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Politik Ende einer Hochzeitsfeier
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10:39 19.11.2013
Von Stefan Koch
„Mit der überzeugenden Drohnentechnik würde es niemals einen Fehler geben“: Die Verantwortlichen bestreiten, dass bei US-Angriffen – wie hier im Februar im jemenitischen Shabwa – auch unbeteiligte Zivilisten getötet werden. Quelle: Reuters
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Washington

Auf Rache ist er nicht aus. Faisal bin Al Jaber hätte eigentlich allen Grund, Vergeltung zu fordern. Aber er  will nur eins: eine Entschuldigung. Dafür reist der Mann aus dem jemenitischen Wüstendorf Kashamir um die halbe Welt. Er will sich nicht damit abfinden, dass sein Cousin und sein Schwager getötet wurden – und keiner die Verantwortung übernimmt.

Der grauhaarige Mann spricht leise und betont höflich. Wortreich entschuldigt er sich dafür, dass er die „wunderschöne englische Sprache nicht versteht“ und auf einen Dolmetscher angewiesen ist. Er ist zu Gast an der Johns Hopkins Universität in Washington, eingeladen zum Gespräch über die Grenzen des Anti-Terror-Kampfes – nur wenige Schritte vom Weißen Haus entfernt. Al Jaber ist so etwas wie ein Kronzeuge. Er sagt aus gegen den US-Präsidenten Barack Obama und seinen Drohnenkrieg.

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Einsatz auf Distanz

Mit unbemannten Flugkörpern experimentieren Militärs bereits seit dem Ersten Weltkrieg. In den neunziger Jahren entwickelte die Wehrtechnik Drohnen – etwa das Waffensystem „Predator“, das erstmals in den Balkankriegen vor rund  20 Jahren zum Einsatz kam. Ursprünglich nur zur Aufklärung gedacht, feuert das Fluggerät seine „Hellfire“-Raketen mittlerweile aus einer Höhe von 15 000 Metern ab. Der Vorteil aus Sicht der Militärs: Die Zeit zwischen Aufklärung und Bekämpfung ist extrem minimiert.
Zu den Nachfolgemodellen des „Predator“ zählen „Gray Eagle“ und „Reaper“, die sich ohne Auftanken über zwei Tage hinweg in der Luft bewegen können. Zu den neuesten Entwicklungen zählen Drohnen wie „Raven“, die sich in einem Rucksack transportieren lassen und direkt im Gefechtsfeld von Soldaten eingesetzt werden, um die Lage in unmittelbarer Nähe zu sondieren. Zu diesen Drohnen zählt auch „Switchblade“, die bewaffnet ist und auf Knopfdruck in das Kampfgeschehen eingreifen kann. Nach Einschätzung von Fachleuten ist in Zukunft mit einer Vielzahl von unbemannten kleinen und großen Waffensystemen zu rechnen, die sich aus der Ferne bedienen lassen.

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„Der 22. August 2012 hätte ein so schöner Tag werden können“, sagt Al Jaber. Sein Sohn heiratete, es sollte ein fröhliches Wiedersehen mit der Verwandtschaft geben. Aus mehreren Dörfern reisten Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen an, um den ganzen Tag in Kashamir zu tanzen, zu essen und zu trinken. Gemeinsam mit Freunden hatte er ein Zelt für die Gäste aufgebaut. Doch der Festtag wurde zu einem Schreckenstag.

Abends um acht Uhr passierte etwas, das alles veränderte: Al Jaber hörte eine Rakete heranfliegen, die wenige Augenblicke später in der Nähe seines Hauses einschlug. Aufgeschreckt liefen mehrere Dorfbewohner herbei. Kurze Zeit danach schlug an derselben Stelle die nächste Rakete ein – sie traf vor allem diejenigen, die helfen wollten. Und danach gab es noch zwei weitere Einschläge. Unter den Toten waren auch Faisals Cousin und sein Schwager.

Warten auf Antwort

Die Opfer wurden anhand einiger Kleidungsfetzen identifiziert, da ihre Körper bis zur Unkenntlichkeit zerrissen waren. Für die Dorfbevölkerung stand fest, dass es sich um einen amerikanischen Drohnenangriff handelte. Eine offizielle Bestätigung oder Erklärung gibt es bis heute nicht. Einige Wochen danach erhielten die trauernden Angehörigen vom jemenitischen Präsidentenamt einen Standardbrief, in dem stand, dass es „mit der überzeugenden Drohnentechnik niemals einen Fehler geben“ würde. Faisal wandte sich mit einem handgeschriebenen Brief an dem amerikanischen „Commander in Chief“ in den fernen USA – und erhielt von Obama erwartungsgemäß keine Antwort.

Auch die Vereinten Nationen warten seit Monaten auf eine Antwort des US-Präsidenten. Das UN-Büro für den Schutz der Menschenrechte hat die US-Regierung mehrfach aufgefordert, ihr umstrittenes Drohnenprogramm offenzulegen. Vergeblich. Das Massaker hat seinerzeit im Jemen für Furore gesorgt. Die Familie von Faisal bin Al Jaber und ihr Schicksal sind vielen bekannt – weil ihre Toten so zweifelsfrei unschuldige Opfer in einem blutigen Krieg geworden sind. Deshalb sorgt jetzt die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch mit Unterstützung der UN dafür, dass das Familienoberhaupt seine Geschichte erzählen kann – und eben als „Kronzeuge“ auftritt, an US-Universitäten, in politischen Zirkeln.
Der Jemenit zieht einen drastischen Vergleich: „Stellen Sie sich vor, ein Räuber betritt zur besten Einkaufszeit einen Supermarkt. Die Polizei eilt zur Hilfe und erschießt jeden, der sich in dem Geschäft aufhält. Später erklären die Beamten, sie mussten schießen, weil sie einen Räuber in dem Supermarkt vermuteten.“ Eine absurde Geschichte? Nicht aus seiner Perspektive.

Brutales Massaker

Wie spätere Nachforschungen ergeben haben, sind drei verdächtige Männer am Tag der Hochzeit mit einem Auto in das Dorf Kashamir gefahren. Sie wollten einen hochrangigen Geistlichen sprechen, der sich mehrfach gegen das Terrornetzwerk Al Qaida ausgesprochen haben soll. Als die Verdächtigen dem Gelehrten vor der Moschee begegneten, schlugen die Raketen ein. Die drei Fremden wurden in Stück gerissen, aber auch der Geistliche, der gewiss kein Terrorist war, und die Feiernden aus der Hochzeitsgesellschaft.

Eine Reporterin von Human Rights Watch hat den Fall seinerzeit in Kashamir dokumentiert und dabei auch Faisal bin Al Jaber kennengelernt. Das Weiße Haus, das Pentagon und der Geheimdienst CIA betonen regelmäßig die Rechtmäßigkeit der Drohnenattacken – und dass die mit der Terrorbekämpfung überfordert jemenitische Regierung die USA um Hilfe gebeten hat. Auch Al Jaber sagt, dass die Terroristenjagd in seiner Heimat „vielleicht“ erforderlich sei. Doch die Bevölkerung dürfe dabei nicht für vogelfrei erklärt werden: „Warum wurden die Verdächtigen nicht einfach festgenommen?“ So aber hätten Geheimdienste und Militärs unendliches Leid verursacht. Die Mutter seines Cousins sei an gebrochenem Herzen gestorben, für die hinterbliebenen Kinder komme niemand auf. Weder in Sanaa noch in Washington würde irgendjemand die Verantwortung übernehmen.

Schwere Vorwürfe

Der Auftritt des 62-Jährigen findet in Washington besondere Aufmerksamkeit, da zurzeit ohnehin heftig über den Sinn der Antiterrorstrategie diskutiert wird. Die Reporter Mark Halperin und John Heilemann veröffentlichten gerade ihr Buch „Double Down“, in dem sie schwere Vorwürfe gegen den Präsidenten erheben. Noch lässt sich der Wahrheitsgehalt nicht nachprüfen, aber die Autoren zitieren anonyme Quellen, denen zufolge Obama bei einer internen Besprechung mit Sicherheitsexperten im vergangenen Jahr gesagt hat, dass er „im Töten von Leuten ziemlich gut sei“.

Man mag es nicht glauben, dass der Friedensnobelpreisträger das gesagt haben könnte. Aber auch unabhängig von dieser heiklen Aussage verdüstert sich das Bild von dem einst so beliebten Politiker immer stärker. Für Ärger sorgt auch der Drohnenangriff gegen Hakimullah Mehsud. Der 34-jährige Talibanchef wurde vor einigen Tagen in Pakistan von den Amerikanern getötet – auf seinen Kopf hatte Washington eine Belohnung von fünf Millionen Dollar ausgesetzt. Obwohl Mehsud gesuchter Extremist war, ist Afghanistans Präsident Hamid Karsai empört und wirft Washington vor, sich auf einen Irrweg zu befinden.

Die afghanisch-pakistanische Grenzregion und der Jemen liegen weit voneinander entfernt. Aber im Kampf gegen fast unsichtbare Feinde setzt Amerika auf ebensolche Hightechwaffen. Der trauernde Faisal bin Al Jaber nimmt für sich nicht in Anspruch, die gesamte Sicherheitspolitik der USA zu verstehen. Aber in einem ist er sich sicher: „Es kommt die Zeit, da wird dieses Land die Attacken bereuen.“

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