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki forderte, die Ausbildung auf dem Schiff nicht infrage zu stellen. Er will der Bark am Freitag mit seinem Motorboot entgegenfahren und sie beim Einlaufen in den Hafen begleiten.

dpa

Mehr zum Thema

In der „Gorch Fock“-Affäre meldet sich erstmals die Stammbesatzung zu Wort und wehrt sich gegen die Vorwürfe. Der Marineinspekteur wirft den Medien „Sensationshunger“ vor. Und in Argentinien hat sich ein Ermittlerteam an die Arbeit gemacht.

30.01.2011

Exzesse der Stammmbesatzung: Im Report über die Zustände auf der „Gorch Fock“ haben sich Offiziersanwärter laut Medienberichten über massiven Alkoholmissbrauch ihrer Vorgesetzten beschwert. Den Exkapitän sahen die Kadetten offenbar meistens in Badehose herumlaufen.

25.01.2011
Politik Neue Vorwürfe der "Gorch Fock"-Kadetten - Stammbesatzung spricht von Rufmord

In der „Gorch Fock“-Affäre kommen ständig neue Vorwürfe hoch: Doch die Stammbesatzung wehrt sich und sprich von „Rufmord“. Die Kanzlerin warnt vor Pauschalkritik.

29.01.2011