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Politik Eine Gesellschaft übt sich in Toleranz
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17:14 08.06.2012
Von Stefan Koch
Foto: Julie Garnier und ihre Ehepartnerin Charlene Evans arbeiten für die Bundesbehörden.
Julie Garnier und ihre Ehepartnerin Charlene Evans arbeiten für die Bundesbehörden. Quelle: Privat
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Washington

Wie eine große Collage hängen unzählige Fotos an der hinteren Wand des Unterrichtsraums. Ein Puzzel, das verschiedene Familien beim Fußballspielen, Essen und Basteln zeigt. Melissa Grant, Lehrerin in dieser Vorschulklasse, hatte ihre Schüler kürzlich gebeten, ihr Alltagsleben in Bildern zu beschreiben. Die Mitbringsel zeigen, dass die meisten Sechsjährigen dieser Klasse mit Mutter, Vater und Geschwistern leben, ein Kind wächst bei den Großeltern auf, und ein Kind, Scarlette, hat zwei Mütter. "In diesem Alter sind die Kinder noch sehr offen. Sie begegnen den unterschiedlichen Lebensformen ohne Vorurteile", sagt die Lehrerin.

Grant unterrichtet an der Oyster-Adams-School im Nordwesten der amerikanischen Hauptstadt. Eine öffentliche Schule mit besonderem Renommée: Zum einen erhalten die 650 Schüler zu gleichen Teilen Unterricht in Englisch und Spanisch. Zum anderen wird die Toleranz gegenüber Minderheiten groß geschrieben. Weder die Hautfarbe, noch die Religion oder die geschlechtliche Orientierung sollen eine Rolle spielen. Für die Alltagskultur der Kleinen heißt das zum Beispiel zu Weihnachten: Sie warten nicht auf den Nikolaus, sondern beschenken sich gegenseitig und wünschen sich zum Jahreswechsel "Frohe Ferien" anstatt "Frohe Weihnachten". Gesungen werden Friedens- statt Weihnachtslieder. Und in diesem Frühjahr diskutierten Lehrer und Eltern über den Muttertag, der in den USA traditionell wie ein Festtag begannen wird. Künftig, so ihre Überlegung, sollte dieser Sonntag besser Familientag heißen, um sich nicht zu sehr an althergebrachten Rollenbildern zu orientieren.

Ein erzieherischer Ansatz, der in den Vereinigten Staaten vielleicht nicht mehrheitsfähig ist, aber von der Politik gewürdigt wird: First Lady Michelle Obama stattete der Oyster-Adams-Schule im vergangenen Jahr einen Besuch ab und bestärkte offenbar auch ihren Mann, sich deutlicher zu positionieren. Als sich Barack Obama vor vier Wochen erstmals öffentlich für gleichgeschlechtliche Ehen aussprach, erwähnte er ausdrücklich die Alltagserfahrungen seiner Kinder Malia Ann und Sasha. Für sie sei es ganz normal, dass einige Mitschüler zwei Mütter oder zwei Väter haben.

Von Selbstverständlichkeiten sind Familien mit gleichgeschlechtlichen Eltern außerhalb der Hauptstadt allerdings noch weit entfernt. Kurz nachdem sich der Präsident für die Homo-Ehe aussprach, stemmte sich die Mehrheit der Einwohner von North Carolina in einem Volksentscheid mehrheitlich gegen dieses Modell. Die Ehe, so heißt es nun in der Verfassung des politsch besonders umkämpften Bundesstaates, sei ausschließlich eine Verbindung zwischen Frau und Mann. Auch in 31 anderen Bundesstaaten sind Homo-Ehen ausdrücklich verboten. Dagegen sind gleichgeschlechtliche Ehen in sechs Bundesstaaten sowie in der Hauptstadt gesetzlich erlaubt.

Für Julie Garnier, Mutter der sechsjährigen Scarlette, war die liberale Verfassung der Hauptstadt der ausschlaggebende Grund, warum sie trotz der hohen Immobilienpreise nach Washington umzog: "Zuvor lebten wir in Upper Malboro in Maryland. Dort gab es in unserer unmittelbaren Umgebung keine einzige  Regenbogenfahne. Das war uns zu eng." Garnier ist Veterinärärztin und arbeitet ebenso wie ihre Ehepartnerin Charlene Evans für die Bundesbehörden. Zu ihrer Familie gehört neben Scarlette auch der neunjährige Jourdan. Die beiden Afroamerikanerinnen hatten sich bei einer Samenbank gezielt für anonyme Spender mit lateinamerikanischen Wurzeln entschieden: "Zwei Hautfarben, zwei Kulturkreisen, zwei Sprachen, das erschien uns passend", sagt Garnier. Nun will sie ihren Kindern einen möglichst freien Raum schaffen, um sich gut entwickeln und lernen zu können. Doch vor Hänseleien und Mobbing kann sie ihre Kleinen sicherlich nicht immer und überall schützen. Als ihr Sohn Jourdan vor zwei Jahren aus einem Sommercamp zurückkehrte, fragte er seine Eltern noch am selben Abend: "Was heißt eigentlich schwul?" 

Die Alltäglichkeit, mit der man in Washington/DC gleichgeschlechtlichen Paaren begegne, sei in den USA eben noch immer eine Ausnahme. Dabei, so Garnier, könnte alles doch so entspannt sein. So wie vor einigen Wochen, als ihre Tochter sechs Jahre alt wurde. Das sei ein Tag gewesen, wie sie sich ihn wünscht: Sie hatte sämtliche Mitschüler ihrer Kleinen mit deren Eltern eingeladen, und ganz selbstverständlich feierten auch alle mit. Die Eltern engagierten drei Clowns, eine Nachbarin war den gesamten Tag damit beschäftigt, die Gesichter der Kinder zu bemalen, und ein Zimmer wurden zur "Movie Night" umfunktioniert. Die Gäste standen dicht gedrängt und hinterließen ein Wohnzimmer, das einem Schlachtfeld glich. Garnier erinnert sich gern an die fröhliche Geburtstagsparty: "Es war ein herrliches Zusammensein."

Dass ihr Lebensmodell dennoch auf viele Widerstände stößt, beobachtet Familie Garnier im Präsidentschaftswahlkampf. Republikaner-Kandidat Mitt Romney spricht sich klar gegen Homo-Ehen aus. Und Newt Gingrich, früherer Sprecher des Repräsentantenhauses, der zumindest kurzzeitig als aussichtsreicher Kandidat der Republikaner galt, bezeichnet Homo-Ehen gar als "vorübergehende Verirrung". Vollmundig versprach er seinen Anhängern, das Land wieder auf die "richtige Bahn" bringen. Kurioserweise kam lautstarker Protest gegen seine scharfen Positionen auch aus seiner eigenen Verwandtschaft. Seine Halbschwester Candace Gingrich-Jones ist seit Jahren mit ihrer Lebensgefährtin verheiratet und schreibt in einem offenen Brief: "Hör doch auf, so ein Hasser zu sein." Die Kampagnen ihres berühmten Bruders hält sie ohnehin nicht für glaubhaft. Sie seien lediglich seinen politischen Zielen geschuldet: Gern merkt Gingrich-Jones gegenüber Journalisten an, dass sie von dem Politiker sowohl Glückwünsche als auch ein Geschenk zur Hochzeit erhielt.  

USA beim Thema Homo-Ehe gespalten

Die jüngsten Umfrageergebnisse des Meinungsforschungsinstituts Gallup zeigen, wie tief die USA beim Thema Homo-Ehe gespalten sind. So geben genau 50 Prozent der Amerikaner an, für die Zulassung von gleichgeschlechtlichen Ehen zu sein, 48 Prozent sprechen sich dagegen aus. Unter den Wähler der demokratischen Partei stellen die Befürworter etwa siebzig Prozent, unter den Republikaner ist es genau umgekehrt. Deutliche Unterstützung finden die Homosexuellen bei den Wählern zwischen 18 und 29 Jahren: 65 Prozent der Befragten halten nichts davon, dass die Ehe nur eine Verbindung von Frau und Mann sein darf.

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