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Politik Die Türkei versinkt immer tiefer im Sumpf des syrischen Bürgerkriegs
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20:37 23.08.2019
Syrien, Chan Schaichun: Ein zerstörtes Gebäude in der Stadt Chan Schaichun. Syriens Regierung will nach dem Vormarsch ihrer Truppen im letzten großen Rebellengebiet um die Stadt Idlib eingekesselten Zivilisten den Abzug gestatten. Quelle: -/XinHua/dpa
Istanbul

Die Türkei versinkt immer tiefer im Sumpf des syrischen Bürgerkriegs. Während ihr Projekt einer „Pufferzone“ im nordostsyrischen Kurdengebiet von den USA blockiert wird, geraten die mit ihr verbündeten syrischen Rebellen in der nordwestlichen Rebellenprovinz Idlib gegenüber den Truppen des Machthabers Baschar al-Assad dramatisch ins Hintertreffen. Verbände des Regimes konnten in dieser Woche im Süden der Provinz weiter vorrücken und die strategisch wichtige Stadt Chan Scheichun erobern. Ihr von Russland unterstützter Vormarsch bringt jetzt türkische Truppen in die Schusslinie und hat bereits Zehntausende Flüchtlinge an die Grenze getrieben. Zudem gefährdet die Operation das Sotschi- Abkommen mit Russland und Iran von 2018 für eine Waffenruhe in der Provinz. Doch ist der türkischen Präsident Tayyip Erdogan offensichtlich nicht in der Lage, Moskau zum Stopp der syrischen Offensive zu bewegen.

Entsetzen in Ankara

Pures Entsetzen herrschte in Ankara, als Kampfjets des Assad-Regimes am Montag einen türkischen Militärkonvoi in Idlib, der Nachschub zu einem Beobachtungsposten der türkischen Armee bei Chan Scheichun bringen sollte, mit Bomben stoppten. Noch mehr schockierte die Türkei, die den Konvoi zuvor in Russland angekündigt hatte, dass Assads Schutzmacht die Attacke nicht verhinderte. Wie das Nahost-Nachrichtenportal Al-Monitor berichtete, flogen der türkische Geheimdienstchef Hakan Fidan und Erdogans Sprecher Ibrahim Kalin am nächsten Tag nach Moskau, um sich zu beschweren – ohne erkennbaren Erfolg.

Die Demütigung der türkischen Armee setzte sich die gesamte Woche über fort. Am Dienstag waren die verbündeten syrischen Rebellen gezwungen, Chan Scheichun aufzugeben. Damit haben Damaskus und seine Moskauer Verbündeten das nächste Etappenziel bei der Rückeroberung der Provinz Idlib erreicht: die Kontrolle über die strategisch wichtige Autobahn zwischen der Hauptstadt Damaskus und der nordsyrischen Metropole Aleppo. Damaskus begründet die Angriffe mit dem „Kampf gegen den Terror“, und tatsächlich wurde Chan Scheichun von der Dschihadistenmiliz Hayat Tahrir al-Sham (HTS), der früheren Nusra-Front, beherrscht. Die Proteste Ankaras schmetterte der Kreml mit den Worten ab, die Türkei sei ihren Verpflichtungen aus dem Sotschi-Abkommen zur Entwaffnung der Dschihadisten nicht nachgekommen.

Putin verliert die Geduld

Erdogan hatte sich offenbar darauf verlassen, dass ihm die Russen mehr Zeit einräumen würden, das Problem zu lösen – schließlich hatte er die Türkei in der letzten Zeit immer näher an Moskau herangeführt und im Streit um den Erwerb des russischen S-400-Raketenabwehrsystems den Nato-Partner USA brüskiert. Doch Putin verliert offenbar die Geduld, was türkische Kommentatoren mit Sorge registrieren. Die Gemeinsamkeiten mit Russland würden täglich geringer, schrieb die regierungsnahe türkische Zeitung Habertürk. Die Nachrichtenagentur Reuters zitierte den früheren türkischen Diplomaten Sinan Ulgan, der erzwungene Rückzug der Türkei zeige, „wie wenig Einfluss die Türkei auf Russland besitzt“.

Der De-facto-Zusammenbruch des Sotschi-Abkommens zur Einrichtung von vier „Deeskalationszonen“ stellt nun die gesamte Idlib-Strategie Ankaras in Frage, die darauf abzielt, den Rebellen ein unabhängiges Rückzugsgebiet unter türkischer Protektion zu sichern. Neben dem komplett eingeschlossenen Beobachtungsposten Nummer 9 bei Morek nahe Chan Scheichun sind zwei weitere türkische Stellungen im Süden der Provinz akut bedroht. Am Donnerstag wurde der Beobachtungsposten Nummer 8 mit Maschinengewehren beschossen. Laut Informationen von Al-Monitor fordert Moskau von Ankara die Aufgabe aller drei Stellungen und den Abzug aller syrischen Kämpfer aus dem Süden der Provinz.

Strom der Flüchtlinge schwillt an

Erdogans Sprecher Kalin entgegnete am Mittwoch, dass die Türkei ihre Militärposten weder aufgeben noch verlegen werde. Die Türkei habe aber Russland und den Iran zu einem Dreiergipfel über Syrien am 16. September nach Ankara eingeladen. Während die Gefahr einer direkten militärischen Konfrontation zwischen der Türkei und Syrien wächst, schwillt der Strom von Flüchtlingen zur türkischen Grenze dramatisch an. In Idlib leben zwischen drei und vier Millionen Menschen. Die Türkei, die bereits rund 3,6 Millionen Syrer aufgenommen hat, hat zwar eine Mauer entlang der Grenze gebaut, und Innenminister Süleyman Soylu kündigte am Donnerstag die Errichtung neuer Flüchtlingslager „außerhalb unserer Grenzen“ an. Doch ob sich die Flüchtlinge im Notfall von Mauern und Versprechungen aufhalten lassen, ist zu bezweifeln.

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Von Frank Nordhausen/RND

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