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Politik Generalsekretär Christian Lindner macht der FDP Mut
Mehr Welt Politik Generalsekretär Christian Lindner macht der FDP Mut
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22:39 25.04.2010
Von Michael Grüter
„Das war schön!“: Leicht verkniffen lobt FDP-Chef Westerwelle den neuen Generalsekretär Lindner nach dessen Rede.
„Das war schön!“: Leicht verkniffen lobt FDP-Chef Westerwelle den neuen Generalsekretär Lindner nach dessen Rede. Quelle: ap
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Weit über eine Stunde hat Guido Westerwelle in der Messehalle in Köln geredet, ohne dass der Funke überspringt. Er hat über die Frage gesprochen, welche Geisteshaltung sich durchsetze, Staatsgläubigkeit oder eine Kultur der Leistungsbereitschaft, über all das, was Schwarz-Gelb im Regierungsalltag auf den Weg gebracht hat. Tapfer begleiten ihn die Delegierten mit Beifall und werden allmählich müde, weil sie etwas vermissen. Das Bonbon hat sich der FDP-Chef für Schluss aufgehoben, für eine sehr persönliche Bemerkung.

Zweimal habe er sich in den vergangenen Monaten so richtig gefreut, am Wahlabend im Augenblick des Triumphes, natürlich, aber das zweite Mal vor wenigen Wochen, als „die Kritik so richtig gehagelt hat, das Sperrfeuer so richtig dicht war. Da habe ich mich gefreut, dass die FDP gestanden ist, Solidarität bewiesen hat. Das vergessen ich Ihnen nie“, ruft er in den Saal. Ja, wer Verantwortung trage, mache nicht alles richtig. Nur wer stillstehe, trete niemandem auf die Füße. Ja, es habe Anfangsschwierigkeiten gegeben, doch nun habe die Regierung Tritt gefasst. Beifall brandet auf.

Als Westerwelle seine Rede in dem Ruf ausklingen lässt „links oder liberal – liberal ist besser für Nordrhein-Westfalen und für Deutschland“, stehen die Delegierten auf, um ihm ihren Respekt zu erweisen für die Geste der Abbitte, zu der sich der FDP-Chef dann doch verstanden hat. Oben auf der Bühne wischt sich die Fraktionschefin Birgit Homburger eine Träne aus dem Auge. Sie ist nicht die Einzige, die sich berührt zeigt.

Zuvor hatte Westerwelle wie mit angezogener Handbremse gesprochen. Wie hätte er als Oppositionspolitiker bei der Griechenland-Hilfe zugelangt! Doch jetzt, als Vizekanzler und Außenminister, hält er sich bedeckt. Der NRW-Wahlkämpfer Andreas Pinkwart attackiert unter großem Beifall den Finanzminister Wolfgang Schäuble: Wer den Griechen Geld gebe und gleichzeitig sage, für Steuerzahler sei kein Geld zur Entlastung da, „der schlägt den Bürgern ins Gesicht“. Der FDP-Finanzpolitiker Frank Schäffler sieht in dem Hilfepaket eine Verletzung von EU-Verträgen, einen Dammbruch gar, den es abzuwehren gelte, „sonst wird es gefährlich fürs Sparvermögen“. Schäffler, der den Griechen noch vor Kurzem empfohlen hatte, einige ihrer Inseln zu verkaufen, um die Staatskassen zu füllen, bekommt nur Höflichkeitsapplaus. Westerwelle hatte, ganz Staatsmann, den Boden schon bereitet für Hilfe als Ultima Ratio.

Nun dürfen die FDP-Minister in der Bundesregierung im Notfall für Milliardenhilfen der EU an Griechenland zur Rettung der Stabilität des Euro stimmen. Am Sonntag billigte der Parteitag einen Antrag, der – anders als zunächst von der Mehrheit befürwortet – Milliarden-Kredite für Athen nicht ausschließt. Damit war das Streitthema, das hinter den Kulissen die Partei zu spalten drohte, vom Tisch.

Stundenlang hat der Parteitag am Tag zuvor vor sich hingedümpelt. Westerwelle ist zur Trauerfeier für die in Afghanistan getöteten Bundeswehrsoldaten in Ingolstadt, Philipp Rösler – am Abend zuvor von „Spiegel-Online“ als Anti-Westerwelle porträtiert – spricht als Fachmann über Gesundheitspolitik, peinlich bemüht, weiter reichende Ambitionen nicht durchscheinen zu lassen. Die Hälfte der Stühle ist besetzt, was nicht heißt, dass alle Anwesenden der Debatte folgen. Zeitungslektüre, Handy, Nachbarn bieten willkommene Ablenkung.

Was haben sich die Delegierten in den letzten Wochen an Infoständen oder im Bekanntenkreis anhören müssen an Beschimpfungen und harten Urteilen über ihren Vorsitzenden, über seine Hartz-IV-Kampagne und seine Reisebegleitungen, über angeblich unrealistische Steuersenkungsforderungen der FDP. An Themen mangelt es nicht, aber an der Bereitschaft, sie zwei Wochen vor der NRW-Wahl offen anzusprechen. Die Barmenia, der private Zweig der Barmer Ersatzkasse, bietet außerhalb des Saales Entspannungsmassagen an und kann sich vor Anfragen kaum retten. „Viele sind verspannt“, erzählt Sabine Krause vom Massageteam, „vor allem im Nackenbereich.“

Die FDP flüchtet sich in Kongressroutine. Den gleichmäßigen Strom der Verhandlungsführung durchbricht nur einer: FDP-Generalsekretär Christian Lindner. 31 Jahre ist er jung. Doch von seinen ersten Worten an wirkt es, als habe er nie etwas anderes gemacht, als in freier Rede einer großen Menge komplexe Zusammenhänge zu erläutern, wie jetzt in seiner Rede über „Eine Frage der Freiheit“.

Es sei auch „eine Frage des Respekts und der Würde“ ein einfaches, gerechtes und niedriges Steuersystem, diese „Jahrhundertreform“ durchzusetzen, erklärt er. Über Staatskunst spricht er, über die Fähigkeit zum Kompromiss und die Entschlossenheit, an einer einmal als richtig erkannten Position gegen Widerstände festzuhalten. Über die Aufgabe, Menschen Mut zur Veränderung zu machen und zu Zusagen zu stehen: „Das erwarten wir von uns und unserem Koalitionspartner.“

Guido Westerwelle schaut in den Saal, freut sich, wenn er einen Blick einfängt, studiert seine Fingernägel. Die Leute hingegen, die neben ihm auf der Bühne sitzen, lassen den blonden jungen Mann am Rednerpult nicht aus den Augen. Sie beobachten, wie Lindner mit dem Publikum spielt, es in den Bann zieht, zu Beifallsstürmen lockt.

Wenn Lindner Respekt für Hartz-IV-Empfänger einfordert, die sich durch eigene Anstrengung per Zuverdienst aus schlimmer Lage befreien, freuen sich die Delegierten: Von wegen kaltherziger Egoismus, ihnen gehe es um Respekt für alle, hören sie nun beifällig nickend.

Als Finanzphilosoph, nicht als Sanierer erweise sich Wolfgang Schäuble, der keine Einsparvorschläge vorlege, reibt sich Lindner am FDP-Lieblingsgegner in der CDU-Ministerreihe. Lindner versteht sich nicht nur auf Philosophie, er kann auch austeilen. Er zitiert jüngste Kraftsprüche des SPD-Chefs Sigmar Gabriel, angefangen von „Biedermann und Brandstifter“, über die „Lumpenelite“ bis zu „Lug und Trug“. Sogar „verfassungswidrig“ habe Gabriel die FDP genannt. Ruhig setzt Lindner fort: „Meine Damen und Herren, der Mann hat sich nicht unter Kontrolle, deshalb darf er keine Kontrolle über den Staat erlangen.“ Der Saal tost. Die über Monate hinweg gequälte FDP-Seele erfährt endlich Genugtuung.

Minutenlange Ovationen im Stehen erntet der zuvor mit 95,6 Prozent der Stimmen formal im Amt bestätigte neue Star der FDP. Westerwelle zieht anerkennend die Augenbrauen hoch, legt Lindner die Hand auf die Schulter, lächelt schmallippig und murmelt: „Das war schön.“

Philipp Rösler umarmt den sechs Jahre jüngeren Lindner, als habe er einen alten Weggefährten endlich wiedergefunden. Beide wiegen sich auf der Bühne wie Tanzbären. Der FDP-Vize Pinkwart nimmt den Generalsekretär spaßhaft in den Schwitzkasten. Schließlich war er es, der den Politologen und Mann aus der PR-Branche in Nordrhein-Westfalen für die Liberalen entdeckt hat.

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