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Politik Die „Obama-Mania“ ist verflogen
Mehr Welt Politik Die „Obama-Mania“ ist verflogen
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10:07 05.10.2012
US-Präsident Barack Obama spricht zu Studenten in Colorado. Viele von ihnen sehen den Präsidenten mit Skepsis. Quelle: dpa
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Washington

Ben Kramer (19) sitzt an einem Tisch, auf dem ein Dutzend Obama-Sticker kleben. Enthusiastisch erzählt er von den Gründen, die seiner Meinung nach für eine Wiederwahl Barack Obamas sprechen. „Das Konjunkturpaket kurbelt die Wirtschaft an, die Gesundheitsreform verschafft dreißig Millionen Amerikanern eine Krankenversicherung“, schwärmt er. Kein Wunder: Ben ist Mitglied der „College Democrats“, einer studentischen Hilfstruppe der Demokraten im Wahlkampf. Doch Ben weiß: Viele junge Leute sehen den Präsidenten heute mit einer gehörigen Portion Skepsis - der Honeymoon von 2008 ist Vergangenheit.

Zweifel entstanden bei vielen jungen Wählern wegen der mangelnden Umsetzung einiger Wahlversprechen Obamas. Auch etwa bei der 30-jährigen einstigen Internet-Berühmtheit Amber Lee Ettinger sank die Begeisterung in den Keller. Weltweit beachtet warb sie 2008 als „Obama Girl“. Heute ist sie schwer verunsichert. „Ich habe mich noch nicht entschieden. Obama tut viel, aber es scheint nie genug zu sein. Ich halte Augen und Ohren offen“, erklärte sie dem Online-Magazin „Politico“.

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Besonders Erstwähler machten sich 2008 für den damaligen Senator Obama stark, um ihn in als ersten Schwarzen ins Weiße Haus zu bringen. Obama weckte bei vielen jungen Menschen erstmals Interesse an Politik. Dem Meinungsforschungsinstitut Gallup zufolge wollten damals 78 Prozent der 18- bis 29-Jährigen zur Wahl gehen.

Das sieht diesmal etwas anders aus: Lediglich rund 58 Prozent der Jungen drängt es an die Urnen. Ein Grund könnten Zweifel an Obamas Möglichkeiten sein, Politik zu gestalten, falls er nochmals gewählt werden sollte. Zudem scheint die Kampfansage „Forward“ (Vorwärts), das Herzstück von Obamas aktueller Wahlkampfkampagne, niemanden so mitzureißen wie es seinerzeit die Wörter „Hope“ (Hoffnung) und „Change“ (Veränderung) vermochten.

Mary Smith (20), Studentin an der Universität in Maryland, hält dennoch Obama für die bessere Wahl. „Ich gehöre zur Mittelschicht und muss kämpfen, um mein Studium zu finanzieren. Obama setzt sich für uns ein. Romney nicht.“ Der ist auf dem Campus der Uni, die sich nahe der US-Hauptstadt Washington befindet, nicht sehr beliebt.

„Romney repräsentiert vier Prozent der Bevölkerung. Ihm möchte ich meine Zukunft nicht überlassen“, meint Jasmine Jones (19). Andrea Mitran (20) bezeichnet Romney als „Prototyp eines reichen Mannes“. Das Verfehlen vieler Ziele Obamas sieht sie realistisch. „Niemand könnte (sofort) all unsere Probleme lösen.“

Während einer Obama-„Rally“ in Virginia nennt David Harvey (19) den Tod von Terrorchef Osama bin Laden als weiteren Grund für die Wiederwahl Obamas. „Der 11. September hat uns traumatisiert. Auf Bin Ladens Tod haben wir lange gewartet.“ David ist ebenfalls „College Democrat“ und an der George Washington Universität für Obamas Kampagne aktiv - weil „Obama weiß, dass wir die Zukunft sind“.

Jack Schlossberg (19), einziger männlicher Enkel von Präsidenten-Legende John F. Kennedy, unterstützt ebenfalls den Wahlkämpfer Obama. Er ist junger Demokrat und studiert in Yale. In der Online-Ausgabe des TV-Senders CNN erklärt er den Rückgang der Begeisterung mit den enttäuschten Erwartungen der Erstwähler von 2008. Politikverdrossenheit sei nun ein Problem. „Wir werden die Altersgruppe mit der niedrigsten Wahlbeteiligung sein.“ Jetzt das Handtuch zu werfen, wäre ein Fehler, sagt er. Wandel erfordere Geduld.

Doch auch der Obama-Herausforderer Mitt Romney kommt offenbar bei den Jungen nicht unbedingt schlecht an. Eine Umfrage der Meinungsforscher von JZ Analytics kommt zu dem Schluss, dass knapp 41 Prozent der jungen Wähler mittlerweile mit Romney liebäugeln. Obama liegt momentan bei 49 Prozent. Verantwortlich für diese Entwicklung könnte die Nominierung von Paul Ryan für das Amt des Vizepräsidenten sein - der ist erst 42 Jahre alt und wirkt selbst noch ziemlich jugendlich.

Der Zuspruch für Barack Obama ist gesunken, die Erwartungen geschrumpft. Trotzdem wollen ihm viele junge Amerikaner eine zweite Chance geben. „Wandel passiert nicht innerhalb von vier Jahren. Ich bin froh, ihm meine allererste Stimme geben zu können“, sagte Olivia Brown dem National Public Radio (NPR). Dennoch: Das Phänomen „Obama-Mania“ gehört der Vergangenheit an - zumindest derzeit.

dpa