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Politik Gefühlsmensch Gauck bremst sich selbst
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10:30 01.06.2012
Joachim Gauck plaudert in der neu eröffneten Mädchenschule. Quelle: dpa
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Ramallah

Das Dörfchen Burin hat sich hübsch herausgeputzt für den Bundespräsidenten. Deutsche Fahnen wehen vor  Olivenhainen, Kinder winken Joachim Gauck zu. Er ist hierher ins palästinen­sische Westjordanland gekommen, um eine Schule zu eröffnen. Nur kurz währt die Idylle – und schon ist Gauck mittendrin im Nahostkonflikt: Der örtliche Gouverneur berichtet gleich zur Begrüßung vom Leid unter Israels Besatzung und von der Hoffnung, die israelischen Grenzbefestigungen würden bald fallen  wie die Berliner Mauer. Eigentlich eine Steilvorlage für Gauck, der in diesem Moment viel von seiner eigenen Erfahrung mit Unterdrückung und vom Wert der Freiheit sprechen könnte.

Er tut es aber nicht. Fast scheint es so, als wären zwei Gaucks unterwegs im Nahen Osten. Israel erlebte in den Tagen zuvor einen emotionalen, herzlich zugeneigten Bundespräsidenten, der sich dem  Land seit Langem verbunden fühlt. Bei den Palästinensern bewegt sich Gauck auf Terrain, das ihm viel weniger vertraut ist. Er formuliert vorsichtig, der Gefühlsmensch Gauck tritt im Westjordanland hinter den Präsidenten Gauck zurück. Er vermeidet es fast gänzlich, Gefühle zu zeigen. Es wäre „Show“, würde er sich in Ramallah ebenso beeindruckt zeigen wie in Jerusalem, sagte der Bundespräsident.

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Fragen zur gelegentlichen deutschen Kritik an der israelischen Siedlungspolitik in den palästinensischen Gebieten wehrte er mit der Bemerkung ab, die israelische Seite würde „einen richtigen Lehrer aus Deutschland“ dabei „nur schwer ertragen“.
Nach seinem Meinungsaustausch mit dem Präsidenten der palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmud Abbas, appellierte Gauck an die Palästinenser, in Friedensverhandlungen „ohne Vorbedingungen“ mit den Israelis einzutreten.

Ramallah rangiert im internationalen Wettbewerb der Städte mit der größten Dichte weltweiter Hilfsorganisationen mittlerweile mindestens auf Rang zwei. Seit Donnerstag ist das Westjordanland um zwei Projekte praktischer deutsch-palästinensischer Hilfe reicher: Nahe Jericho war ein Teil der Gauck-Delegation bei der Eröffnung einer Polizei-Lehrstation dabei, deren Entwurf im November 2010 noch vom früheren Bundespräsidenten Christian Wulff enthüllt worden war. In Burin machten neben den deutsch-palästinensischen Fähnchen auch Begrüßungstransparente auf den „historischen Besuch“ Gaucks aufmerksam.

46 Kilometer von Jerusalem entfernt, verbunden mit zweimaligem Fahrzeugwechsel wegen unterschiedlicher Kontroll- und Sicherheitszonen, hatte die Kolonne mit Joachim Gauck und seiner Lebensgefährtin Daniela Schadt den Neubau des Mädchenschulgebäudes erreicht. In dem palästinensischen Dorf entstand mit 880.000 Euro von der Kreditanstalt für Wiederaufbau eine Mädchenschule, innen freundlich in Pink, Türkis und Blau gehalten. „Wer etwas gelernt hat, möchte mitreden“, kommentierte Gauck das deutsche Engagement.

Nur zwei Kilometer entfernt auf einem Hügel thront in der Nähe die seit 1984 bestehende illegale jüdische Siedlung Itamar. Oben, vom Itamar-Hügel, ziehen gelegentlich jugendliche Banden über Palästinenser-Felder, fackeln diese ab, bisweilen fallen Schüsse. Im vergangenen Jahr wurde eine fünfköpfige israelische Siedlerfamilie ermordet. Palästinensischer Alltag in einem Hilfs- und Krisengebiet.

Bekenntnis zur Zweistaatenlösung

Der Bundespräsident versicherte seinem palästinensischen Amtskollegen Abbas die unverbrüchliche deutsche Unterstützung der Zweistaatenlösung für die Region. Kaum hatte die deutsche Delegation Ramallah und den Präsidentenpalast verlassen, schritten Abbas und Kollegen bereits die nächste Ehrenformation des Tages ab: Es gab die feierliche Begräbniszeremonie für die von Israel als Zeichen des guten Willens übersandten Überreste von 91 getöteten PLO-Kämpfern aus der Konfliktzeit zwischen 1967 und dem Ende der zweiten Intifada 2002.

Gauck hatte versichert, er übermittle gerne beste Grüße von Abbas an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zu Hause. Die hatte sich zuvor in der Delegation über die Gründe für die jüngste Debatte über eventuelle Zweifel an der Haltung Gaucks zur Sicherheit Israels erkundigt, die Teil der deutschen Staatsräson sei. Gauck hatte in Israel mehrmals demonstrativ die Benutzung dieser Formel vermieden. Es gebe „keinerlei Unterschiede“, sagte Gauck offiziell. Intern war von einem „Sturm im Wasserglas“ die Rede.

In Ramallah wie in Jerusalem bekräftigte Gauck immer wieder seine Botschaft an beide Seiten: Geht aufeinander zu – je länger ihr wartet, desto schwieriger wird der Frieden. Dass die Palästinenser einen eigenen Staat bekommen müssen, darin ist sich Gauck im Grundsatz einig mit Abbas und auch mit Israels Präsident Schimon Peres, den er zuvor in Jerusalem besucht hatte. Abbas ist 78 Jahre alt, Peres ist 88 Jahre. Mit den beiden Veteranen traf Gauck fast die letzten aktiven Vertreter jener Politikergeneration, die einst den Friedensprozess angestoßen hat. Längst sind auf beiden Seiten Politiker am Werk, die jünger sind und kompromissloser. Die Aussichten sind also nicht gut.

Dieter Wonka

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