Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Politik Die Maskenmillionärin und das Geschäft mit der Pandemie
Mehr Welt Politik Die Maskenmillionärin und das Geschäft mit der Pandemie
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:00 14.05.2022
Für die Vermittlung von FFP2-Masken sollen Millionen an Provisionen gezahlt worden sein.
Für die Vermittlung von FFP2-Masken sollen Millionen an Provisionen gezahlt worden sein.
Anzeige
München

Wieder kommt sie nicht. Wieder bleibt der Stuhl im Konferenzsaal des bayerischen Landtags leer, auf dem sie hätte Platz nehmen sollen. Winfried Bausback, Vorsitzender des Untersuchungsausschusses „Maske“, teilt mit, dass Andrea Tandler „aus gesundheitlichen Gründen“ nicht erscheine. Und das zum zweiten Mal, vor zwei Wochen hatte sie wegen Erkrankung ein ärztliches Attest geschickt. Gleich darauf sagt der CSU-Mann, der einmal bayerischer Justizminister war, dass er sie nun vom „gerichtsärztlichen Dienst des Oberlandesgerichts München“ auf ihre Vernehmungsfähigkeit untersuchen lassen werde, also vom Amtsarzt.

Tandler? Ja, Andrea Tandler ist die Tochter des einstigen CSU-Granden Gerold Tandler. Der war unter anderem Generalsekretär, Finanzminister und Vertrauter des Parteisäulenheiligen Franz Josef Strauß. Sie steht an der Spitze des weit ausgefächerten Skandals um den Handel und vor allem die horrenden Provisionen bei Geschäften mit Corona-Schutzmasken. Vor etwas über zwei Jahren wurden diese händeringend gesucht, als sich die Republik im Covid-Ausnahmezustand befand.

Mehr zum Thema

Kassenärzte-Chef: „Für die meisten Bürger ist die Pandemie vorbei“

Wann streichen Urlaubsländer die Maskenpflicht für Reisende?

Die gigantische Zahl von 48 Millionen Euro steht im Raum – so viel sollen Tandler und ihr Partner Darius N. als Provision für die Einfädelung von Maskendeals mit verschiedenen deutschen Ministerien erhalten haben. Diese von der „Süddeutschen Zeitung“ genannte Zahl wird nirgendwo bestritten. Nach Abzug von Steuern sind ihnen 36 Millionen geblieben.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Allerdings könnte der Deal an sich völlig legal gewesen sein. Nur haben Tandler und Partner zuvor ihren Firmensitz von München ins nahe Grünwald verlegt. Die Reichengemeinde südlich der Hauptstadt ist für ihre äußerst niedrigen Steuersätze bekannt. Und dafür, dass sich deshalb dort viele Briefkastenfirmen ansiedeln, die im Ort gar nicht aktiv sind. Der Verdacht gegen Andrea Tandler: Steuervermeidung beim Maskendeal.

Es ist ein fruchtloser Nachmittag im Untersuchungsausschuss, der aber in die Abgründe des Maskenkomplexes blicken lässt. Er ist ein CSU-Thema. Weiter sind Alfred Sauter geladen, Landtagsabgeordneter und ehemals bayerischer Justizminister, sowie Georg Nüßlein, Bundestagsabgeordneter bis zur Wahl im vergangenen Herbst. Beide stammen aus dem bayerisch-schwäbischen Günzburg. Beide erscheinen.

Zusammen mit dem CSU-Urgestein Peter Gauweiler betreibt Sauter in München eine florierende Anwaltskanzlei. Er ist ein kleiner, schmaler Mann mit rasiertem Kopf, der als bestens vernetzt galt. Dass er sich zusätzlich zu seiner Abgeordnetentätigkeit gern geschäftlich betätigt, daraus hat er nie einen Hehl gemacht. CSU-Kollegen bewunderten ihn mitunter dafür, zeigte er sich deshalb doch auch als kritikfreudig und wenig schreckhaft gegenüber Fraktions- oder Parteiführung. Vor Jahren hatte der 71-Jährige einmal gesagt: „Selbstverständlich habe ich einen Nebenjob: Abgeordneter.“

Mehr zum Thema

Bundesverkehrsminister für Ende der Maskenpflicht in Flugzeugen und ÖPNV

Keine Masken, viele Kontakte: Kommt jetzt die Grippe zurück?

Sauter hat 1,2 Millionen Euro für seine Maskenvermittlung im März 2020 von dem hessischen Textilhersteller Lomotex erhalten und bei der Firma seiner Töchter geparkt. Bei dem 53 Jahre alten Nüßlein waren es 660.000 Euro, weitere 540.000 wurden ihm in Aussicht gestellt. Ende vergangenen Jahres gewannen er und Nüßlein mit ihren Klagen gegen die Münchner Generalstaatsanwaltschaft: Das Oberlandesgericht entschied, dass sie sich nicht rechtswidrig verhalten haben. Zugleich kritisierten die Richter die laxen Korruptionsgesetze des Bundes. Eine Entscheidung des höher angesiedelten Bundesgerichtshofs steht noch aus.

Vor dem Untersuchungsausschuss sagt als erstes Sauter: „Ich mache keine Aussage.“ Die beiden dürfen das, sie gelten als Beschuldigte. Sauter wirkt ein wenig trotzig und beleidigt. Seine Parteiämter hat er im Zuge der Affäre aufgegeben, die Fraktion musste er gezwungenermaßen verlassen, er ist nun fraktionsloser Abgeordneter. Florian Siekmann, der grüne Vizevorsitzende des Gremiums, ruft ihm beim Gehen noch hinterher: „Ich bedauere, dass Sie an der Aufklärung nicht mitwirken, obwohl sie Interviews in der Presse geben.“

Auch Nüßlein sagt nichts zur Sache, setzt aber hinzu: „Das fällt mir ausgesprochen schwer.“ Er hatte die CSU und die Fraktion verlassen – er war deren Vizevorsitzender –, blieb aber bis zur Wahl Bundestagsabgeordneter und bezeichnet sich jetzt als „Unternehmer“. Eine damalige Anfrage dieser Zeitung, inwieweit er sich als Fraktionsloser in Berlin weiterhin für seinen Wahlkreis Günzburg einsetze, wurde nicht beantwortet.

Doch Sauter und Nüßlein dürften blass werden, wenn sie ihre Provisionen mit den märchenhaft wirkenden 48 Millionen von Andrea Tandler und Co. vergleichen. Diese hatte aber auch eine bedeutende Fürsprecherin: ihre Freundin Monika Hohlmeier, CSU-Abgeordnete im Europaparlament. Sie ist die Tochter von Franz Josef Strauß. Die beiden kennen sich von Kindesbeinen an, die Familien waren eng befreundet.

Hohlmeier verschaffte Tandler direkte Kontakte ins bayerische und ins Bundesgesundheitsministerium, damals geleitet von Melanie Huml (CSU) und Jens Spahn (CDU). Es ging um Masken der Schweizer Firma Emix, geleitet von zwei Jungunternehmern. In der dortigen Presse werden sie auch als die „Maskenboys vom Zürichberg“ tituliert. Für 700 Millionen Euro verkauften sie via Tandler an Deutschland, sie selbst sollen deutlich mehr als 100 Millionen Profit gemacht haben.

Kürzlich war Monika Hohlmeier im Untersuchungsausschuss. Sie sagte, sie habe ihre Kontakte in einer Notlage spielen lassen, damit der Freistaat und die Bundesrepublik Schutzausrüstung erhalte. Sie selbst habe keinerlei Geld dafür bekommen und auch von den Tandler-Millionen nichts gewusst. Die Emix-Leute wiederum wären auch interessante Zeugen. Als Schweizer aber müssen sie nicht vor das bayerische Gremium und haben dies dem Ausschuss auch mitgeteilt.

Die CSU tut sich schwer mit der Aufarbeitung der verwobenen Fälle. Da wirkt es etwas hilflos, wenn der Gesundheitsminister Klaus Holetschek Andrea Tandler auffordert, einen Großteil des Geldes zu spenden. Nun kommt noch hinzu, dass Ministerpräsident Markus Söder ein vom damaligen CSU-Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer arrangiertes Maskengeschäft in dessen Passauer Wahlkreis forciert hatte. Das bayerische Gesundheitsministerium hatte Zweifel an der Qualität der Ausrüstung für 18 Millionen Euro. Doch Söder schrieb Ende März 2020 in einer SMS an das Haus, die unter anderem dem Bayerischen Rundfunk vorliegt: „Müsst ihr nehmen.“

Nicht förderlich sind auch die Querelen um den Ausfall des Kurzzeitgeneralsekretärs Stephan Mayer, der einem Journalisten mit „Vernichtung“ gedroht hat, sowie die fragwürdige Doktorarbeit des Nachfolgers Martin Huber. Hinzu kommt das Dauersorgenkind Andreas Scheuer, gegen den nun die Berliner Staatsanwaltschaft ermittelt, weil er als Minister im Mautuntersuchungsausschuss die Unwahrheit gesagt haben soll. Früher wurden solche Dinge in Teilen der Bevölkerung noch als „Hund sans scho“-Mentalität goutiert, heute ist das nicht mehr so.

Mehr zum Thema

Maskenskandal: Polizei prüft Hinweise gegen Fynn Kliemann

Dutzende falsche Masken-Atteste ausgestellt: Arzt aus Bayern verurteilt

Auf Andrea Tandler muss der Untersuchungsausschuss weiterhin warten. Sollte sie tatsächlich nicht erkrankt sein, so ist ihr Fernbleiben mit der Scheu vor Öffentlichkeit zu erklären. Bislang bleibt sie ein Phantom. Sie bezeichnet sich als PR-Beraterin, die eine Agentur namens „little penguin gmbh“ betreibt. Im Internet finden sich zwei ältere Bilder mit ihr. Ansonsten weiß man nichts. Und sie hätte gewünscht, dass dies so bleibt.

Laden Sie sich jetzt hier kostenfrei unsere neue RND-App für Android und iOS herunter

Von Patrick Guyton/RND

Der Artikel "Die Maskenmillionärin und das Geschäft mit der Pandemie" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.