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Politik Die vermeintliche Normalität von Waffengewalt ist ein Verrat an ihren Opfern
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18:57 05.08.2019
Schockierte Menschen kommen zur MacArthur-Grundschule, um dort ihre Angehörigen und Freunde zu treffen, die sich zum Zeitpunkt der Schießerei im benachbarten Walmart-Supermarkt aufgehalten hatten. Quelle: The El Paso Times/AP/dpa
Berlin

Schüsse, Schreie, Blaulicht, Eilmeldungen und die ewige Frage: Warum? Amerika scheint gefangen zu sein in einem Kreislauf des Schreckens. Mit El Paso
und Dayton leuchten nun gleich zwei neue Schauplätze auf der ohnehin eng gesprenkelten Landkarte von Massakern in den USA auf.

Von einem „tragischen Wochenende“ sprechen Politiker, Ermittler und Reporter auch nach den jüngsten Massenerschießungen mit mindestens 29 Toten. Es ist eine beklemmende, eine verräterische Wortwahl.

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In Tragödien ist die Katastrophe unabwendbar. Das Ausmaß des Leids aber, das in den USA auf Verbrechen mit Schusswaffengebrauch folgt, ist keineswegs schicksalhaft vorherbestimmt. Es ist die Folge einer Politik, die den privaten Waffenbesitz unter Verweis auf die Verfassung fördert; die Folge einer gesellschaftlichen Stimmung, die ihn verherrlicht.

„Bürger, die sich im Kampf wähnen“

Keine andere Nation ist derart aufgerüstet wie die amerikanische. Nicht bloß Pistolen, auch halbautomatische Waffen lagern in US-Haushalten völlig legal. Bis vor kurzem waren auch Schnellfeuerkolben gestattet, die das Abfeuern massiver Schusssalven ermöglichen. Hier wollen nicht Jäger oder Sportschützen ihren Bedarf decken – sondern Bürger, die sich im Kampf wähnen.

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Indem er dies zulässt, gibt der US-amerikanische Staat sein Gewaltmonopol auf. Er nimmt die Konsequenzen eines verbreiteten Besitzes von Waffen, die binnen Sekunden zahlreiche Leben auslöschen können, billigend in Kauf.

Im Video: Mindestens 20 Tote bei Amoklauf in El Paso

Nach Massenerschießungen wie jetzt in Texas und Ohio sind Entsetzen und Betroffenheit in der amerikanischen Öffentlichkeit zunächst groß. Ein jeder fragt sich, ob es nicht auch ihn oder sie treffen könnte. Schließlich nehmen die Attentäter immer wieder den Alltag der Menschen ins Visier: eine Bar in Dayton, ein Einkaufszentrum in El Paso, ein Volksfest eine Woche zuvor im kalifornischen Gilroy, und immer wieder Schulen.

„Die USA müssen zu einem strengeren Waffenrecht finden“

Doch bald nachdem die Fernsehkameras von den Tatorten abgezogen sind, kehrt eine dumpfe Stille ein. Achselzucken. Weder die Massaker mit vielen Toten, noch die alltäglichen Berichte über Gangmitglieder, die einander umbringen, oder Kleinkinder, die sich beim Spielen mit Papas Knarre töten, bewirken ein großes Umdenken oder gar Gegensteuern in der US-Waffenpolitik. Diese vermeintliche Normalität von Waffengewalt ist ein Verrat an ihren Opfern.

In Texas sind bei einem Amoklauf mindestens 20 Menschen ums Leben gekommen. Der mutmaßliche Täter ist 21 Jahre alt und hatte offenbar ein rassistisches Motiv.

Die USA müssen zu einem strengen Waffenrecht finden. Das gebieten nicht nur Vernunft und christliches Menschenbild, dessen man sich in den USA ja rühmt. Das gebietet auch die zunehmende politische und soziale Polarisierung im Land. Amerika zieht in einen Kampf gegen sich selbst. Immer öfter sehen Amerikaner in Amerikanern Feinde. Vor wenigen Tagen gab FBI-Chef Christopher Wray bekannt, dass die meisten und tödlichsten in den USA verübten Terrorakte von weißen Nationalisten begangen werden.

Wenn martialischer Rhetorik eine martialische Tat folgt

Auch der mutmaßliche Attentäter von El Paso steht im Verdacht, der Ideologie von der Überlegenheit der Weißen anzuhängen. Darauf lässt ein Text schließen, den der 21-Jährige kurz vor der Tat im Internet veröffentlicht haben soll. Wenig verwunderlich, und doch erschreckend sind die Übereinstimmungen zwischen der Wortwahl in dem „Manifest“ und der Wortwahl des US-Präsidenten. Auch Donald Trump spricht von mittel- und südamerikanischen Einwandern fortwährend als „Invasoren“.

Der Präsident feuert den lodernden, geschichtlich tief verankerten Hass vieler Weißer auf vermeintlich Fremde an. Trumps Attacken auf „unamerikanische“ Kongressabgeordnete mit dunkler Hautfarbe, die entmenschlichende Art, in der er über Schwarze und Latinos spricht, inspirieren und ermutigen weiße Suprematisten.

El Paso zählte zu den sichersten Städten der USA

Trump ist gewiss nicht ihr einziger Propagandist. Im US-amerikanischen Fernsehen und auch im Netz hat sich ein ganzer Industriezweig um Hass und Hetze gebildet. Doch Trump ist zweifellos der mächstigste unter ihnen.

Von der Region an der Grenze zu Mexiko zeichnet der Präsident stets das Bild einer Kampfzone. Trump beschwört Kontrollverlust und Anarchie. Dabei zählt El Paso zu den sichersten Städten der USA. Jedenfalls galt dies bis Samstag, als der martialischen Rhetorik eine martialische Tat folgte.

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Von Marina Kormbaki/RND

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