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Politik Ein sehr ernster Appell zum Frieden
Mehr Welt Politik Ein sehr ernster Appell zum Frieden
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20:25 12.05.2009
Sein Besuch soll helfen, die Weltreligionen ein Stück näher zusammenzubringen: Der Papst am Dienstag an der Klagemauer in Jerusalem. Quelle: Avi Ohayon/ddp
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Wo sonst Dutzende überwiegend schwarz gekleidete Männer Seite an Seite im Gebet ihren Oberkörper wiegen, steht an diesem Dienstagmorgen einsam und reglos eine leicht gebückte weiße Gestalt. Lange verharrt Papst Benedikt XVI. vor der Klagemauer, der wichtigsten religiösen Stätte der Juden, vertieft in stummes Gebet. Gemäß jüdischer Tradition steckt er einen zusammengefalteten Gebetszettel in eine Mauerfuge. Darauf bittet das katholische Kirchenoberhaupt um Frieden in der Region – und um einen gemeinsamen Einsatz von Christen, Juden und Muslimen für dieses Ziel.

Der sehr ernste und eindringliche Friedensappell, insbesondere aber der Aufruf zur Verständigung der Religionen hat sich als zentrale Botschaft des achttägigen Nahost-Besuchs Benedikts herauskristallisiert. Schon während der ersten drei Tage der Reise, noch in Jordanien, hatte der Papst eine gemeinsame Anstrengungen von Christen, Juden und Muslimen gefordert, dem Frieden näherzukommen. Am Dienstag besuchte Benedikt nicht nur die Klagemauer der Juden, sondern auch zwei weitere heilige Stätten: den Felsendom der Moslems und den Abendmahlsaal der Christen.

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Nie zuvor hatte ein Papst den Felsendom betreten. Bei seinem Besuch sagte das Kirchenoberhaupt, diese heilige Stätte der Muslime sei ein „Ansporn, Missverständnisse und Konflikte der Vergangenheit zu überwinden“ und in einen „ehrlichen Dialog zum Aufbau einer Welt der Gerechtigkeit und des Friedens“ einzutreten. Anders als bei seinem Besuch der Hussein-Moschee von Amman zog der Papst diesmal die Schuhe aus, bevor er das älteste islamische religiöse Gebäude betrat. Als bemerkenswert gilt unter Kirchenkennern vor allem, dass Benedikt in Jerusalem erst die Heiligtümer zweier anderer Weltreligionen besuchte, bevor er sich an einer christlichen Stätte einfand. Dies sei eine Geste des tiefen Respekts für die beiden anderen Religionen. Und es sei ein Zeichen, dass er es ernst meine mit seinem Aufruf zum interreligiösen Dialog.

Noch scheint diese Botschaft aber in der öffentlichen Wahrnehmung nicht ganz angekommen zu sein, auch weil sie durch andere Debatten überlagert wird. So berichteten deutsche Medien am Dienstag viel über die fortdauernde Kritik des Zentralrats der Juden in Deutschland an Benedikt. Die Vorsitzende des Zentralrats, Charlotte Knobloch, sagte im ARD-Fernsehen, sie sei enttäuscht darüber, dass der Papst sich in Israel nicht hinreichend von den radikalen Pius-Brüdern und dem Holocaust-Leugner Richard Williamson distanziert habe. Auch bleibe der Eindruck bestehen, der Papst halte an der Judenmissionierung in der Karfreitagsfürbitte fest. „Es ist ein Graben zwischen den Juden und dem Vatikan“, betonte Knobloch.

Auch in der israelischen Presse blieb das Echo auf den ersten Besuchstag verhalten. Viele Kommentatoren hatten sich unter anderem eine Entschuldigung des Papstes für Jahrhunderte der Judenverfolgung in Europa erhofft.

Dagegen verteidigte der frühere israelische Botschafter in Deutschland, Avi Primor, den Papst gegen das anfänglich eher negative Medienecho. „Dies gibt nicht wirklich die Stimmung im Lande wieder“, sagte Primor dem Sender N 24. „Im allgemeinen kommt der Papst in der Bevölkerung sehr gut an. Und er sagt auch das Richtige.“ Benedikts Rede in der Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem sei insgesamt hervorragend gewesen, sagte Primor, wenn auch einiges hätte anders formuliert werden können. „Ob etwas fehlte? Ja, es wäre vielleicht richtig gewesen, hätte er Nazi-Deutschland erwähnt, statt nur zu sagen, dass viele Juden umgekommen sind“, sagte Primor. Er hätte sagen sollen, wer das getan hat. Das war ja nicht irgendjemand aus dem All.“ In Vatikankreisen hieß es, der Papst sei bewusst als Oberhaupt der katholischen Weltkirche aufgetreten und habe es vermieden, seine deutsche Herkunft zu betonen.

von Betina Gabbe und Petr Jerabek