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Politik Genug Kita-Plätze, aber zu wenig Erzieher
Mehr Welt Politik Genug Kita-Plätze, aber zu wenig Erzieher
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14:26 31.07.2013
Die Kita-Platz-Suche ist einfacher geworden. Dafür muss ein Erzieher nun sehr viele Kleinkinder betreuen. Quelle: dpa
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Berlin

Elisabeth Kudlorz hat Glück gehabt. Noch ist das Gebäude mit dem künftigen Betreuungsplatz für den bald einjährigen Sohn der Realschullehrerin in der Gemeinde Holzkirchen bei München eine Baustelle, doch zum Ende der Sommerferien soll im „Frühlingsdorf“ alles fertig sein. Dann will die 37-Jährige in ihrem Beruf wieder durchstarten. „Ich bin total froh, dass es auf Anhieb geklappt hat mit einem Krippenplatz für Toni“, sagt sie.

Die Eltern im 30 Kilometer südlich von München gelegenen Holzkirchen reißen sich um die 525 Kindergarten- und 114 Krippenplätze. Knapp 50 Plätze bei 17 Tagesmüttern kommen dazu. Schließlich ist die Gemeinde nicht nur wegen ihrer Nähe zum Tegernsee beliebt, sie bietet auch attraktive Arbeitsplätze. Noch haben zwar nicht alle Kleinkinder in der gut 16.000 Einwohner zählenden Kommune am Alpenrand einen Platz. „Aber mit Hängen und Würgen werden wir es bis September hinbekommen“, ist Erzieherin Maria Korell zuversichtlich.

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Selbst in einigen Großstädten wie Hamburg hat sich die Situation etwas entspannt. Mussten noch vor ein paar Jahren Eltern in zahlreichen Kitas nachfragen, ob sie einen Platz für ihr Kind unter drei Jahren bekommen können, sieht man mittlerweile Angebote von freien Plätzen an Laternenpfählen. Doch nicht alle Eltern bekommen den Zuschlag für die Kita, die sie sich wünschen. Für beliebte Wohngegenden wie Eppendorf, Eimsbüttel oder Altona gibt es nach wie vor lange Wartelisten. Und einen hohen Preis müssen die Eltern für die zahlreichen Plätze auch zahlen: In keinem westdeutschen Bundesland muss ein Erzieher so viele Kinder betreuen wie in Hamburg.

Nach einer Studie der Bertelsmann Stiftung kommen auf eine Vollzeitkraft in der Hansestadt rechnerisch etwas mehr als fünf Ganztagskinder (1:5,2). Zum Vergleich: Im Durchschnitt der Westländer liegt dieser Personalschlüssel bei 1:3,7. „Der notwendige Ausbau der Kita-Plätze darf nicht zulasten der Qualität gehen. Die unter Dreijährigen finden in Hamburg schon heute alles andere als optimale Bedingungen“, kritisierte dann auch Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung. Studien zeigten: Bessere Personalschlüssel ermöglichten mehr bildungsanregende Aktivitäten für die Kinder.

In Pforzheim haben es junge Eltern auf der Suche nach einem Betreuungsplatz für ihr Kleinkind dagegen besonders schwer. „Sie melden sich in vielen, vielen Kitas an“, erzählt die Erzieherin Cornelia Binder. In der strukturschwachen Stadt am Rande des Schwarzwaldes liegt die Betreuungsquote laut Statistischem Landesamt bei nur 16 Prozent - das ist der niedrigste Wert in Baden-Württemberg. Einmal musste Binder sogar einer Mutter absagen, deren Kind noch gar nicht geboren war.

Die niedrige Betreuungsquote erklärt die Bürgermeisterin für Soziales, Monika Müller (SPD), vor allem mit Pforzheims Finanznot und Sozialstruktur. „Es wurde in der Stadt erst in den Krippenausbau investiert, als es zur Pflichtaufgabe wurde - vorher fiel es immer dem Spardiktat zum Opfer.“ Jetzt mache die Stadt so viel, wie sie könne. „Man hat einfach einen Anspruch in die Welt gesetzt, ohne zu schauen, ob das wirklich zu schaffen ist“, kritisiert Müller. Sie rechne auch mit Klagen von Eltern. „Wir fühlen uns überfordert, auch weil Personal fehlt.“ Am Ende könnte es zwar auch in Pforzheim genug Kita-Plätze geben - aber zu wenige Erzieher.

In Ostdeutschland ist die Kinderbetreuung dagegen kaum ein Thema. In Sachsen-Anhalt gibt es etwa seit Anfang der 90er Jahre schon einen Rechtsanspruch. Fast nahtlos wurde die DDR-Tradition fortgeführt, dass der Großteil der Kinder schon in jungen Jahren eine Betreuungseinrichtung besucht. Berufstätige Mütter und Väter können ihre Kinder hier täglich bis zu zehn Stunden betreuen lassen - wenn sie wollen, sogar schon kurz nach der Geburt. Während in den westlichen Bundesländern auf Hochtouren daran gearbeitet wird, dass genug Plätze für Kleinkinder da sind, will Sachsen-Anhalt allen Kindern einen Ganztagsplatz bieten.

Aus der westlichen Tradition heraus mag das nach Verwahren aussehen, Sachsen-Anhalt macht sich aber auch an die Qualität der Angebote. Kindergärten werden als Bildungseinrichtungen verstanden. Ein neues Bildungsprogramm mit konkreten Anregungen für die Erzieherinnen wird ab Januar 2014 den Ganztagsanspruch begleiten. Sozialminister Norbert Bischoff (SPD) sagte kürzlich: „Die frühkindliche Bildung ist meines Erachtens der Schlüssel überhaupt.“ Wer rechtzeitig gefördert werde, könne seine Fähigkeiten besser entfalten, breche seltener die Schule ab und habe bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Deshalb hat der Sozialminister mit den enormen Mehrkosten auch kein Problem: „Das Geld ist gut angelegt.“

Andrea Pleß in Bremen hat nicht so viel Glück gehabt bei der Suche nach einem Platz für ihre Tochter Hanna. Dabei steht Bremen bei der Zahl der Angebote relativ gut da. „Zum 1. August werden wir mehr Plätze haben als nachgefragt werden“, sagte der Sprecher des Sozialressorts, Bernd Schneider, Anfang Juni. Zudem ist Bremen laut Bertelsmann-Stiftung das einzige Bundesland mit einem Erzieher-Kind-Verhältnis von 1:3,1. Im bundesweiten Durchschnitt ist eine Erzieherin für 4,5 unter Dreijährige zuständig.

Pleß gab die Suche irgendwann auf. „Es gibt die Möglichkeit, selbst eine Kita zu gründen“, wurde ihr gesagt - und nach einigem Überlegen fand sie die Idee prima. „Wann hat man schon mal die Möglichkeit, einen eigenen Kindergarten zu bauen?“ Seit März trifft sich die Mutter eines 14 Monate alten Mädchens mit anderen Eltern, um mit Fördergeldern eine Kindertagesstätte zu gründen. „Kokolores“, haben sie ihren Verein genannt. Spätestens im November soll es in den neuen Räumen losgehen - mit zwei Gruppen für unter Dreijährige und einer für Ältere. Sorge, nicht genügend Kinder für die drei Gruppen zu bekommen, hat die junge Mutter nicht: „Ich schätze, die werden uns die Bude einrennen.“

Rund 7500 von Eltern geführte Betreuungseinrichtungen gibt es der Bundesarbeitsgemeinschaft Elterninitiativen zufolge in Deutschland. Überdurchschnittlich viele sind es in Bremen - nach Angaben des bremischen Sozialressorts wird etwa jede dritte Kita von einem Elternverein geleitet. „Wir sind hier wie eine Familie“, erklärt Christian Padeffke den Unterschied zu einer staatlichen Einrichtung, in der oft deutlich mehr Kinder betreut werden.

Der Innenarchitekt hat 2009 mit Gleichgesinnten die Bremer Kindergruppe „Kauderwelsch“ gegründet. Von dem Konzept ist er begeistert. „Man ist einfach näher dran“, sagt der 42-Jährige, der im Vorstand für die Finanzen zuständig ist. Den hohen Zeitaufwand, den sein Ehrenamt fordert, nimmt er gerne in Kauf. „Ich tue es für meine Kinder.“

dpa

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