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18:42 24.10.2014
„Dort die Armut, hier der Westen“: In der spanischen Exklave Melilla trennt ein Sechs-Meter-Zaun Golfspieler und Flüchtlinge.
„Dort die Armut, hier der Westen“: In der spanischen Exklave Melilla trennt ein Sechs-Meter-Zaun Golfspieler und Flüchtlinge. Quelle: JOSE PALAZON OSMA
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Melilla

Grüner Rasen, schlanke Palmen und eine Frau im Golfdress, die zum perfekten Swing ausholt. Ein Bild spätsommerlicher Idylle. Wenn da nicht im Hintergrund ein Zaun zu sehen wäre, auf dessen oberem Rand zehn Männer sitzen, einer von ihnen bereit zum Absprung. Von rechts nähert sich ein Polizist, der über eine Leiter zu den Männern heraufgeklettert ist. „Ja, das ist ein Symbol“, sagt ein Golfspieler, befragt von einem spanischen Fernsehreporter. „Dort die Armut, hier der Westen.“

Das Foto, das José Palazón am Mittwoch dieser Woche in Melilla aufgenommen hat, hat eine derart verstörende Wirkung, dass es über die sozialen Netzwerke sofort in alle Welt verteilt wurde. Es bringt ein europäisches Drama auf den Punkt: Hier, auf der richtigen Seite des Zauns, geht es uns gut. Die Armut auf der anderen Seite wollen wir uns möglichst vom Halse halten. Zur Not mit einem riesigen Drahtzaun.

Melilla ist, neben Ceuta, eine der beiden spanischen Nordafrika-Exklaven, die seit Jahren von schwarzafrikanischen Migranten bestürmt werden. Rings um die Städte verlaufen die einzigen Landgrenzen zwischen Afrika und der Europäischen Union. Um die Menschen aus dem Süden fernzuhalten, haben sich die Exklaven mit sechs Meter hohen Doppelzäunen eingeigelt. Mindestens 140 Millionen Euro hat Spanien in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten für die Grenzanlagen ausgegeben.

Die Flüchtlinge campieren oft wochenlang in Waldgebieten an der Grenze zur Exklave, Hilfsorganisationen versorgen sie mit Wasser und Essen. Nach Schätzung des Madrider Innenministeriums leben in Marokko etwa 40.000 Afrikaner aus Ländern südlich der Sahara, die auf eine Gelegenheit warten, nach Spanien zu gelangen.

Die Grenzanlagen werden ständig weiter ausgebaut. Zuletzt wurden engmaschige Netze angebracht, die verhindern sollen, dass sich Menschen beim Klettern festhalten können. Trotzdem versuchen viele Afrikaner, über den Zaun zu gelangen. Dort gibt es Bewegungsmelder und Nachtsichtgeräte, die Guardia Civil pa­t­rouil­lie­rt rund um den Zaun. 14 Menschen sind beim Versuch, über den meterhohen Zaun zu steigen, schon ums Leben gekommen.

Es hilft alles nichts: 28.000 Menschen haben die Grenzen zwischen 2004 und 2013 überwunden. Dieses Jahr sind besonders viele gekommen: Allein den Zaun von Melilla überkletterten bereits 1900 Migranten.

Zu Hunderten klettern Flüchtling über Zäune

Um zum Ziel zu kommen, tun sich die Männer (und einige wenige Frauen) neuerdings immer häufiger in großen Gruppen zusammen. Zu Hunderten klettern sie die Zäune hinauf, ein paar Dutzend schaffen es dabei fast immer auf die andere Seite. Die weniger Glücklichen werden von der spanischen Guardia Civil, nicht immer besonders freundlich, daran gehindert. Human Rights Watch beklagte diese Woche den „übermäßigen Einsatz“ von Polizeigewalt. Die Menschenrechtsorganisation Prodein aus Melilla filmt immer wieder dramatische Szenen von überforderten Beamten, die sich nur mit dem Knüppel zu helfen wissen, um die afrikanischen Flüchtlinge davon abzuhalten, über die EU-Grenze zu kommen.

José Palazón ist ein Aktivist von Prodein. Sein Foto, das Schönheit und Schrecken vereint, hat die spanischen Gemüter bewegt. Die Regionalregierung von Melilla ist darüber nicht erfreut. „Hat Melilla denn kein Recht auf einen Golfplatz wie jede andere Stadt Spaniens oder Europas auch?“, fragt sich Miguel Marín, Mitglied der Stadtregierung. Zwei Millionen Euro soll die Anlage des Golfplatzes direkt am Zaun vor fünf Jahren gekostet haben - zu 80 Prozent vom EU-Regionalfonds finanziert. Seitdem bezuschusst Melilla den Platz jährlich mit 700.000 Euro. „So haben die Migranten immerhin eine Golfpartie genießen können, während sie darauf warteten, illegal deportiert zu werden“, sagt der Fotograf Palazón verbittert. Das Spiel auf dem grünen Rasen bleibt den Europäern reserviert.

Von Martin Dahms

24.10.2014
24.10.2014