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14:34 09.11.2019
Bürger aus dem niedersächsischen Zicherie begrüßen am 18. November 1989 Trabis aus Böckwitz/DDR . An diesem Tag wurde der Grenzübergang zwischen den früher zusammengehörenden Dörfern Zicherie (Kreis Gifhorn, Niedersachsen) und Böckwitz (DDR) wieder geöffnet. Quelle: picture-alliance / dpa
Zicherie/Böckwitz

Als in Berlin die Mauer gefallen war, sich in der Altmark aber auch am nächsten und übernächsten Tag noch nichts geändert hatte, hielt Renate Bartels es nicht mehr aus. Sie machte sich auf den Weg, stand stundenlang im Stau auf dem 100-Kilometer-Umweg über den einzigen geöffneten Grenzübergang der Region in Bergen (Dumme) – um am Ende dieses langen, euphorischen Tages wieder vor der Mauer zu stehen.

Nur diesmal von der Westseite.

Sie hatte einfach einmal sehen wollen, wie es von drüben aussah, dieses Bauwerk der Trennung und des Schreckens, mit dem sie aufgewachsen ist. Dann kehrte sie um, aus Angst, nicht mehr in die DDR zurückgelassen zu werden. Und wartete eine weitere Woche.

Die Mauer trennte hier in der Altmark keine Metropole, sondern ein winziges Doppeldorf. Renate Bartels, damals 27 Jahre alt, stammt aus Böckwitz. Direkt hinter ihrem Garten begann der Grenzstreifen. Und dahinter standen die ersten Häuser von Zicherie.

Ein Rückkehrer hält die Erinnerung an die Grenze wach: Willi Schütte hat den DDR-Wachturm als Mahnmal auf einem Feld in Böckwitz aufgestellt. Quelle: Jan Sternberg

Zicherie (West) und Böckwitz (Ost) sind Klein-Berlin auf dem platten Land. 292 Zicherieer und 139 Böckwitzer leben hier heute. Getrennt sind sie nach wie vor: Zicherie gehört zum Flecken Brome in Niedersachsen, Böckwitz zur Stadt Klötze in Sachsen-Anhalt.

Getrennte Herren hatten die Dorfbewohner immer, Böckwitz war preußisch, Zicherie hannoversch. Doch da die Dörfer so klein waren, gab es dort alles nur einmal. Eine Schule, eine Schmiede, eine Molkerei. Die Schmiede wurde abgerissen, sie stand auf dem Grenzstreifen. Die Kneipe auch.

Bereits ab 1952 trennte ein Bretterzaun die beiden Orte. Ab den Siebzigerjahren stand hier eine Mauer, wie in Berlin. Sie sollte auch die Blicke abfangen. Die Zicherieer stellten dennoch jedes Jahr im Advent einen großen, beleuchteten Weihnachtsbaum direkt an die versperrte Grenze. Und jedes Jahr freute sich Renate Bartels über die Lichter, die herüberleuchteten.

Die Mauer fiel hier erst am 18. November

Als am 9. November 1989 in Berlin die Tore aufgingen und die Massen auf dem Kurfürstendamm und am Brandenburger Tor feierten, stand die Mauer zwischen Böckwitz und Zicherie fest wie eh und je. Es dauerte noch mehr als eine Woche, bis zum 18. November 1989, 6 Uhr morgens, bis die Menschen aus dem Doppeldorf zueinanderkonnten.

Mit jedem Tag Verzögerung wurde Willi Schütte ungeduldiger. Er stand tagelang am rot-weiß gestreiften Grenzbalken in Zicherie, neben dem Findling, auf dem „Deutschland ist unteilbar“ geschrieben steht. Er sah das Dach seines elterlichen Hofs. Seit der Flucht 1953 hatte Schütte fast jede Woche hier gestanden und hinübergeschaut. Nun wollte er endlich rein. Nach Hause.

Ich stand jede Woche an dem rot-weiß gestreiften Sperrgitter und schaute hinüber.

Willi Schütte/1953 als 14-Jähriger umgesiedelt nach Zicherie

Auch er hatte es auf dem langen Weg über Bergen und Salzwedel versucht, doch er hatte es nicht bis Böckwitz geschafft. Noch wurde an den Zufahrtsstraßen zum Grenzdorf kontrolliert. Böckwitz lag im Sperrgebiet, war zu Mauerzeiten auch für DDR-Bürger ohne Sondererlaubnis nicht erreichbar. Vor dem Morgengrauen am 18. November gab der durchgefrorene Willi Schütte auf und fuhr heim. Eine Stunde später ging die Grenze in Zicherie auf.

Böckwitzer und Zicherieer lagen sich in den Armen, VW-Chef Carl Hahn und Niedersachsens Ministerpräsident Ernst Albrecht kamen, der Rückstau der Autos reichte bis weit aus dem Dorf heraus.

Renate Bartels erinnert sich an diese Tage wie im Rausch – an die Überforderung durch die Farben und Gerüche bei C&A in Wolfsburg; an die dreijährige Tochter Verena, die bunte West-Zigaretten-Packungen aus dem Mülleimer klaubte, um damit zu spielen; an ihre Scham deswegen und die Frau, die Verena einen Geldschein zusteckte.

In diesen Novembertagen 30 Jahre später ist die Grenze zwischen Zicherie und Böckwitz wieder versperrt. Zum Glück nur temporär durch eine Baustellenampel, die genau auf Höhe des früheren Mauerstreifens zwischen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt den Verkehr auf der Dorfstraße regelt. Zwischen den beiden Hälften des Doppeldorfs baut ein Technikertrupp aus Baden-Württemberg zwei imposante Kuppelzelte auf. Am Abend des Mauerfalljubiläums wird von hier eine Talksendung live übertragen. Reiner Haseloff wird beim Grenzgespräch dabei sein, der CDU-Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, der frühere SPD-Vorsitzende Matthias Platzeck auch, und rund 100 Böckwitzer und Zicherieer.

Der Grenzturm auf einstiger DDR-Seite. Quelle: Jan Sternberg

Die Grenze sollte schnell verschwinden

Willi Schütte wird natürlich auch da sein. Der 80-Jährige ist immer da, wenn es um die Geschichte der beiden Ortsteile geht, die jahrzehntelang von der Grenze getrennt wurden.

Er hat seinen Hof wiederbekommen, das Dach war undicht, die Räume voll Müll. Schütte hängte ein Transparent an den Giebel: „Das ist das Ergebnis von 40 Jahren Sozialismus“. Freunde machte er sich damit nicht unbedingt. Auch nicht mit der Forderung, Beobachtungsturm und Mauer im Ortskern als Mahnmal zu erhalten.

Die Böckwitzer wollten, dass die Grenze und ihr Schrecken schnell verschwinden. So steht ein Stück Mauer, ein Abschnitt Bretterzaun und ein Stacheldrahtverhau nun einen Kilometer südlich mitten in der Feldflur neben einem weiteren Beobachtungsturm, auf Schüttes rückerstattetem Ackerland.

Als Schütte ging, konnte er sich nicht von Böckwitz verabschieden. Seine Mutter hatte dem 14-Jährigen nur gesagt, dass sie die Oma in Niedersachsen besuchen. Erst jenseits der Zonengrenze rückte sie mit der Sprache heraus: „Wir gehen nicht mehr zurück.“ Seine Freunde, seine Jugend – plötzlich lagen sie unerreichbar hinter dem Zaun.

Woche für Woche stand der Junge, später der Mann an dem rot-weiß gestreiften hölzernen Sperrgitter und schaute hinüber.

Der oberste Balken des Sperrgitters liegt nun in seiner Scheune, unbeachtet. In den hinteren Räumen hat Schütte ein kleines Grenzmuseum eingerichtet. Vitrinen mit Fotos und Zeitungsartikeln, Uniformen, Grenzschildern.

Kaum jemand kennt die Geschichten aus Böckwitz und Zicherie

Zwei Männer in Arbeitswesten kommen herein, blicken sich suchend um. Sie kommen von der international tätigen Eventagentur Fischer-Appelt, die im Auftrag des Bundesinnenministeriums das Grenzgespräch am 9. November organisiert. Sie suchen Requisiten.

„Können wir die Schaufensterpuppe mit der NVA-Uniform haben?“, fragt einer. Schütte wedelt müde mit der Hand. „Wenn ihr sie zurückbringt“, fügt er hinzu. Der Agenturmann schaut skeptisch auf das Ensemble: „Die Mütze ist ja zu klein für den Kopf“, bemängelt er. „Ist halt so“, antwortet Schütte. Der Kontrast zwischen dem bundesfinanzierten temporären Erinnern und dem selbst organisierten Grenzmuseum in der Scheune könnte nicht größer sein.

Renate Bartels und Verena Treichel (rechts) setzen auf eigene Traditionen und die Bewahrung ihrer Geschichte. Quelle: Jan Sternberg

Es gibt nur ein weiteres Doppeldorf an der früheren innerdeutschen Grenze, Mödlareuth zwischen Bayern und Thüringen. Jeder Geschichtstourist kennt Mödlareuth oder „Little Berlin“, wie es in den USA heißt. Zu den Gedenkfeiern kommt dort US-Außenminister Mike Pompeo vorbei.

Kaum jemand aber kennt die Geschichten aus Böckwitz und Zicherie – die in der Region mehrere Generationen prägen. Die einen, Entwurzelte wie Willi Schütte, haben die Teilung von der Westseite erlebt und sich nie wieder ganz in Böckwitz zu Hause gefühlt. Die anderen, Daheimgebliebene wie Renate Bartels, haben bis heute mit den Jugenderinnerungen an die Grenze zu kämpfen. Bartels Schulfreundin aus dem Nachbardorf Steimke durfte sie nie zu Hause besuchen – Steimke lag im Sperrgebiet 2, Böckwitz im Sperrgebiet 1. Also fuhr die junge Renate immer mit dem Rad nach Steimke, die Straße folgte dem Grenzzaun, alle paar Meter bellte ein scharfer Hund. Noch lange nach Grenzöffnung ging sie nicht auf die neu bewachsene Grenzwiese hinter ihrem alten Hof: Sie hatte Angst, dass irgendwo noch eine vergessene Mine liegen könnte.

An diesem Abend sitzt Renate Bartels an der Seite ihrer Tochter Verena Treichel in der Mitgliederversammlung des Museumsvereins. Das Grenzmuseum steht auf der Kippe. Schütte und die auch schon 80-jährige Vorsitzende Ingrid Schumann wollen nicht mehr weitermachen. Die Auflösung des Vereins steht auf der Tagesordnung – ausgerechnet 30 Jahre nach den wilden, schönen Tagen des Wiederfindens beider Dorfhälften. „Wenn über diese Geschichte nicht mehr geredet würde, wäre ich todtraurig“, sagt Renate Bartels.

Doch Verena und Renate sind Macherinnen. Im Nachbardorf Kunrau betreiben sie einen Kreativhof mit Workshops und Naturführungen, sind gut vernetzt in der Region. Verena hat all ihre Verbindungen aktiviert, mehr als 40 Menschen drängen sich jetzt bei der Mitgliederversammlung, alle entschlossen, die Geschichte des Doppeldorfs nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Wenn über diese Geschichte nicht mehr geredet würde, wäre ich todtraurig.

Renate Bartels/gebürtig aus Böckwitz

„Es geht weiter“, sagt am Ende auch Willi Schütte glücklich. Die ganzen Jahre bekam sein Museum kaum öffentliche Gelder, weil der Verein nur Pächter auf dem Schütte­schen Hof ist. Nun soll ein Langzeitpachtvertrag geschlossen werden. Es kann endlich losgehen mit der Erinnerung auch für die Generationen, die die Trennung der beiden Dorfhälften nicht mehr erlebt haben.

„Die Geschichte des Doppeldorfs ist einmalig“, sagt an dem Abend auch Uwe Bartels, Bürgermeister der Stadt Klötze, zu der Böckwitz seit zehn Jahren gehört. „Die DDR wollte Böckwitz dem Erdboden gleichmachen, doch dazu kam es nicht. Diese Geschichten müssen wir erzählen.“

Die Arbeiter an den Kuppelzelten haben Feierabend gemacht, sie sitzen um eine lange Tafel in der einzigen Böckwitzer Kneipe Zur Alten Molkerei. Auf der Westseite gibt es keine Dorfkneipe, dafür das Hotel Hubertus an der Bundesstraße. Hier sitzt Andreas Peckmann vom Schützenverein Zicherie-Böckwitz von 1872. Und weil der Verein, in dem fast jeder dritte Zicherieer Mitglied ist, auch zu Mauerzeiten den Doppelnamen nie ablegte, muss er als Vereinsvorsitzender die Gretchenfrage beantworten: Wie sind Böckwitz und Zicherie in den vergangenen 30 Jahren nun eigentlich zusammengewachsen – besser oder schlechter als das Land drumherum?

Bürger aus dem niedersächsischen Zicherie begrüßen am 18. November 1989 Trabis aus Böckwitz/DDR . An diesem Tag wurde der Grenzübergang zwischen den früher zusammengehörenden Dörfern Zicherie (Kreis Gifhorn, Niedersachsen) und Böckwitz (DDR) wieder geöffnet. Quelle: picture-alliance / dpa

Peckmann arbeitet bei der Sparkasse, er lässt Zahlen sprechen. „Zurzeit sind noch zehn Mann aus Böckwitz dabei bei insgesamt rund 100 Mitgliedern. Bei den Jüngeren fehlt irgendwie die Tradition.“ Gleich nach dem Mauerfall sei das anders gewesen, da hatten sie sehr guten Zulauf aus Böckwitz und in den Neunzigerjahren auch mehrere Schützenkönige, die aus dem Osten kamen. Das Schützenfest zu Pfingsten sei aber nur für die Menschen auf der Westseite ein absoluter Pflichttermin, obwohl der Umzug natürlich auch durch Böckwitz geht.

Peckmann macht sich Sorgen, aber das liegt nicht nur am Desinteresse der Böckwitzer. Das gesamte Doppeldorf verändert sich. Es war einmal ein Bauerndorf, heute gibt es nur noch vier Landwirte im Vollerwerb: „Die Masse arbeitet in Wolfsburg, bei VW oder Zulieferern. Es geht hier leider in Richtung Schlafdorf.“ In Böckwitz wie in Zicherie.

Der Feierabendverkehr aus Wolfsburg rauscht vorbei, dann ist es still im Doppeldorf. Die Baustellenampel auf dem Mauerstreifen leuchtet rot durch die Nacht. Springt um auf Grün. Die Grenze ist weg, und ist noch da.

Von Jan Sternberg/RND

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