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Politik Die Zukunft der Linken ist weiblich
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21:53 23.05.2012
Von Klaus Wallbaum
Plötzlich im Mittelpunkt des Interesses: Katja Kipping (rechts) und Katharina Schwabedissen wollen für den Parteivorsitz der Linken kandidieren. Quelle: dpa
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Hannover

Sie wollen mit drei weiteren Weggefährten Anfang Juni die Führung des Bundesverbandes der Linken übernehmen – und in der Partei einen neuen Stil prägen. „Wir fühlen uns einer nicht-autoritären Linken verpflichtet“, verkündet das Trio. Das muss als Kritik am Auftreten von Oskar Lafontaine gewertet werden. Der 68 Jahre alte Saarländer hatte just am Vortag mit seiner Absage an den Vorsitz die tiefe Krise der Partei noch verschärft. Der Linken droht jetzt die Spaltung.

Nun also kommen drei junge Frauen, die einen letzten Einigungsversuch unternehmen: Die 34-jährige Kipping und die 39-jährige Schwabedissen wollen eine weibliche Doppelspitze für die Linkspartei bilden, die gleichfalls 39-jährige Lay, der Brandenburger Thomas Nord und der Hamburger Jan van Aken wollen die beiden im geschäftsführenden Bundesvorstand unterstützen. Ziemlich überraschend sind diese Politiker aufgetreten. Sie gehören alle nicht zu den ausgewiesenen Leitfiguren der beiden Parteiflügel, die in den vergangenen Wochen gegeneinander gekämpft hatten – die Lafontaine-Anhänger der „Sozialistischen Linken“ hier, die Reformsozialisten mit einer Nähe für rot-rote Bündnisse um ihre Gallions­figur Dietmar Bartsch dort.

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Nach Lafontaines Verzicht war Bartsch bisher der aussichtsreichste Bewerber für die Linken-Führung, und bis zum entscheidenden Parteitag in Göttingen sind auch nur noch neun Tage Zeit. Nun bringen die drei jungen Frauen Bewegung in die Debatte, und nicht wenige in der Linkspartei vermuten, in den nächsten Tagen könnten sich weitere melden – vorzugsweise weibliche Kandidaten.

Was die Linkspartei jetzt erlebt, ist ein bemerkenswerter Aufstand der jüngeren Frauen. Der Zweikampf der Antipoden Lafontaine und Bartsch, ergänzt durch wegweisende Kommentare von Urgestein Gregor Gysi, quält die Linkspartei schon seit Jahren. Dahinter steht ein jahrzehntelang ungeklärter strategischer Gegensatz: Die Marxisten – vorwiegend aus dem Westen – wollen die Linkspartei als Sammelbecken aller linken Kräfte, die Reformer – vor allem aus dem Osten – schielen auf eine Regierungsbeteiligung an der Seite von SPD und Grünen.

Je stärker sich die Streithähne ineinander verhakten, vor allem in den vergangenen Wochen, desto stärker wurden auch Bemühungen um eine Verständigung jenseits der großen alten Männer. Die neue Gruppe um Kipping und Schwabedissen deckt nun die mitgliederstarken Landesverbände Sachsen, Nordrhein-Westfalen und Brandenburg ab. Außerdem kann den Kandidaten eine Nähe zu bestimmten Ausrichtungen in der Partei unterstellt werden.

Bei Katja Kipping aus Dresden wird eine Nähe zu den Reformsozialisten um Bartsch vermutet, obwohl sie sich in diese Gruppierung nie eingegliedert hat. Die junge Frau, bisher als Stellvertreterin durchaus medial präsent, vertrat öffentlich in den vergangenen Jahren vor allem eine inhaltliche Forderung – sie streitet für das bedingungslose Grundeinkommen. Katharina Schwabedissen steht eher für den Flügel der West-Linken, kennt auch keine Berührungsängste zu radikalen Gruppen wie der orthodox kommunistischen DKP, die für sie „auch eine Kraft ist, die gegen den ausbeuterischen Kapitalismus angehen will“.

Über christliches Engagement kam die Pfarrerstochter zur Politik, wurde Landessprecherin der Linken in Nordrhein-Westfalen. Aber in ihrem Auftreten sind Kipping und Schwabedissen, allen inhaltlichen Festlegungen zum Trotz, eher undogmatisch. Sie sei „gegen die Verfestigung des Denkens beim gemeinsamen Sprechen“, erklärt Kipping in vager Anlehnung an Heinrich von Kleist – und spricht sich dafür aus, eine „strömungsübergreifende“ Führung der Linkspartei zu etablieren. Ein „Signal zum Aufbruch in eine neue Zeit“ sei nötig.

Ob das klappen kann, ist aber fraglich. Zum einen sind die beiden Frauen auch familiär gefordert. Für Schwabedissen musste die Pressekonferenz extra nach Hannover verlegt werden, weil sie aus Berlin nicht rechtzeitig nach Nordrhein-Westfalen hätte zurückkehren können, um ihre Kinder aus der Schule abzuholen. Und Kipping, die vor einem halben Jahr eine kleine Tochter bekam, schlug den Parteivorsitz vor Kurzem für sich noch aus – sie könne es allenfalls als Teilzeitjob machen, sagte die 34-Jährige. Das wiederholt sie jetzt nicht, sondern redet von einem „Teamansatz“ und davon, dass sich in der Parteiführung „alle gegenseitig unterstützen“ wollten.

Die spannende Frage ist nun, ob das Tandem Kipping/Schwabedissen von den mächtigen Flügeln der Linkspartei als stark genug akzeptiert oder für zu leicht befunden wird. Die Reaktionen sind unterschiedlich. Der niedersächsische Landesverband etwa, geprägt von einer besonders Lafontaine-treuen Führung, geht offen auf Distanz. Landtagsfraktionschef Hans-Henning Adler lehnt Schwabedissen als Vorsitzende ab und empfiehlt an ihrer Stelle die Kommunistin Sahra Wagenknecht, Lebensgefährtin von Lafontaine. Daneben könne der Reformsozialist Bodo Ramelow aus Thüringen als Kovorsitzender antreten.

Ramelow fühlt sich dadurch „geehrt“, wie er sagt, möchte den Vorschlag von Adler aber nicht näher kommentieren. Von dem Erfurter ist allerdings bekannt, dass er seine Kräfte auf die Thüringer Landespolitik ausrichten will. Ramelow selbst gibt zu bedenken, dass jedes Personalpaket „keine weiteren Verletzten erzeugen“ dürfe. Mit anderen Worten: Für Bartsch, den bisherigen Vorsitzenden-Kandidaten, müsse auf jeden Fall ein wichtiger Platz vorgesehen werden. Kann er wieder Bundesgeschäftsführer werden als starker Mann im Parteiapparat? Oder Spitzenkandidat für die Bundestagswahl? Oder Fraktionschef anstelle von Gysi?

Kipping, Schwabedissen und ihre Mitstreiter halten ihr Personalkonzept ausdrücklich offen. „Wir sind bereit für Ergänzungen“, erklärten sie in Hannover. Das klingt wie eine Einladung an Bartsch, sich unter einer weiblichen Doppelspitze einen neuen Platz in der Linkspartei zu suchen.

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