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Politik Die Hoffnung der Kinder der NSU-Opfer
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00:15 17.04.2013
Von Thorsten Fuchs
„Ich könnte sagen, Deutschland ist mir egal. Aber es ist mir nicht egal.": Semiya Simsek. Quelle: dpa
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München

Natürlich sah sie gleich, dass etwas nicht stimmte, sie konnte sie schon von Weitem sehen, die Kranken- und Polizeiwagen mit ihren zuckenden Blaulichtern. Aber da war Hoffnung. Die Hoffnung, dass all die Menschen nicht vor dem Kiosk ihres Vaters, sondern einem anderen Eingang in der Mallinckrodtstraße in Dortmund standen. Als diese Hoffnung zerbrochen war, als all die Polizisten, Sanitäter und Passanten doch vor dem Laden ihres Vaters standen, da gab es noch die Hoffnung, dass ihm nichts passiert sei. Aber auch diese Hoffnung blieb ihr nur für einen Augenblick.

„Oh nein, jetzt kriegt das die Tochter mit“, sagt jemand, als Gamze Kubasik an den Polizisten und dem rot-weißen Absperrband vorbei in das Geschäft ihres Vaters gehen will. Dann hält ein Polizist sie auf.

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Zu diesem Zeitpunkt, am frühen Nachmittag des 4. April 2006, ist Mehmet Kubasik bereits tot. Erschossen mit einer Pistole, mit der zuvor schon sieben andere Männer getötet worden sind. Dieses Detail, den Zusammenhang mit weiteren Morden an türkisch- und griechischstämmigen Kleinunternehmern, hatten die Ermittler sehr schnell herausgefunden. Alles Weitere dauerte lange. Sehr lange. Erst fünfeinhalb Jahre nach dem Mord erfuhr Gamze Kubasik, wer ihren Vater umgebracht hat: eine Gruppe rechtsextremistischer Terroristen, die sich den Namen Nationalsozialistischer Untergrund gegeben hatten. Genau sieben Jahre und 13 Tage werden seit dem Mord vergangen sein, wenn Gamze Kubasik übermorgen im Münchener Oberlandesgericht jener Frau gegenübersitzt, die zusammen mit Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt den Kern jener Mörderbande bildete.  Mundlos und Böhnhardt sind inzwischen tot. Aber Beate Zschäpe steht vor ihren Richtern.

Sie wolle ihr ins Gesicht sehen, sagt Gamze Kubasik, und es klingt tatsächlich Erleichterung mit, dass es jetzt losgeht – ein Gefühl, mit dem offenbar viele der Opferangehörigen dem Beginn des Verfahrens entgegensehen. „Ich freue mich auf diesen Prozess“, sagt Semiya Simsek, die Tochter des ersten Opfers, des im Jahr 2000 in Nürnberg erschossenen Enver Simsek. „Ich habe jahrelang gewartet. Und jetzt bin ich gespannt, wie es ablaufen wird.“

All dies haben die 27-jährige Gamze Kubasik und die ein Jahr jüngere Semiya Simsek schon vor einigen Wochen in Interviews gesagt. Jetzt schweigen auch sie, genau wie die übrigen Angehörigen der Opfer. 71 von ihnen werden in dem Prozess als Nebenkläger auftreten, bis auf 15 wollen alle an diesem Prozess teilnehmen – wollen ihn sich, so muss man das wohl sagen, zumuten. Der Umgang der Angehörigen mit den Medien, der deutschen Öffentlichkeit war sehr unterschiedlich. Semiya Simsek hat sogar ein Buch geschrieben über das, was sie und ihre Familie nach dem Mord erlebt haben, „Schmerzliche Heimat“ heißt es. Die meisten aber haben geschwiegen, und wahrscheinlich ist dieses Schweigen nicht nur ein Ausdruck der Trauer, sondern auch des Misstrauens, das sie diesem Land gegenüber empfinden, nach all dem Unglaublichen, das sie nach den Verbrechen hier erlebt haben.

Ihr Vater war noch keine 24 Stunden tot, da begann die Polizei, Gamze Kubasik zu befragen. Sechs Stunden lang. Ob ihr Vater Kontakt zur Mafia gehabt hätte, wollten die Ermittler wissen. Oder zur PKK, der kurdischen Befreiungsorganisation? Ob er Drogen genommen hat? Oder Drogen verkauft hat? Ihre Mutter muss, alleine, dieselben Fragen beantworten. Mit Hunden durchsuchen die Polizisten die Wohnung der Kubasiks und nehmen Speichelproben von den drei Kindern.

Die Getöteten waren für die deutschen Behörden bis zum November 2011, bis zur Entdeckung der Terrorgruppe, niemals nur Opfer, sondern immer auch Täter. In dieser Logik mussten die Familien Mitwisser, Unterstützer oder eben Mittäter sein – und so verhielten sich die Ermittler ihnen gegenüber dann auch.

Wahrscheinlich waren die Simseks die Familie, die am stärksten von den Ermittlern bedrängt wurde. Schließlich war Enver Simsek das erste Opfer. Jedes Mal, wenn sich die Ermittler ankündigten, buk die Mutter, ganz gute türkische Gastgeberin, für die Besucher Süßigkeiten. Bei einem dieser Besuche  präsentierten die Polizisten Adile Simsek dann zum Beispiel das Foto einer blonden Frau. Sie sei die Geliebte ihres Mannes gewesen, sagten die Ermittler der Witwe, und habe mit ihm zwei Kinder. Ein Bluff, den die Witwe durchschaute. „Meine Mutter entgegnete, sie würde die Kinder natürlich bei sich aufnehmen und ihnen helfen, es seien dann ja schließlich die Kinder ihres geliebten Mannes“, erinnert sich Semiya Simsek später. Aber diese Schlagfertigkeit spiegelte wohl mehr Selbstsicherheit vor, als die Mutter und ihre Kinder wirklich besaßen.

Wie sollte es auch ohne Wirkung bleiben, wenn die Polizei Woche für Woche mit einem neuen Verdacht kommt und den Zweifel in das Denken der Opferfamilien gleichsam hineinfragt? War es denn wirklich ganz ausgeschlossen, dass Enver Simsek in seinem Mercedes Sprinter aus Holland neben den Blumen vielleicht auch mal eine Frau mitbrachte? Wer wusste, mit wem Mehmet Kubasik während der langen Tage in seinem Kiosk alles sprach?

„Irgendwann“, schreibt Semiya Simsek in ihrem Buch, „fragt man sich: Woher kommt das, dass diese Polizisten das glauben? Jeder Mensch hat eine dunkle Seite. Irgendeinen Anhaltspunkt müssen die Ermittler doch haben, wenn sie das so sagen, es ist doch schließlich die Polizei. Eine Autorität.“ Wer hätte auch glauben wollen, dass sich deutsche Ermittler über Jahre hinweg so gründlich irren können.

Jedenfalls verfehlten die Verdächtigungen nicht ihre Wirkung. „Sie haben den Familienzusammenhalt zerstört“, erklärte Semiya Simsek im SZ-Magazin. „Die Familie meines Vaters hat meiner Mutter und ihren Brüdern nicht mehr getraut. Bis heute grüßen wir uns nicht, wenn wir uns sehen. Ich habe im Sommer geheiratet, selbst zu diesem Anlass haben wir nichts von ihnen gehört.“ So zerbrach die Familie gleichsam ein zweites Mal, diesmal am Versagen der Behörden.

Gamze Kubasik und Semiya Simsek haben gekämpft. Die Dortmunderin hat nach dem Mord an ihrem Vater einen Schweigemarsch mitorganisiert, der die Polizei dazu bringen sollte, die Opfer nicht mehr als Täter zu behandeln und auch im Neonazi-Milieu zu ermitteln. Die Töchter der Toten sind heute eng befreundet, gemeinsam sind sie bei der Gedenkfeier vor einem Jahr in Berlin aufgetreten. Trauer und Wut sprachen aus ihren Worten, aber auch Vertrauen, dass es in diesem Land Menschen gibt, die ihnen glauben.
Deutschland sei schließlich ihre Heimat, sagt Semiya Simsek. „Deswegen  erzähle ich alles wieder und wieder. Ich könnte ja auch sagen, Deutschland ist mir egal, ich lege mich in der Türkei unter einen Mirabellenbaum. Aber es ist mir eben nicht egal.“

Nur war und ist Semiya Simsek mit ihrem irgendwie noch immer vorhandenen Glauben an das Land, das sie Heimat nennt, vielleicht fast allein. Man kann wohl kaum ermessen, wie viel Vertrauen all die unfassbaren Ermittlungspannen bei den Familien der Opfer und vielen weiteren Migrantenfamilien zerstört haben. Als Bundespräsident Joachim Gauck die Hinterbliebenen vor zwei Monaten nach Berlin einlud, sagten manche ab. Ohne ihre Anwälte, erklärten sie, wollten sie nicht kommen.

Gamze Kubasik stellt sich manchmal vor, wie es sein wird, wenn sie übermorgen Beate Zschäpe und vier weiteren Angeklagten gegenübersitzt. Wie sie reagieren werden auf ihre Blicke. „Wenn sie wirklich Menschen sind“, sagte sie der Deutschen Welle, „würden sie das nicht verkraften, dass die Familienangehörigen ihnen in die Augen gucken.“ Für Gamze Kubasik, so viel ist klar, wird dieser Prozess auch eine Herausforderung sein.

Ermordert von den Neonazis

Enver Simsek: Der 38-jährige Blumenhändler wurde am 9. September 2000 an einem Blumenstand an einer Ausfallstraße in Nürnberg erschossen. Er war zufällig am Stand, weil er einen anderen Händler vertrat. Simsek hinterließ zwei Kinder.

Abdurrahim Özüdogru: Der 49-Jährige arbeitete als Maschinist bei Siemens in Nürnberg, nebenbei verdiente er sich in einer Schneiderei etwas dazu – dort wurde er am 13.  Juni 2001 erschossen.

Süleyman Tasköprü: Der 31-Jährige war Obst- und Gemüsehändler. Er wurde am 27. Juni 2001 im Geschäft seines Vaters in Hamburg-Bahrenfeld ermordet – mit denselben Waffen wie Enver Simsek. Tasköprü war Vater einer Tochter.

Habil Kilic: Kilic war Inhaber eines Obst- und Gemüsegeschäfts in München. Der 38-Jährige wurde am 29. August 2001 in seinem Laden ermordet. Als Hintergrund der Tat vermutete die Polizei wie in den früheren Fällen Drogenhandel.

Mehmet Turgut: Am 25. Februar 2004 hatte sich Turgut spontan bereit erklärt, für einen Freund dessen Imbissstand in Rostock-Toitenwinkel zu öffnen – dort wurde er erschossen. Turgut hielt sich illegal in Deutschland auf. Er wurde 25 Jahre alt.

Ismail Yasar: Yasar war Besitzer eines Döner-Imbisses in Nürnberg. Er wurde am 9. Juni 2005 in seinem Geschäft erschossen, im Alter von 50 Jahren. Erstmals wurden zwei Verdächtige beobachtet und Phantombilder angefertigt.

Theodorus Boulgarides: Boulgarides war Mitinhaber eines Schlüsseldienstes in München. Er wurde am 15. Juni 2005 erschossen. In das Geschäft war er erst zwei Wochen zuvor eingestiegen. Der 41-Jährige griechischer Abstammung hinterließ eine Frau und zwei Kinder.

Mehmet Kubasik: Der Kioskbesitzer, dreifacher Vater, wurde am 4.  April 2006 ermordet. Nach dem Tod des 39-Jährigen gab es erstmals eine öffentliche Kundgebung. Türkische Kulturvereine appellierten an Polizei und Behörden, die Täter der Mordserie zu ermitteln.

Halit Yozgat: Yozgat war 21 Jahre alt, als er am 6. April 2006 in seinem Internetcafé in Kassel erschossen wurde. Zu diesem Zeitpunkt hielt er sich zufällig dort auf – sein Vater hatte ihn eigentlich bereits ablösen sollen.

Michèle Kiesewetter: Am 25. April 2007 wird die erst 22 Jahre alte Polizistin Michèle Kiesewetter in ihrem geparkten Einsatzfahrzeug in Heilbronn durch einen gezielten Kopfschuss ermordet. Ihr 24-jähriger Kollege überlebt schwer verletzt.

Zu den Opfern der Terroristen zählen auch 23 Menschen aus Köln, die Anschläge überlebt haben. In einem iranischen Geschäft wird die 19-jährige Tochter des Inhabers am 19.  Januar 2001 bei einer Bombenexplosion schwer verletzt. Am 9. Juni 2004 zünden die Terroristen eine Nagelbombe vor einem türkischen Friseursalon. 22 Menschen werden zum Teil lebensgefährlich verletzt.