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Politik EKD-Chef Schneider: „Wir müssen beharrlich bleiben“
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07:42 10.11.2010
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Herr Präses Schneider, Ihre Vorgängerin Margot Käßmann hat mit ihrem Einspruch zum Afghanistan-Krieg eine große Welle ausgelöst, aber getan hat sich wenig. Es herrscht immer noch Krieg.

Es hat sich nach diesem Einspruch schon einiges zum Positiven verändert, etwa auf dem London-Gipfel. Aber in solchen Fragen von Krieg und Frieden müssen wir als Kirche beharrlich bleiben. Mit einem einzigen Einspruch ist es noch nicht getan. Von einer wirklichen Ausstiegsstrategie sind wir jedenfalls noch weit entfernt.

Sie reden viel von Jesus. Wenn der heute auf der Synode wäre, würde er dann als Banker, Arzt oder Präses auftreten?

Ich denke, als Wanderprediger und auch als Heiler.

Und wer würde ihn finanzieren?

Er lebt davon, dass die Leute, die ihn tragen, auch versorgen. Er predigt aber den Leuten nicht nur, sondern heilt sie auch.

Würde er auch die Kirchensteuer gutheißen?

(lacht) So systematisch, wie er sie bei uns erlebt, wäre sie ihm gewiss fremd. Auch Beamtenverhältnisse wären ihm, der das nahe Reich Gottes verkündete, fremd. Aber die Zeiten haben sich geändert.

Die Linke fordert ein Ende der Staats­leistungen für die Kirche, in der SPD formieren sich die Laizisten, viele wollen von Gott nichts hören, kurzum, das gesellschaftliche Klima wird rauer. Beunruhigt sie das?

Nein, die Kirche ist es durch die langen Zeiten ihrer Existenz gewohnt, dass sie infrage gestellt wird. Insgesamt haben wir noch ein sehr positives Klima. Aber ich registriere auch, dass Kritiker in letzter Zeit lauter werden.

Wie erklären Sie sich dieses Phänomen?

Das hat damit zu tun, dass nach dem Zusammenbruch des Ostens, wo die Ideologie ziemlich abgewirtschaftet hatte, eines übrig geblieben ist: der Atheismus. Immerhin ist es der DDR gelungen, die Kirchen so zu diffamieren, dass der Anteil der Christen im Osten nur noch bei 25 Prozent liegt. Dabei haben auch Lieder und Gebete auf den Montagsdemonstrationen dabei geholfen, dieses System abzuschaffen, wie selbst hohe SED-Funktionäre einräumten. Wenn ich in diesem Zusammenhang den Gesetzentwurf der Linken zu den Staatsleistungen sehe, könnte man dies, humoristisch betrachtet, als späte Rache für die Montagsgebete sehen.

Sie selbst haben Gesprächsbereitschaft zum Thema Staatsleistungen angedeutet. Wie ist das zu verstehen?

Zum Ersten sollten Staatsleistungen nicht mit der Kirchensteuer verwechselt werden. Sie sind Ersatz für früher geschehene Enteignungen und keineswegs ein Almosen oder vom Staat gewährtes Privileg.

Auch die Kirchensteuer wird von vielen als Privileg der Kirchen betrachtet.

Was sie aber nicht ist, sondern ein Mitgliedsbeitrag. Wenn man einmal genauer hinschaut, sieht man, dass es sich bei der Kirchensteuer um ein sehr faires System handelt, das für den Staat übrigens kostenneutral ist, weil wir für den Service des Einzugs drei bis vier Prozent an den Staat zahlen.

Interview: Michael B. Berger

Synode rügt Berlins Atompolitik

Mit großer Mehrheit hat die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) die Atompolitik der Bundesregierung gerügt. Kaum Widerspruch fand eine bei der Tagung des Kirchenparlaments in Hannover verfasste Erklärung, in der die schwarz-gelbe Bundesregierung aufgefordert wird, die bereits beschlossene Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke um 14 Jahre wieder zurückzunehmen. Auch wird eine alternative Standortsuche für das Atomlager Gorleben gefordert. Nur der frühere bayerische Ministerpräsident Günther Beckstein, der Vizepräses der Synode ist, legte Einspruch ein. „Ich weiß, wie hier die Mehrheitsverhältnisse sind, betrachte die Erklärung aber nicht als Ausdruck evangelischer Weisheit, sondern als Grenzüberschreitung zur Politik“, sagte der frühere CSU-Politiker. Was die Synode fordere, entspreche der Beschlusslage von Rot-Grün, kritisierte Beckstein. Trotz dieses Widerspruchs stimmten nur zwölf der 146 Synodalen gegen die Resolution, 15 enthielten sich.

Allerdings rechnet selbst der neue EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider kaum damit, dass das Kirchenparlament die Regierung umstimmt: „Mein Optimismus ist begrenzt.“ Der 63-jährige Schneider ist am Dienstag mit 135 von 143 abgegebenen Stimmen zum Nachfolger der im Februar zurückgetretenen Ratsvorsitzenden Margot Käßmann gewählt worden. Zu seinem Stellvertreter bestimmten die Synodalen den sächsischen Landesbischof Jochen Bohl (60), der wie Schneider aus dem Ruhrgebiet stammt.

Bei Nachwahlen gelangten am Dienstag noch zwei Frauen in den 15-köpfigen EKD-Rat. So erzielte die 43-jährige Mainzer Theologieprofessorin Christiane Tietz 135 Stimmen und die 54-jährige Hannoveranerin Edeltraud Glänzer 110 Stimmen. Glänzer ist Hauptvorstandsmitglied der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie und Energie und mit dem hannoverschen Stadt­superintendenten Hans-Martin Heinemann verheiratet.

Am Rande der EKD-Tagung, die am Mittwoch endet, wurde auch noch eine weitere wichtige Personalie beschlossen. Neuer Direktor des Diakonischen Werkes wird der badische Oberkirchenrat Johannes Stockmeier (62). Er folgt auf Hans-Dieter Kottnik, der im Oktober nach internen Querelen zurücktrat.

Michael B. Berger

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Die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hat am Dienstag Nikolaus Schneider zum Vorsitzenden des EKD-Rats gewählt. Schneider hatte bereits nach dem Rücktritt seiner Vorgängerin Margot Käßmann das Amt übernommen und bekam nun bei der offiziellen Wahl in Hannover 135 von 143 abgegebenen Stimmen.

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