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Politik Ein Linker in der Hexenküche des Kapitals
Mehr Welt Politik Ein Linker in der Hexenküche des Kapitals
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18:45 06.06.2012
Von Reinhard Urschel
„Ich habe dort nichts anderes vertreten als anderswo.“: Jürgen Trittin muss sich für seine Teilnahme an der Bilderberg-Konferenz rechtfertigen. Quelle: dpa
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Berlin

Schon eine geraume Weile hat es keine Verschwörungsgeschichte mehr gegeben in der deutschen Politik, was schade ist, wegen des Unterhaltungswertes. Nun gibt es wieder eine. Von den beiden angeblich mächtigsten Geheimzirkeln der Erde ist bis vor Kurzem nur noch der Vatikan wahrgenommen worden, die unverhofft gewonnenen Inneneinsichten sind kurzweilig, aber bedeutungsarm. Nun rückt unvermittelt der andere Geheimbund ins Licht, die Bilderberg-Konferenz.

Bilderberg-Konferenz? Wer die nicht kennt, muss sich nicht grämen, einem vertraulichen Zirkel ist eigen, dass er nicht auf dem Marktplatz tagt. Bilderberg-Konferenz ist ein geradezu langweiliger Name für ein Treffen, das es seit 1954 einmal im Jahr gibt. „Der Club der Mächtigen“, „der am meisten bewunderte Zirkel der Macht“, „die sagenumwobene, informelle Weltregierung“ sind noch distanzierte Beschreibungen für das, was mancher Zeitgenosse hinter dem Treffen von Wirtschaftsbossen und Spitzenpolitikern vermutet. Ob die Mutter aller Gipfeltreffen tatsächlich eine Weltregierung ersetzt oder da nur an einem Mythos gehäkelt wird, ist von außen schwer zu beurteilen. Und die meisten Menschen auf der Welt sind Außenstehende.

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Seit dem Wochenende hat die Geschichte vom Bilderberg nun eine aparte Wendung genommen. Zu den Außenstehenden zählt nämlich nicht länger der Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin, von dem die meisten Deutschen wissen, dass er arrogant gucken kann und einmal Maoist war. Diese Erinnerungen kleben förmlich an ihm, obwohl er in Ministerämtern schon mehrfach Treueeide auf die Verfassung geschworen - und gehalten - hat und obwohl er auch ganz nett sein kann.

Trittin auf der Bilderberg-Konferenz, das klingt in den Ohren manches Zeitgenossen so, als habe der Leibhaftige in der Sixtinischen Kapelle vorbeigeschaut. Womöglich hat zum Wirbel auch beigetragen, dass Trittin geheimniskrämerisch mit der Einladung umgegangen ist. Sein Büro hatte eine US-Reise zu Gesprächen mit UN-Generalsekretär Ban Ki Moon und anderen hochrangigen Partnern angekündigt, nicht aber die Konferenz in Virginia. Dort, in Chantilly, tagte die besagte Geheimloge. Ihren Namen hat sie vom Hotel de Bilderberg in der Nähe von Arnheim, wohin Prinz Bernhard der Niederlande in der Nachkriegszeit zum ersten Mal eingeladen hatte.

Seit der Rückkehr Trittins nach Berlin schlägt die Stunde der Verschwörungstheoretiker. Ein Grüner, ein linker gar, in der Hexenküche des Kapitalismus. Unmöglich. Der Unmut entlädt sich in Trittins Bundestagsbüro, bevorzugter Pranger aber ist das Internet. Wozu gibt es schließlich Facebook. „Ich finde das auch unfassbar. Ein Grünen-Politiker kungelt mit der Finanzelite“, lautet ein Kommentar auf Trittins Facebook-Seite. „Würde mich mal auch brennend interessieren, was ein Grüner bei diesem ,Club‘ so treibt“, lautet ein anderer. Auch Parteifreund Hans-Christian Ströbele äußerte sich abfällig. „Ich würde da nicht hinfahren“, zitiert ihn „Spiegel Online“. Aber aus den eigenen Reihen kommt auch Rückhalt. „Ich bin gegen die Logik von Kontaktverboten“, sagte demselben Medium Sven Giegold. „Man sollte Einladungen immer annehmen, solange sie nicht von Massenmördern, Kriegsverbrechern, Rechtsextremen oder Antisemiten ausgesprochen werden.“ Der Grünen-Europaparlamentarier forderte aber „maximale Transparenz“ von Trittin.

Der hat auf seiner Homepage inzwischen eine Art Selbst-Interview zur Bilderberg-Teilnahme veröffentlicht. „Nachdem es eine Reihe von Fragen zu der Konferenz sowie meiner Teilnahme hieran gegeben hat, seien hier die häufigsten beantwortet“, schreibt Trittin. Demnach wurde er von einem Journalisten der „Zeit“ zum Bilderberg-Treffen eingeladen, die Kosten trage er selbst. „Aktuelle Themen wie die transatlantischen Beziehungen, die aktuelle EU-Schuldenkrise, Fragen zur internationalen Energiepolitik und Cyber-Security“ seien besprochen worden, berichtet Trittin. „Ich habe dort nichts anderes vertreten als anderswo.“ So habe er „für eine Abkehr vom einseitigen Sparkurs in Europa“ geworben, „für eine Steuer auf Finanzgeschäfte und für eine Vermögensabgabe, um Krisenverursacher und Vermögende an den Kosten der Krise zu beteiligen“. Trittin ist nicht einmal der erste Grüne gewesen, der ihn die Halle der Erkenntnis aufgenommen wurde. Dort ist schon längst Joschka Fischer eingekehrt, aber erst 2008, als er den Niederungen der deutschen Politik schon entstiegen war.

Die Bilderberg-Konferenz wird in der Öffentlichkeit wohl tatsächlich deshalb kaum wahrgenommen, weil darüber nicht berichtet wird. Wenn nun der „Zeit“-Journalist Matthias Naß die Einladung an Trittin vermittelt hat, steckt dahinter nichts als das Kalkül, dass die dort versammelten Konferenzteilnehmer - es sind nicht ausschließlich Männer, aber überwiegend - nichts langweiliger finden, als sich gegenseitig hergebrachte Theorien auszutauschen. Trittin ist wohl, so kann man hören, gerade deshalb hinzugebeten worden, weil man von ihm Reizworte erwartet hatte. Dass die Teilnehmer ein Schweigegelübde ablegen müssen, wie in der Netzgemeinde erzählt wird, ist natürlich Unsinn. Die Bilderberg-Gäste werden gebeten, keine Namen von Diskussionsteilnehmern zu nennen und in ihren Aussagen sich eher allgemein auszudrücken. Allein das klingt schon wieder verschwörerisch.