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Politik Satiriker Martin Sonneborn: „Wir sind die neuen Grünen“
Mehr Welt Politik Satiriker Martin Sonneborn: „Wir sind die neuen Grünen“
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15:11 27.05.2019
Martin Sonneborn (r.), Satiriker, Journalist und Politiker, trat 2018 bei einer Lesung des AfD-Politikers Björn Höcke als Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg verkleidet auf. Jetzt wurde er wieder ins EU-Parlament gewählt. Quelle: dpa
Brüssel

Die Ukraine hat seit kurzem einen TV-Satiriker als Präsidenten. Der italienische Komiker Beppe Grillo führte die „Fünf Sterne“ voriges Jahr in die Regierung in Rom.

Und auch in Deutschland gehen Politik und Humor durchaus zusammen – in Person des ehemaligen „Titanic“-Chefredakteurs Martin Sonneborn. Der hat erneut den Einzug ins Europaparlament geschafft.

Seine Satirepartei „Die Partei“ kann – auf niedrigem Niveau – einen Wahlerfolg verbuchen, der selbst die Grünen vor Neid erblassen lassen könnte: Der Stimmenanteil vervierfachte sich von 0,6 Prozent aus 2,4 Prozent.

Damit sitzt künftig nicht nur Sonneborn im Europaparlament sondern auch der aus der „heute show“ bekannte Komiker Nico Semsrott, der sich selbst als „verloren“ bezeichnet. Bei 2,5 Prozent hätte die Partei sogar ein drittes Mandat errungen.

Doch Lisa Bombe, eine Sachbearbeiterin aus Hamburg, zieht ebenso wenig ins Europaparlament ein, wie die weiteren, nach ihren Namen ausgewählten, Kandidaten Krieg, Göbbels, Speer, Bormann und Eichmann.

In der Hauptstadt überholte „Die Partei“ sogar knapp die FDP

Sonneborn ist trotzdem zufrieden: „Ich freue mich sehr, dass Nico jetzt mit nach Brüssel kommt – einfach aus dem Grund, dass ich mich zur Ruhe setzen kann in den nächsten fünf Jahren. Nico ist 20 Jahre jünger, er hat versprochen, die Arbeit zu machen“, witzelte der Mann, der voriges Jahr eine Vorlesung von Björn Höcke (AfD) in einer Stauffenberg-Verkleidung aufmischte.

Bei watson.de sagte Sonneborn, der Stimmenzuwachs seiner Partei liege vor allem an der aktiven Mitarbeit der anderen Parteien. „Danke, dass die alle für uns Wahlkampf gemacht haben.“ Und weiter: „Die Grünen werden die neue SPD. Und wir werden die neuen Grünen.“

So abwegig wie das im ersten Moment klingt, ist die Aussage vielleicht gar nicht: Zumindest in Berlin überholte die Satire-Partei mit 4,8 Prozent sogar die FDP, die nur auf 4,7 Prozent kam.

Die Fünf-Prozent-Hürde, die bei der Europawahl nicht gilt, scheint damit jedenfalls in der Hauptstadt nicht unüberwindbar. Und auch ein Blick auf die Erstwähler straft Sonneborn nicht direkt Lügen: Dort landete die Partei mit neun Prozent auf dem dritten Platz, nur zwei Prozent hinter der CDU.

Wirklich gearbeitet hat Sonneborn im EU-Parlament eher selten – das soll sich ändern

Aber kann sich „Die Partei“ wirklich zu einer ernst zu nehmenden politischen Kraft entwickeln? Im Wahlkampf hatte Sonneborn eine deutsche Atombombe gefordert („Damit wir sie als erste gefordert haben. Smiley“), mit dem Slogan „Für Europa reicht’s“ aber auch mit einem TV-Spot für Seenotrettung für sich geworben und neben einer „Ossi-Quote in Führungspositionen“ auch den „Artenschutz für die SPD“ gefordert.

Um konkrete Arbeit an Gesetzestexten hat sich Sonneborn in seinem ersten Jahren als Abgeordneter kaum gekümmert. Auch sein Abstimmungsverhalten war komplett nihilistisch. Bei Abstimmungen im Europaparlament votierte er konsequent abwechselnd mit Ja und Nein.

„Das werden wir nicht mehr machen, das passt nicht mehr“, sagte der 54-Jähige kürzlich dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). „Ich hatte 2014 keine Ahnung, was ich in Brüssel machen kann.

Ich war ein steuerfinanzierter Spaßvogel auf der Suche nach einer sinnvollen Aufgabe. Die ersten fünf Jahre Brüssel waren für mich das Reingehen in etwas völlig Unbekanntes. In den zweiten fünf Jahren werden wir andere Positionen erkunden.“

Was damit genau gemeint ist, bleibt vorerst offen. Die fast 900000 Wähler, die der Satire-Partei bei der Europawahl unterm Strich ihre Stimme gaben, stört das offensichtlich nicht.

 

Von RND/cb

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