Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Politik Ende des Traums vom friedlichen Wandel in Ägypten
Mehr Welt Politik Ende des Traums vom friedlichen Wandel in Ägypten
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:17 03.02.2011
Wer den Tahrir-Platz hat, der hat die Macht: Im Zentrum Kairos greifen die Unterstützer Mubaraks am Mittwoch die Regimegegner an symbolischem Ort an.
Wer den Tahrir-Platz hat, der hat die Macht: Im Zentrum Kairos greifen die Unterstützer Mubaraks am Mittwoch die Regimegegner an symbolischem Ort an. Quelle: dpa
Anzeige

Sie ritten direkt in die Menge hinein und prügelten mit Stöcken und Eisenstangen auf die Köpfe der Demonstranten ein. Sie sind Anhänger Hosni Mubaraks – oder bezahlte Schläger. Und sie verbreiten Angst.

Am späten Mittag war er vorbei, der Traum von der friedlichen Revolution. „Die sind wie die Tiere“, sagte weinend eine junge Frau im Fernsehsender Al- Dschasira. Eine von den Millionen Demonstranten – denn so viele waren es geworden – trafen sich auf dem Kairoer Tahrir-Platz, auch, um die gute Stimmung, die Euphorie mitzuerleben. Bis Mittwoch war das so. Um 13.16 Uhr dann gingen die Eilmeldungen um die Welt: gewalttätige Zusammenstöße zwischen Gegnern und Anhängern von Mubarak.

Mit Messern, Knüppeln und Steinen gingen die Anhänger des greisen, kranken, ägyptischen Präsidenten auf die friedlichen Demonstranten los, gegen Abend fielen dann auch Schüsse.

Augenzeugen berichteten von Lastwagen, mit denen die Bewaffneten herantransportiert worden seien, davon, dass die Fahrer dieser Lastwagen Polizeiuniformen getragen hätten oder die der Staatssicherheit. Andere Pro-Mubarak-Demonstranten waren zu Fuß unterwegs, Parolen wie „Ja zu Mubarak, er sorgt für Stabilität“ und „Ja zu dem Präsidenten des Friedens“ rufend, waren sie in Richtung Stadtzentrum gezogen. Wieder andere erschienen mit Kamelen, Pferden, sie ritten direkt in die Menge hinein und prügelten von oben, aus dem Sattel, mit Knüppeln auf die Köpfe der anderen ein.

Mehr als 4000 Anti-Demonstranten sollen es gewesen sein, Anhänger von Mubaraks Nationaldemokratischer Partei (NDP). Der Tahrir-Platz und die vielen Seitenstraßen, in denen eben noch vom Wandel geträumt und gesungen wurde, waren plötzlich voller gewaltbereiter, bewaffneter Männer. Stundenlang zogen sich heftige Schlägereien hin, im Steinhagel schützten sich die Menschen mit um den Kopf gebundenen Pullovern oder Baustellenzäunen als Schutzschilden. Menschen fielen hin, blutend, schrien und weinten, unaufhörlich flogen Steine über den Platz, an dem auch das Ägyptische Museum liegt, in das sich die Menschen zu retten versuchten. Sicher waren sie auch hier nicht: Im Hof des Museums explodierten zwei Molotowcocktails.

Das Komitee der Protestbewegung teilte mit, viele der Schläger seien Polizisten in Zivil und damit jene, die in den drei Jahrzehnten des Regimes Mubarak für Misshandlung und Folter in den Gefängnissen verantwortlich gewesen seien. Das staatliche ägyptische Fernsehen meldete sich zunächst nicht vom Tahrir-Platz.

Die Armee, um deren Panzer herum sich die Schlägereien abspielten und deren Fahrzeuge ebenfalls von Steinen getroffen wurden, schaute lange zu, ohne einzugreifen. Wenige Stunden vor dem Massenüberfall hatte sie die Demonstranten über die Lautsprecheranlage eindringlich vor Gewalt gewarnt und sie aufgefordert, nach Hause zu gehen. Manchmal zogen Soldaten einzelne Personen aus der Schlacht vor ihren Panzern – immer da, wenn es so aussah, als werde da einer totgeschlagen. Später versuchten sie, die gegnerischen Parteien durch eine Lastwagen-Barrikade voneinander zu trennen. Am Abend beruhigte sich die Lage etwas. Es hieß, die Armee habe den Mubarak-Anhängern gedroht, Gewalt anzuwenden, falls diese weiterhin versuchen sollten, die Regimegegner in die Flucht zu schlagen.

In den frühen Morgenstunden hat sich die Lage auf dem Tahrir-Platz weiter zugespitzt. Vier Menschen sollen durch Schüsse ums Leben gekommen sein, berichtete der arabische Nachrichtensender Al-Arbija. Der Sender berief sich auf Augenzeugen. Mehrere Menschen seien verletzt worden. Augenzeugen beklagten, dass die Armee nicht eingreife. Angeblich haben Anhänger von Präsident Husni Mubarak Gegner des Präsidenten beschossen. Laut CNN sprach auch das ägyptische Gesundheitsministerium am Donnerstag von vier Toten. Zunächst unklar war aber, ob es sich dabei um die Opfer seit Mittwoch handelte oder nur um die Zahlen der Nacht. *

Es war die Schlacht um ein Symbol. Wer den Tahrir-Platz in seiner Kontrolle hat, dem gehört die Zukunft Ägyptens. So empfinden es viele Ägypter offenbar. Jene, die ausharren, um Mubarak unter ihrem Protest stürzen zu sehen. Und jene Mubarak-Anhänger, die den Platz nun ebenfalls in Besitz nehmen wollten, aber zunächst nicht durchkamen. Am späten Nachmittag standen sich zwei beinahe gleich große Menschenmengen gegenüber.

Und inzwischen geht es auch um die Kontrolle über die Nachrichten. Ausländische Journalisten werden gezielt angegriffen. Denn sie werden von den Mubarak-Anhängern beschuldigt, mit ihren Berichten den Aufstand angestachelt zu haben. Ein Reporter von CNN wurde verprügelt, ein Journalist des Sender Al-Arabija durch einen Messerstich verletzt. Eine ZDF-Journalistin wurde angeblich verhaftet, ARD-Hörfunk und -Fernsehen haben ihre Büros fluchtartig verlassen, nachdem der Mob den im gleichen Gebäude arbeitenden Sender Al-Arabija angegriffen hatte. Der Fernsehsender Al- Dschasira war bereits am Montag verboten worden, seine sechs Mitarbeiter wurden vorübergehend verhaftet.

Schon am Dienstag war es in Alexandria zu ersten Auseinandersetzungen zwischen Mubarak-Unterstützern und -Gegnern gekommen, Fernsehbilder zeigten, wie die Besatzung eines in der Nähe stehenden Panzers mit ihrem Kettenfahrzeug hilflos auf und ab fuhr, Warnschüsse in die Luft feuerte und dann die Protestierer aufforderte, hinter dem Panzer Schutz zu suchen.

Am Wochenende war die gesamte Polizei von den Straßen beordert worden. Stattdessen, sagt die Opposition, habe man zivile Schläger losgeschickt, die Bürger ängstigen sollten. Ein von dem inzwischen untergetauchten Innenminister Habib al-Adli unterzeichnetes Geheimpapier belegt das. Es ist als „hoch geheim“ klassifiziert, ein Strategiepapier „gegen einen Volksaufstand“, die Opposition hatte es in einer geplünderten Polizeistation gefunden. Dem Papier zufolge sollte die Polizei der zu erwartenden Übermacht der Demonstranten zunächst Widerstand leisten, sich dann total zurückziehen und Regierungsschlägern in Zivil das Feld überlassen. Gleichzeitig sollten über die Medien Berichte gestreut werden über Plünderungen und Vandalismus.

Seit dem Wochenende verwandeln sich Kairos Straßen mit Einbruch der Dunkelheit in eine Landschaft, die an Bürgerkrieg erinnert. An den Straßenecken brennen offene Feuer, Männer mit Pistolen, Peitschen oder Golfschlägern sammeln sich darum. Sie gehören zu den spontan gebildeten Bürgerwehren für Sicherheit in den Wohnvierteln. „Wir schützen unsere Familien und unser Eigentum“, sagt ein junger Anwalt. Er hält ein Walkie-Talkie in der Hand, an seiner weißen Armbinde ist er als einer der nächtlichen Koordinatoren zu erkennen.

Auch das gehörte zum Geist dieser ägyptischen Revolutionstage: der plötzlich allgegenwärtige Bürgersinn. Freiwillige Helfer kontrollieren die Mitdemonstranten auf Waffen, andere sammeln den Müll zusammen, wieder andere verteilen Brot und Orangen. „Wir lieben unser Land, das ist unser Land“, sagen sie. Und vielleicht sind es auch dieser Geist, diese Selbstermächtigung, auf die die Gewalt vom Mittwoch zielte. „Chaos oder Mubarak – das wollen sie dem Volk weismachen. Und dafür nehmen sie uns alle als Geiseln“, schimpfen die Menschen in Kairos Straßen. Aber sie wollen das Spiel nicht mitspielen.

Martin Gehlen/dpa

* Dieser Abschnitt wurde aktualisiert.

Mehr zum Thema

Blutige Straßenschlachten haben am Mittwoch im Zentrum der ägyptischen Hauptstadt Kairo zahlreiche Opfer gefordert. Mindestens drei Menschen sollen bei den Angriffen von Anhängern des Präsidenten Hosni Mubarak auf die Regimegegner ums Leben gekommen sein, rund 500 Menschen wurden teils schwer verletzt.

02.02.2011

Ägypter prügeln gnadenlos auf Ägypter ein. Steine, Knüppel, Eisenstangen - Anhänger wie Gegner von Präsident Mubarak kennen kein Pardon. Viele Menschen werden verletzt, einer getötet. Das Armee setzt Wasserwerfer ein. Sie ist die letzte Hoffnung auf Stabilität.

02.02.2011

Nach 30 Jahren an der Macht: Der ägyptische Präsident Husni Mubarak verzichtet auf eine weitere Amtszeit. Die Bevölkerung hatte seine Ansprache im ägyptischen Fernsehen mit Spannung erwartet.

01.02.2011