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Politik Gabriel soll die SPD wieder flottmachen
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22:24 01.10.2009
Von Michael B. Berger
Soll die SPD wieder in strahlenderes Licht führen: Sigmar Gabriel.
Soll die SPD wieder in strahlenderes Licht führen: Sigmar Gabriel. Quelle: ddp
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Karl-Heinz Mühe, Geschäftsführer der SPD in Wolfenbüttel und seit gemeinsamen Jugendzeiten bei den Falken ein Weggefährte Sigmar Gabriels, kann in Anspruch nehmen, als Erster von den höchst ehrgeizigen Ambitionen des Niedersachsen erfahren zu haben – und zwar auf Mallorca. „Da waren wir, eine Gruppe von sieben Leuten, über Himmelfahrt in einer Finca, sind gewandert, haben gut gekocht, getrunken und gesungen – und irgendwann zu früher Stunde haben wir in euphorischer Stimmung beschlossen: Sigmar Gabriel wird SPD-Bundesvorsitzender.“ Das muss fünf, sechs Jahre her gewesen sein, erinnert sich Mühe, der sein „Wissen“ natürlich für sich behalten hat. Wie auch immer: Die SPD war damals noch eine satte Regierungspartei und weit entfernt davon, ausgerechnet in Sigmar Gabriel ihren Retter zu sehen – im Gegenteil. Als der mit seinen Falken-Freunden noch „Dem Morgenrot entgegen, ihr Kampfgenossen all!“ anstimmte, war er als früherer Ministerpräsident zwar schon bundesweit bekannt wie ein bunter Hund, aber in der Partei eher eine Reiz- und Randfigur.

Seit dieser Woche ist das ganz, ganz anders. Je mehr er die Medien meidet, je schemenhafter er in den „tagesthemen“ erscheint, desto präsenter wird der Partei, dass tatsächlich Sigmar Gabriel der 13. Parteivorsitzende in der Nachkriegszeit werden soll. Wann er begonnen hat, die Bündnisse zu schmieden, die jetzt der SPD Stabilität und einen Neubeginn ermöglichen sollen, bleibt offen. Vermutlich wäre er, ein Pragmatiker, der sich auf Angriff versteht, viel lieber Fraktionschef geworden – ein Posten, für den sich jedoch Frank-Walter Steinmeier ausrief. Offen war indes noch die Parteiführung. Gestern meldeten die Nachrichtenagenturen in den buntesten Farben – und Farbe bedeutet immer „wichtig, wichtig“ –, dass das SPD-Personaltableau stehe, dass Gabriel, Noch-Bundesarbeitsminister Olaf Scholz, die Linke Andrea Nahles und der Berliner Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit zusammengezimmert haben: Gabriel soll Parteichef werden, Nahles seine „Generalin“, Wowereit, Scholz sowie die Landesvorsitzende der SPD in Nordrhein-Westfalen, Hannelore Kraft, sollen Stellvertreter sein. Dazu soll als weitere Stellvertreterin noch die 35-jährige Sozialministerin Mecklenburg-Vorpommerns stoßen, Manuela Schwesig.

Gabriel musste am Mittwoch jedenfalls bis spät in den Abend in Berlin mit führenden Genossen über dieses „Paket“ verhandeln – und den Genossen seines niedersächsischen Landesverbandes, die ebenfalls über ihre und Gabriels Zukunft in Hannover tagten, einen Korb geben. Aber vielleicht war es auch besser so, dass Gabriel an diesem Abend nicht an die Leine reiste. Denn die Genossen in Hannover diskutierten erst einmal sehr ausführlich und ernst über das Grauen, das sie am Sonntagabend erfasst hatte – und wie es dazu kommen konnte, dass die einst so stolze SPD tatsächlich auf 23 Prozent der Wählerstimmen rutschte. Und als alles gesagt war, haben sie noch über den Vorschlag abgestimmt, „den Sigmar“ als ihren Mann auf den Schild zu heben – ein für hannoversche Verhältnisse schon ungewöhnlicher Vorgang. Denn in der SPD Hannover galt Gabriel, obwohl er ein Niedersachse ist, keineswegs immer als die erste Wahl. Viele nehmen ihm noch die Irrungen und Wirrungen der Schulpolitik übel, in die der dynamische Ministerpräsident des Öfteren per Laptop und Steilvorlage eingegriffen hatte. Doch fast der gesamte Vorstand – von einer Gegenstimme und zwei Enthaltungen abgesehen – stellte sich jetzt hinter den Mann aus Goslar und seine ehrgeizigen Ambitionen, sodass Niedersachsens SPD-Chef Garrelt Duin sich gestern zufrieden vor die Presse stellen und sagen konnte, die „Laptopfrage“ gebe es nicht mehr; und im Übrigen habe sich auch ein Mann wie Gabriel als Bundesumweltminister durch große Kontinuität ausgezeichnet. Er sei „ein hervorragender Politiker“, sagte Duin, der noch vor einem halben Jahr wegen der von ihm angestrebten Zentralisierung der Parteiarbeit mit dem Goslarer über Kreuz lag, jetzt aber lieber wie Johannes der Täufer in Erscheinung tritt. Zwei Eigenschaften brauche ein SPD-Chef, sagte Duin: „Er muss führen und sammeln können. Das Führen hat Gabriel gleichsam mit der Muttermilch aufgesogen, auf das Sammeln muss man ihn hin und wieder bringen.“

Man müsse einen Parteivorsitzenden nicht lieben, es reiche, wenn er die Partei nach vorne bringe, meinte ein ebenfalls skeptisches Vorstandsmitglied aus Hannover. „Wenn die eine Tüte ausgelutscht ist, greift man halt zum letzten Bonbon“, sagte ein anderes. Aber sogar die schärfsten Kritiker sind jetzt sehr gespannt, wie der Mann aus Goslar die Chose wuppen will. Nicht überrascht ist Freund und Förderer Gerhard Glogowski, der Mann, den Gabriel einst als Ministerpräsidenten beerbte. Er erfuhr auf Mallorca vom anstehenden Aufstieg Gabriels – und kann ihn sich gut als Parteivorsitzenden vorstellen: „Er hat Herz und kann die Partei mitreißen und ist ein Pragmatiker, ohne dass er seine politischen Wurzeln vergisst.“ Wie hatte kürzlich noch Altkanzler Gerhard Schröder, mit dem Gabriel sich oft wie ein Kesselflicker raufte, vertrug und raufte, bei Gabriels 50. Geburtstag im Goslarer Bergbaumuseum vieldeutig gesagt? „Der Mann hat viel vor und noch viel vor sich.“ Das war wohl das Orakel vom Rammelsberg.

01.10.2009
Michael Grüter 01.10.2009