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14:00 06.04.2019
Die Ostfrauen haben dem wiedervereinigten Deutschland ihren Stempel aufgedrückt. Quelle: Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Hannover

Im Frühjahr 2017 geschah etwas Überraschendes. Da nämlich sah es so aus, dass es unter den Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl vier Frauen geben könnte – und dass all diese Frauen Ostfrauen sein würden: Katrin Göring-Eckardt, Angela Merkel, Frauke Petry und Sahra Wagenknecht. Zwar verzichtete Petry kurz darauf aus innerparteilichen Gründen auf eine Kandidatur und verließ die AfD nach der Wahl schließlich ganz.

Dennoch blieb der überraschende Befund, dass es vier Ostfrauen bis an die Spitze geschafft hatten – während es Frauen in der Politik wie auch sonst oft schwer haben, überhaupt nach ganz oben zu gelangen. Der Eindruck wiederholte sich am Abend des 24. September 2017. Da tauchten noch zwei weitere Ostfrauen auf den Bildschirmen auf: Linksparteichefin Katja Kipping und die stellvertretende SPD-Vorsitzende Manuela Schwesig.

Anna Kaminsky, Geschäftsführerin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und Autorin des grundlegenden Buches „Frauen in der DDR“, sagte dazu: „Natürlich ist diese Konstellation letztlich Zufall. Aber dieser Zufall ist auch das Ergebnis des beruflichen Selbstvertrauens, das viele ostdeutsche Frauen in den 1970er- und 1980er-Jahren entwickelt haben und mit dem sie in die deutsche Einheit gestartet sind.“

Es gibt eine Scheu, das Erreichte zu loben

Sie waren in einem wesentlich höheren Maße als westdeutsche Frauen berufstätig, während die klassische Hausfrauenehe in der alten Bundesrepublik vor 1989 noch die Regel war. Und manches deutet darauf hin, dass dies Spuren hinterlassen hat. Ja, die Ostfrauen haben dem wiedervereinigten Deutschland ihren Stempel aufgedrückt. Und wenn es nicht die Ostfrauen selbst waren, so waren es doch die Errungenschaften, die die DDR hinterlassen hatte.

Es gibt keinen Grund, diese Errungenschaften zu idealisieren, zumal sie Erbe eines autoritären Regimes sind und nicht durchweg ehrenhaften Motiven entsprangen. Mancher ostdeutsche emanzipatorische Vorsprung hat sich relativiert – etwa weil Westfrauen bei der Erwerbsquote zugelegt und Ostfrauen verglichen mit 1989 nachgelassen haben.

Überdies gibt es eine Scheu, das Erreichte zu loben – weil „einfach viele Leute denken, das sei ungefähr so, als ob man Nazi-Deutschland wegen der Autobahnen lobe“, wie es der ostdeutsche Dramaturg Thomas Oberender, eine führende Politikerin zitierend, formulierte. So wenig man die DDR idealisieren sollte, so wenig sollte man aber ihr in diesem Punkt letztlich positives Erbe verschweigen.

Hohe Frauenerwerbsquote und ein entsprechendes Rollenverständnis

So bekamen Ostfrauen vor 1989 Chancen im Erwerbsleben – und unterlagen damit zugleich dem Zwang, daran teilzunehmen und die Doppelbelastung, die ihnen mit der Hausarbeit aufgebürdet wurde, zu schultern. Wenn es um Macht ging, hatten Frauen in der DDR nichts zu melden. Im Zentralkomitee der SED fehlten sie ebenso wie im Politbüro. Zu Ministerinnen schafften es zwischen 1949 und 1989 nur zwei: Hilde Benjamin und Margot Honecker, beide gefürchtet.

Und doch gab es nach 1989 viele starke Ostfrauen, die auf die eine oder andere Weise Karriere gemacht oder sich behauptet haben, allen voran Angela Merkel, die erste Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland. Andere Expertinnen sind sich mit Anna Kaminsky einig: Dies hatte wesentlich mir der hohen Frauenerwerbsquote in der DDR und einem entsprechenden Rollenverständnis zu tun.

Die Stärke der Ostfrauen zeigte sich nach 1989 zunächst einmal daran, dass sie die in den Neunzigerjahren um sich greifende ostdeutsche Perspektivlosigkeit nicht akzeptieren wollten – und gingen. So wanderten aus Ostdeutschland von 1991 an 17 Jahre lang jährlich mehr Frauen ab als Männer.

Die Frauen sind gegangen, die Männer sind frustriert

An einzelnen Orten des Ostens leben heute dreimal so viele Männer wie Frauen, was Männer in den Frust und die Gesellschaft aus dem Gleichgewicht treibt. Sachsens Integrationsministerin Petra Köpping (SPD) bekam mal eine E-Mail, in der stand: „Wenn Sie für mich auf dem Land eine Frau finden, gehe ich nicht mehr zu Pegida.“ Köpping sagt, das sei nicht die einzige Zuschrift dieser Art.

Zweiter Indikator für die Stärke der Ostfrauen ist, dass sie heute wieder häufiger einen Job haben als ihre westdeutschen Schwestern – und das obwohl im ersten Jahrzehnt nach der Vereinigung im Osten Massenarbeitslosigkeit herrschte und bis heute viel weniger Jobs zur Verfügung stehen als jenseits der einstigen Mauer.

Zwar gingen Anfang der Neunzigerjahre einige davon aus, dass die „Erwerbsneigung“ der Ostfrauen zurückgehen werde. Tatsächlich konnten sich bloß 4 bis 5 Prozent der Ostfrauen einen Rückzug aus dem Erwerbsleben vorstellen. Sie kämpften sich zurück.

Mehr Ostfrauen als Westfrauen in Führungspositionen

Entsprechend sind Ostfrauen auch häufiger in Führungspositionen anzutreffen als Westfrauen. 2015 lag der Anteil von Frauen auf privatwirtschaftlichen Leitungsposten bei 44 Prozent im Osten und 27 Prozent im Westen. Im öffentlichen Dienst Ostdeutschlands betrug dieser Anteil bereits im Jahr 2007 rund 45 Prozent und damit fast die Hälfte. Schließlich ist die Entgeltungleichheit zwischen Frauen und Männern im Osten ebenfalls geringer als im Westen.

2014 betrug der sogenannte Gender Pay Gap im Westen 22 Prozent, in Ostdeutschland hingegen nur 9 Prozent. In einzelnen Regionen verdienen Frauen im Osten sogar mehr als Männer. Das gibt es im Westen nirgends. Voraussetzung all dessen ist ein dichtes Netz an Kinderbetreuungsmöglichkeiten.

Das emanzipatorische Feld war nach der Vereinigung eines der wenigen Felder, in dem der Osten den Westen geprägt hat – während es sich sonst fast überall umgekehrt verhielt. Dass Frauen arbeiten gehen, ist heute gesamtdeutsch so selbstverständlich wie eine frühzeitige Kinderbetreuung und hat zum ansonsten zuweilen schütteren ostdeutschen Selbstbewusstsein beigetragen. Kein Zweifel: Die Ostfrauen verändern die Republik. Die Namen Göring-Eckardt, Merkel, Petry und Wagenknecht künden davon. Und nicht nur sie allein.

Markus Decker Quelle: Thomas Imo/photothek.net

Zur Person: Markus Decker arbeitet als Korrespondent im Hauptstadtbüro des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND). Gemeinsam mit Tanja Brandes hat er das soeben erschienene Buch „Ostfrauen verändern die Republik“, Ch. Links, 248 Seiten, 18 Euro, geschrieben.

Von Markus Decker

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