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Politik Französische Demonstranten verzögern Start des Castor-Transports
Mehr Welt Politik Französische Demonstranten verzögern Start des Castor-Transports
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14:51 23.11.2011
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Paris

Atomkraftgegner haben wenige Stunden vor dem Start eines für Gorleben bestimmten Castor-Transports mit hochradioaktivem Müll kurzfristig Gleise besetzt und diese offenbar auch beschädigt. Trotz eines erheblichen Aufgebots an Sicherheitskräften versuchten sie nach eigenen Angaben an mehreren Stellen, Steine aus dem Gleiskörper zu entfernen und die Schienen zu verschieben. Eine offizielle Bestätigung gab es dafür zunächst nicht. Die Polizei reagierte mit dem Einsatz von Tränengas und nahm mindestens fünf Demonstranten fest.

Der Protest wird organisiert von einem Zusammenschluss französischer Atomkraftgegner namens „Valognes Stop Castor“, die auch vom Netzwerk Atomausstieg („Sortir du nucléair“) unterstützt wird.

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Unklar blieb zunächst, ob der Zug wie geplant Mittwochnachmittag abfahren kann. Er sollte sich nach Informationen der Atomkraftgegner um 14.36 Uhr vom Bahnhof Valognes in Bewegung setzen und dann nach 1200 Kilometern Wegstrecke am Wochenende im Wendland eintreffen.

Die Route des Transports ist noch unklar. Drei Varianten für den Grenzübertritt sind möglich: über Kehl, Berg oder Saarbrücken. Welche Strecke der Zug nimmt, wird offiziell nicht mitgeteilt. Entlang der Strecke planen Anti-Atomkraft-Initiativen Proteste. Im Vorjahr war es den Atomkraftgegnern immer wieder gelungen, den Zug zu stoppen oder Nachschubwege für die Einsatzkräfte zu blockieren. Mit den Castor-Spezialbehältern wird deutscher Atommüll aus der französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague nach Gorleben gebracht.

Die Polizei schickte nach Medienberichten eine Hundertschaft Bereitschaftspolizei, um die Gleise zu räumen. Zugleich untersuchten Bauarbeiter nach TV-Berichten die Strecke. Augenzeugen berichteten von einem wahren Katz- und Maus-Spiel, bei dem die Gegner Lücken in den Reihen der zahlreich aufmarschierten Sicherheitskräfte suchten. „Wir machen weiter, wir suchen die Lücken“, äußerte sich die junge Französin Anna Laurent im TV-Nachrichtensender BFM kampfbereit.

Die Behörden haben auf beiden Seiten der Bahngleise eine Art Sperrzone eingerichtet. Mitarbeitern der Umweltorganisation Greenpeace, die den Transport begleiten und dabei mit Blick auf die Radioaktivität der Behälter Thermographie-Aufnahmen machen wollen, wurden am Mittwoch eine Genehmigung von der Polizei verwehrt. „Wir werden daher die Aufnahmen an einem anderen Ort in Richtung der deutschen Grenze machen“, erklärte Greenpeace-Experte Andree Böhling.

Mehrere hundert französische Atomkraftgegner hatten sich in den vergangenen Tagen in einem Protest-Camp nahe der nordfranzösischen Kleinstadt Valognes getroffen, um den Castor-Transport zu blockieren. Auch in Deutschland bereiten sich Atomkraftgegner vor. Schwerpunkt der Aktionen im Südwesten soll wie in den Vorjahren der Grenzübergang Berg sein, teilten die Initiativen am Mittwoch mit. Der Zug soll mit einer „Südblockade“ aufgehalten oder zu einem Umweg gezwungen werden.

Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) rief zu einem friedlichen und besonnenen Verhalten auf. „Es gibt ein Recht auf Demonstrationsfreiheit, es gibt aber kein Recht auf Gewalt“, sagte er am Mittwoch in Berlin. „Gewalttätigkeiten sind kein Mittel der politischen Auseinandersetzung“. Er forderte die Gorleben-Kritiker auf, sich konstruktiv an der Diskussion über den Neustart bei der Suche nach einem Endlager für hoch radioaktiven Atommüll zu beteiligen. „Wer jahrelang einen grundlegenden Neuanfang bei der Suche nach einem Endlager fordert, der sollte die einmalige Chance, die es jetzt gibt, nutzen, den Kampf der vergangenen Jahrzehnte zu begraben und das Thema im Konsens zu lösen“, sagte der CDU-Politiker.

Nach einer Konzentration auf Gorleben in den vergangenen 35 Jahren sollen künftig auch andere Optionen geprüft werden. Die Gegner halten den Salzstock an der früheren DDR-Grenze im niedersächsischen Wendland für zu unsicher, um hier den Müll für immer in rund 800 Metern Tiefe zu lagern. Daher gibt es seit Jahren Proteste gegen Castor-Transporte in das nahe des Salzstocks gelegene oberirdische Zwischenlager, wo der Müll bis zur Endlagerung abkühlen soll.

dpa

Dieser Artikel wurde aktualisiert.