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22:21 23.06.2009

Gemeinsam mit afghanischen Soldaten wollten die Panzergrenadiere aus Bad Salzungen (Thüringen) südwestlich der Stadt Kundus Minen räumen, als sie unter Beschuss gerieten. Sie erwiderten das Gewehrfeuer und forderten Verstärkung aus dem Feldlager sowie Unterstützung aus der Luft an. Als die Soldaten mit ihrem Radpanzer „Fuchs“ den Angreifern ausweichen wollten, stürzte ihr Fahrzeug rückwärts in einen Fluss und blieb auf dem Dach liegen. Vier der sieben Insassen konnten sich befreien, zwei junge Männer waren sofort tot. Der dritte Soldat erlag seinen Verletzungen kurze Zeit später, obwohl er von zwei mobilen Arzttrupps versorgt wurde.

„Ich habe Ihnen eine traurige Nachricht zu überbringen. Drei Soldaten sind heute in Afghanistan im Einsatz für den Frieden gefallen“, sagte Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) am Rande eines Truppenbesuchs in Kiel. Jung sprach den Familien der Getöteten seine Anteilnahme aus. Die Bundeswehr sei es den gefallenen Soldaten schuldig, ihren Stabilisierungseinsatz fortzusetzen und die Täter ausfindig zu machen.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) verurteilte den „feigen Angriff“. Er versicherte, dass gemeinsam mit den afghanischen Behörden alles darangesetzt werde, „die Hintergründe aufzudecken und die Täter zur Verantwortung zu ziehen“. Die Grünen forderten, mit einer „Aufbauoffensive“ die Abwärtsspirale umzudrehen. Ziviles und militärisches Engagement müssten in ein „angemessenes Verhältnis“ gebracht werden, sagte Wehrexperte Winfried Nachtwei. „Nur so kann den Taliban der Boden entzogen werden.“

Die Linkspartei bekräftigte ihre Forderung nach dem Abzug der deutschen Truppen aus Afghanistan. „Es ist nicht länger zu verantworten, das Leben von Afghanen und das Leben der Soldaten aufs Spiel zu setzen“, sagte Linksfraktionschef Gregor Gysi in Berlin.

Seit dem Beginn des Einsatzes Ende 2001 sind in Afghanistan 35 Bundeswehr-Soldaten ums Leben gekommen. Die meisten von ihnen starben in der Provinz Kundus, wo die Taliban versuchen, eine neue Front gegen die Schutztruppe Isaf aufzubauen. Die Region Charreh Darreh ist dort immer wieder Ausgangspunkt von Angriffen auf die Schutztruppe Isaf und afghanische Einheiten, die neben dem deutschen Feldlager in Kundus stationiert sind.

Die Bundeswehr hat dort Ende April erstmals einen Soldaten in einem direkten Gefecht mit den Taliban verloren. Zuvor war sie meist mit Raketen beschossen oder mit Sprengfallen angegriffen worden. Im Verteidigungsministerium ist seither von einer geänderten Taktik der Taliban die Rede, Generale sprechen offen von einem Krieg.

von Klaus von der Brelie

"Wir befinden uns hier im Krieg"

So schlimm war die Lage im nordafghanischen Kundus noch nie: Es ist erst wenige Tage her, dass der Wehrbeauftragte des Bundestags, Reinhold Robbe, dieses Fazit nach einem Truppenbesuch am Hindukusch zog. Sichtlich betroffen schilderte er in Berlin, was die Soldaten ihm gesagt hätten: „Wir bauen hier im Moment keine Brücken und bohren keine Brunnen. Herr Wehrbeauftragter, wir befinden uns hier im Krieg.“ Am Dienstag fielen in Kundus drei Bundeswehrsoldaten im Gefecht mit radikal-islamischen Taliban.

Die Lage in Kundus hat sich in den vergangenen Monaten enorm verschärft. Die Zahl der Angriffe der Taliban ist deutlich gestiegen. „Man muss das sehr ernst nehmen“, sagte der Kommandeur des deutschen Wiederaufbauteams (PRT), Oberst Georg Klein, bereits Anfang Juni. Er zeigte ein Flugblatt, mit dem die Taliban die Zivilbevölkerung einschüchtern. Darin heißt es, wer sich nicht an die Regeln der Scharia halte und mit den „Handlangern der Regierung“ zusammenarbeite, der werde zum Tode verurteilt. Klein schließt nicht aus, dass sich die Lage weiter verschlechtern wird.

Ein ziviler Aufbauhelfer, dessen Name an dieser Stelle nicht genannt werden soll, fügte mutig hinzu, der Gouverneur von Kundus sei „tagsüber Gouverneur und nachts ein Taliban“.

Wer irgend kann, verlässt das Land. Sogar diejenigen, die erst der Herrschaft der Taliban, dann dem Krieg und dann der langsam, aber stetig anwachsenden Gewalt gegen internationale humanitäre Helfer getrotzt haben, geben jetzt auf.

Die Deutsche Welthungerhilfe, einer der zuverlässigsten Not- und Aufbauhelfer, will ihren letzten verbliebenen ausländischen Mitarbeiter aus der Stadt Taloqan im Norden Afghanistans abziehen – nachdem sie sich aus dem immer wieder angegriffenen Kundus schon vor geraumer Zeit zurückgezogen hat. „Wir überlegen, das Projekt mit Hilfe unserer lokalen Mitarbeiter vor Ort aus dem Nachbarland Tadschikistan zu verwalten“, sagte Rudolf Strasser, Afghanistan-Chef der Bonner Hilfsorganisation, Ende vergangener Woche. „Im Vergleich zum vergangenen Jahr hat es eine Verdoppelung der relevanten Sicherheitszwischenfälle gegeben.“ Und angesichts der bevorstehenden Präsidentschaftswahl im August erwartet die Welthungerhilfe offenbar eine weitere Zuspitzung. „Es gibt keine Notwendigkeit für uns“, sagt Strasser, „dies aus der Nähe zu beobachten.“

Weggehen, sich zurückziehen, der eigenen Sicherheit Vorrang einräumen – den ausländischen Helfern mag es gegen das eigene Selbstverständnis gehen, aber ihre Organisationen haben die Pflicht, sie im Ernstfall aus dem Gefahrengebiet abzuziehen. Die Bundeswehr, die sich innerhalb der Nato zur Mitarbeit in der Schutztruppe Isaf verpflichtet hat, hat diese Option nicht. Mittlerweile sind 35 deutsche Soldaten in Afghanistan gefallen. Fast immer werden die Deutschen in der Umgebung der Stadt Kundus angegriffen, wo rund 700 Bundeswehrsoldaten in einem „Provinzwiederaufbauteam“ (PRT) stationiert sind. Und fast immer werden sie angegriffen, wenn sie anderen zu Hilfe kommen.

Erst am Montag vergangener Woche hatte eine Kompanie der Bundeswehr Soldaten der afghanischen Streitkräfte rund 15 Kilometer nordwestlich der Stadt befreien müssen, die in einen Hinterhalt geraten und umzingelt worden waren. Das Gefecht dauerte fast fünf Stunden, Kampfflugzeuge der Internationalen Sicherheitstruppe Isaf bombardierten die Stellungen der Talibanmilizen. Afghanischen Angaben zufolge wurden acht „Gotteskrieger“ getötet. Die Meldung, unter den Toten seien auch drei Kinder, wurden nicht bestätigt.

Kämpfende Soldaten, humanitäre Helfer – die Taliban haben es verstanden, das Bild vom Eroberer auf jeden zu projizieren, der aus dem Westen nach Afghanistan gekommen ist. Erst am vergangenen Donnerstag wurden sechs Mitarbeiter einer amerikanischen Organisation bei einem Anschlag mit einer Autobombe schwer verletzt.

In der Umgebung von Kundus sind die Taliban so stark geworden, dass sie im Distrikt Chahar Darreh wenige Kilometer westlich von Kundus ein reguläres Arbeiten von Helfern nahezu unmöglich machen. Seit dem vergangenen Jahr bedrohen sie auch afghanische Mitarbeiter ausländischer Organisationen.

Die Welthungerhilfe hatte bereits vor zwei Jahren ihr Büro in Kundus geschlossen und eine neue Niederlassung in Taloqan eröffnet. Inzwischen aber sind die Talibanmilizen auch mit „Hit and Run“-Aktionen in der Provinz Takhar aktiv, deren Hauptstadt Taloqan ist.

Nach Informationen dieser Zeitung beschloss die Führung der Talibanmilizen vor etwas mehr als einem Jahr, ihre Aktivitäten im Norden Afghanistans gezielt zu verstärken. In einigen Teilen der Region sind sie bereits so selbstbewusst geworden, dass sie manchmal am helllichten Tag Straßensperren errichten. Bewohner berichten, dass gegenwärtig vorwiegend „junge, entschlossene Kämpfer“ mit Kalaschnikows unterm Arm in der Region auftauchen.

Wahlkampf heizt die Stimmung auf

Kabul. Auf den Aluminiumfensterahmen des geräumigen, brandneuen Hauses in bester Hanglage von Kabuls Nobelviertel Wazir Akbar Khan kleben noch Bänder des chinesischen Herstellers. Hier residiert Abdul Jabar Sabet, bis vor einigen Monaten Afghanistans Generalstaatsanwalt, und jetzt einer von 41 Kandidaten für Afghanistans Präsidentschaftswahl am 20. August. „Ich habe nur die Gesetze angewandt“, sagt der zu Reichtum gekommene Mann mit dem schlohweißen Haar.

Die 52-jährige Parlamentsabgeordnete Shahla Ata, eine von zwei weiblichen Kandidatinnen, behauptet in ihrer geräumigen Bleibe im Stadtteil Kart-e-Seh: „Wenn alles mit rechten Dingen zugeht, muss ich gewinnen.“

Der 48-jährige frühere Planungsminister Ramzan Bashardost sitzt in einem Zelt vor Afghanistans Parlament. Auf den Hemdkragen hat er sich die Landesfarben Schwarz, Rot und Grün sticken lassen. „Ich gehöre niemand“, sagt er. „Mich werden alle wählen, die wollen, dass jemand Präsident wird, der eine vernünftige Ausbildung besitzt.“

Seit dem 16. Juni schürt der beginnende Wahlkampf die ohnehin schon aufgeheizte Stimmung im Land. Die Dutzende von Aspiranten auf das höchste Amt im Staat mischen dabei in einem schier aussichtslosen Vorhaben mit. Sie versuchen, den Mann zu übertrumpfen, der seit dem Jahr 2002 an der Spitze des Landes steht. Er wird für Misswirtschaft und Schlendrian und auch für die Unfähigkeit der Afghanen zur nationalen Einigung verantwortlich gemacht – und scheint doch unschlagbar. Nicht zuletzt deshalb, weil Hamid Karsai in den vergangenen Wochen ein Bündnis mit regionalen Kriegsfürsten und Provinzgrößen geschmiedet hat. So groß scheint Karsais Übermacht, dass einer Umfrage des „National Center for Policy Research“ (NCPR) der Universität Kabul zufolge 70 Prozent aller Befragten sagten, die zweite Präsidentschaftswahl seit der Vertreibung der Taliban von der Macht werde auf keinen Fall „frei, fair und transparent“ sein.

„Es gibt aber eine große Unbekannte“, sagt Meinungsforscher Hamidullah Noor Ebadi. „Wir wissen nicht, ob und wie die Anhänger von Karsais Partnern wählen werden. Sie sind sauer, weil ihre Führer jahrelang auf ihn geschimpft haben und sich jetzt trotzdem mit ihm verbünden.“

Karsais Wahl schient so sicher, dass nicht einmal ein zweiter Wahlgang notwendig sein wird. Sein enger Freund Azizullah Ludin ist Chef der Wahlkommission. Und diese behauptet, 17 Millionen Afghanen seien für die Wahl registriert. Das scheint unglaubwürdig. Denn in 25 der insgesamt 34 Provinzen des Landes herrscht Krieg mit den Talibanmilizen. Sie wollen die Wahl sabotieren und warnten die Menschen in manchen Regionen schon davor, sich für den Urnengang registrieren zu lassen. Und eine „Warnung“ der Taliban, das wissen die Zivilisten nur allzu genau, nicht ernst zu nehmen, kommt lebensgefährlichem Leichtsinn gleich.

Aber auch Karsai ist gut gerüstet. Statt einer Partei gründete er schon im August 2007 das „Independent Directorate for Local Governance“ (IDLG), das direkt dem Präsidenten untersteht und dessen Direktor Jelani Popal bei der Gründung ungeniert verkündete: „Wir haben hiermit das Instrument zur Wiederwahl von Karsai geschaffen.“ Die lokalen IDLG-Räte, die auch bei der Aufstellung der mit einer Kalaschnikow samt 300 Schuss pro Mann ausgerüsteten Bürgermilizen durch US-Streitkräfte assistierten, sind mit Gefolgsleuten von Karsai besetzt und sprechen ein gewichtiges Wort bei den Wahlen in kleinen Ortschaften mit.

Das Vorgehen Karsais ist Wasser auf die Mühlen der Taliban. „Niemand wird Freude an den Wahlen haben“, prophezeite Abdul Salem Saeef, der ehemalige Talibanbotschafter in Pakistan, gegenüber dieser Zeitung. Die westlichen Verbündeten Afghanistans sind derweil fest entschlossen, die Fassade aufrechtzuerhalten. Man habe noch knapp drei Monate Zeit, so glaubt ein Diplomat, um die Afghanen zu überzeugen, dass die Wahlen frei und fair sein würden. Es gibt allerdings Vertreter im diplomatischen Korps von Kabul, die weitaus skeptischer sind. „Die Wahl“, so sagt einer von ihnen, „wird Afghanistan weiter destabilisieren.

von Willi Germund

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