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Politik Gibt es ein Allheilmittel für Deutschland, Henning Scherf?
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22:00 26.04.2019
Ein Vordenker: Bremens grauer Star Henning Scherf (SPD), ehemaliger Bürgermeister der Hansestadt Bremen, steht auf einem Balkon des Rathauses. Quelle: Carmen Jaspersen/dpa

Herr Scherf, wie kommen Sie darauf, alten Leuten zu empfehlen, sich auf Wohngemeinschaften einzulassen – und dann auch noch mit Jüngeren? Will man nicht im Alter endlich seine Ruhe haben?

Ich erzähle Ihnen mal eine kleine Geschichte. In Bremen lebte einst eine sehr angesehene alte Dame namens Annemarie Mevissen. Sie war Ehrenbürgerin der Stadt, früher Senatorin, sogar mal stellvertretende Regierungschefin in Bremen. Nachdem ihr Mann gestorben war, durchlebte sie eine düstere Phase, ganz allein in ihrem großen Haus. Ich war gelegentlich bei ihr und spürte die schlechte Stimmung. Sie rauchte pausenlos, mir fielen auch die Flaschen mit alkoholischen Getränken in ihren Schränken auf. Ich wusste, ich muss etwas tun für diese gute Freundin und sagte ihr: Annemarie, nimm mal jemanden auf in dein Haus, gründe eine Wohngemeinschaft.

Das ist ja leichter gesagt als getan – gerade in schwierigen neuen Lebenslagen.

Mag sein. Aber ich habe zum Glück nicht locker gelassen. Über die Uni habe ich Annemarie einen möglichen Mitbewohner vermittelt, das war ein junger Mann aus Riga, der in Bremen seine Doktorarbeit schrieb. Den ließ sie nun tatsächlich bei sich einziehen. Und die beiden haben sich nicht nur sehr gut vertragen, für beide begann ein wunderbares neues Kapitel in ihrem Leben. Der junge Mann ließ irgendwann seine Frau nachziehen und seine Tochter. Jetzt wohnte erstmals wieder eine ganze Familie in dem Haus.

Und wie wirkte sich das alles aus auf Ihre Freundin Annemarie?

Sie wurde Teil dieser Familie – und lebte richtig auf. Die vier haben sehr viel miteinander gekocht und gegessen. Annemarie hat allen mit der deutschen Sprache geholfen. Und es ging ihr nun viel besser, sie hörte auf zu rauchen und zu trinken. Als sie schon sehr alt war, spät in ihren Neunzigern, sagte sie einmal zu mir: Henning, du hast damals mein Leben nicht nur verbessert – du hast es auch verlängert, um mindestens zehn Jahre.

Zwei Fliegen mit einer Klatsche: Geholfen hat dieses ungewöhnliche Zusammensein ja nicht zuletzt auch dem jungen Doktoranden.

Der sagte heute sogar: Es hat ihn und seine Frau fürs Leben geprägt. Ich habe ihn sehr viel später noch einmal getroffen, da war er schon Professor in Riga. Er hat mir erzählt, wie arm er damals in seiner Bremer Studienzeit war – und wie dankbar er bis heute ist.

Herr Scherf, Sie empfehlen ja nicht nur anderen eine Alten-WG, sondern leben auch selbst in einer. Wie geht es Ihnen damit?

Meine Frau Luise und ich sind heute sehr froh, dass wir auf diese Art schon sehr früh die Weichen gestellt haben für viel gemeinsame Zeit mit anderen. Wir haben mit Freunden ein schönes Haus in der Bremer Innenstadt umgebaut, das jetzt nicht nur allen Bewohnern genug Platz bietet. Wir halten auch eine kleine Wohnung frei, die von einem Pflegedienst genutzt werden könnte – notfalls Tag und Nacht, falls das eines Tages mal nötig werden sollte.

Wollen Sie mit diesem Modell den klassischen Pflegeheimen Konkurrenz machen?

Anfangs dachten das manche. Aber inzwischen finden eigentlich alle: Es ist doch ideal, wie wir das machen – für alle Beteiligten und übrigens auch für den Sozialstaat. Pflegeleistungen werden von uns nur abgerufen, wenn wir sie wirklich brauchen. Wir haben aber durch den behindertengerechten Umbau dafür gesorgt, dass die Pflege im Fall des Falles auch tatsächlich technisch möglich ist. Die Bremer Heimstiftung, eine kommunale Stiftung, hat uns angeboten, mit uns einen Vertrag zu machen und uns zu pflegen. Und sie hat uns bescheinigt, dass ihre Pflegekräfte uns in unserem Haus sogar dann betreuen könnten, wenn alle Bewohner plötzlich Pflegestufe V hätten, also die anspruchsvollste Stufe – was sehr unwahrscheinlich ist, da wir ja verschiedene Generationen im Haus haben.

Seit Jahren mit dem Fahrrad unterwegs in Bremen: Henning Scherf. Quelle: Thorsten Baering/Imago Images

Viele verdrängen dieses Thema ja so lange wie möglich. Wann haben Sie sich zum ersten Mal mit der Frage befasst, wie Sie selbst einmal leben wollen im Alter?

Als unsere Kinder aus dem Haus waren. Die waren nach Abitur und Studium plötzlich alle weit weg. Da waren wir noch nicht mal 50, denn wir hatten die Kinder recht früh bekommen. Wir haben uns damals mit Freunden zusammengesetzt und uns beraten. Und wir waren uns einig: Das kann es jetzt noch nicht gewesen sein. Lasst uns jetzt mal eine neue Wohnform entwickeln, die uns in den nun kommenden Jahren zusammenhält, bis zu unserem Tod. Und lasst uns diese neue Gemeinschaft auch öffnen über mehrere Generationen hinweg. Junge können ja Alten über vieles hinweghelfen, aber umgekehrt gilt das auch.

Wann haben Sie zum ersten Mal positive generationenübergreifende Erfahrungen gemacht?

Als Kind, während des Krieges. Mein Vater saß unter den Nazis im Gefängnis, als Mitglied der Bekennenden Kirche. Meine Mutter war an Typhus erkrankt und in Quarantäne. Und so spielte meine Großmutter in unserer Familie eine sehr, sehr wichtige Rolle, man kann sogar sagen: eine lebensrettende Rolle. Da war nun zum Glück jemand, der sagte: Ich kümmere mich um euch. Meine Großmutter hatte es nicht leicht in ihren eigenen jungen Jahren. Wir Enkel sind ihr unendlich dankbar. Und dann sagte diese alte Frau, als sie sich am Ende ihres Lebens von uns verabschiedete, auch noch, die Zeit mit uns sei ihre schönste gewesen. Ich kann darüber bis heute kaum reden, ohne zutiefst gerührt zu sein.

Heute leben wir in Frieden und nie dagewesenem Wohlstand. Genügen nicht Facebook-Freunde und Austausch per Internet, auch im Alter?

Ich glaube, viele Menschen machen den Fehler, dass sie dem Internet allzu große Aufmerksamkeit geben und die Bedeutung der tatsächlichen Umgebung fürs eigene Leben völlig unterschätzen. Da sind manche in ihren Blasen unterwegs, was übrigens schon ein Zeichen ihrer Schwäche ist und ihres Schutzbedürfnisses, und dann entfernen sich immer mehr von den Realitäten. Auf diese Art wächst am Ende die Gefahr einer totalen Vereinsamung – die am Anfang von niemandem erkannt wird, nicht von den Nachbarn, oft nicht mal vom Betroffenen selbst.

Einsamkeit gilt in hoch entwickelten Staaten als neues Topthema der Sozialpolitik. Studien zeigen, dass Einsamkeit die Lebenserwartung senkt wie Rauchen oder Bewegungsmangel. Wie kann die Politik hier gegensteuern?

Nötig sind möglichst viele Ansätze gleichzeitig, auf politischer Ebene, aber auch im Alltag, von Mensch zu Mensch. Für die Kommunen liegt hier eine sehr große Herausforderung. Denn an viele sehr einsame Menschen kommt man heute kaum noch heran. Früher konnte die eine oder andere Institution noch eine Verbindung herstellen, der Turnverein etwa oder die Kirchengemeinde. Heute gibt es immer mehr Menschen, an die man auch über diesen Weg nicht mehr andocken kann.

In Internetblasen bestätigen Einsame sich oft gegenseitig in eigentümlichen Theorien über die Gesellschaft. Oft geht das dann in Richtung Rechtspopulismus. Sind solche Leute am Ende überhaupt noch zu retten?

Da darf man nicht aufgeben. Man muss im Gegenteil fröhlich dagegen angehen. Das beste Mittel ist an dieser Stelle die tatsächliche Begegnung mit Menschen, vor allem mit Andersdenkenden. Das relativiert die eigenen Anschauungen und es dämpft radikale Aufwallungen aller Art, auch Rassismus und Nationalismus.

Henning Scherf plädiert für ein neues Miteinander von Alt und Jung – gegen die Einsamkeit ebenso wie gegen die Wohnungsnot. Quelle: Carmen Jaspersen/dpa

Alten-WGs als Gegenmittel gegen Einsamkeit, gegen Wohnungsnot und auch noch gegen radikale Tendenzen: Blicken wir hier also auf eine Art Allheilmittel für Deutschland?

Ich glaube schon, dass ein neues Miteinander im Alter nach und nach auch eine breite gesamtgesellschaftliche Veränderung entfalten kann. Der Zusammenhalt könnte wieder gestärkt werden. Und auch die generelle Bereitschaft, Gutes zu tun, sich überhaupt für andere zu engagieren, könnte aus einem neuen Gemeinschaftsgefühl heraus wachsen. Wer anderen hilft, fühlt sich doch auch selbst wohler. Ich kenne Beispiele von älteren Leuten, die trotz beginnender Demenz regelrecht auflebten, als sie in einer Alten-WG bestimmte Aufgaben übernehmen mussten: Erstmals hatten sie wieder das Gefühl, gebraucht zu werden. In unserer eigenen WG haben wir zum Beispiel einer jungen Frau aus Afrika unter die Arme gegriffen, die als Flüchtling nach Deutschland kam; vor allem haben wir dazu beitragen können, dass ihre Kinder gut Deutsch gelernt haben. Diese Flüchtlingsfamilie hat bei uns im Haus auch an Festen teilgenommen und gehörte dazu. Das war eine Bereicherung für alle.

Viele werden sagen: Der Scherf als früherer Bremer Bürgermeister kann sich das alles eher leisten als alte Leute mit ganz kleiner Rente.

Das wäre ein Missverständnis. Es geht bei der neuen Art des Zusammenlebens, die ich empfehle, nicht ums Geld. Es geht um ein neues menschliches Miteinander. Bundesweit erlebe ich, dass Kommunen große Fortschritte machen, wenn sie auch bei staatlich finanzierten Projekten Alten-Wohngemeinschaften fördern. Die Kraft der Alten, auch jener mit normalen Renten, wurde lange unterschätzt, jetzt wird sie entdeckt. Im letzten Jahr habe ich 200 Termine gemacht, Vorlesungen und Diskussionen, wo es immer wieder um dieses Thema ging. Da ist landauf, landab sehr viel in Bewegung gekommen. Ich könnte Ihnen unendlich viele Beispiele nennen, aus allen Gegenden Deutschlands, wo immer mehr Bürgermeister darauf kommen, dass in einem neuen Miteinander aktiver älterer Leute, mit Offenheit auch für die Jungen, ein unglaubliches Potenzial für ihre Kommunen steckt. Allerdings muss sich dieses Umdenken auch insgesamt städtebaulich niederschlagen.

Wie sieht der ideale Stadtteil denn aus rund um die schöne neue Alten-WG?

Es geht damit los, dass man kleinere, funktionierende Läden in der eigenen Umgebung braucht. Die dämlichen Riesensupermärkte 20 Kilometer außerhalb der Stadt sind nämlich nichts für alte Leute. Als Nächstes geht es auch um Restaurants und Cafés. Und schließlich auch um gemütliche Ecken, wo man ein bisschen in der Sonne sitzen und sich unterhalten kann. Alles gar nicht so schwierig, man kann durchaus darauf kommen. Der Witz ist: Dort wo Kommunen dies alles konsequent umsetzen, entstehen derzeit gerade neue, sehr lebenswerte Quartiere – die auch für junge Leute interessant sind. Jung und Alt, Reich und Arm: Je mehr wir das alles mischen, umso menschlicher – und umso attraktiver – werden unsere Städte in Zukunft sein.

In die aktuelle Politik Bremens wollen Sie sich ja nicht mehr einmischen. Erlauben Sie dennoch mit Blick auf die Bürgerschaftswahl am 26. Mai eine Frage: Wie kommt es, dass die jahrzehntelang dominierende SPD jetzt Kopf an Kopf liegt mit der CDU?

Das war ja im Jahr 1995 schon mal so. Da lagen Sozialdemokraten und CDU nur um ein paar hundert Stimmen auseinander. Ich finde die auch jetzt wieder sehr spannende Lage vor der Wahl ehrlich gesagt gar nicht so schlecht. Erstens kann es helfen bei der Wahlbeteiligung: Kein Bremer Bürger kann ja jetzt sagen, es komme nicht auf jede Stimme an. Zweitens sorgt die aktuelle Lage für eine gewisse Behutsamkeit der Demokraten im Umgang miteinander: Keiner weiß ja, mit wem er am Ende vielleicht noch koalieren muss. Darin liegt dann unterm Strich ein Vorteil der jetzigen Ungewissheit in Bremen.

Zur Person: Henning Scherf

Viele reden von der alternden Gesellschaft – aber nur wenige hören auf die Weisheit der Alten. Auf unserer Interviewseite fragen wir jetzt hin und wieder unter dem Stichwort „Ältestenrat“ gezielt einen Angehörigen der Generation 70 plus: Welchen Rat können Sie den Jüngeren in Deutschland geben?

Den Anfang macht Henning Scherf (80), der frühere Bürgermeister von Bremen. Scherf regierte von 1995 bis 2005 und war der letzte Sozialdemokrat, der in Bremen noch SPD-Wahlergebnisse über 40 Prozent holte. Zu seiner Popularität trug bei, dass er spüren ließ, wie sehr auch er selbst die Menschen in seiner Stadt mag.

Nach seinem Ausscheiden machte Scherf als Gründer einer Alten-WG in Bremen bundesweit Schlagzeilen – und als Vordenker einer neuen Altenpolitik in Deutschland. Scherf ist Autor zahlreicher Bücher und bis heute ein gern gesehener Talkshowgast.

Von Matthias Koch

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