Die Grünen schreiben das Wort „Verantwortung“ jetzt ganz groß
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17:05 02.10.2021
Die Grünen-Vorsitzenden Annalena Baerbock und Robert Habeck beim Kleinen Parteitag.
Die Grünen-Vorsitzenden Annalena Baerbock und Robert Habeck beim Kleinen Parteitag. Quelle: imago images/Metodi Popow
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Berlin

An der Symbolik arbeiteten die Grünen, noch bevor der „Länderrat“ genannte Kleine Parteitag begann. Vor der Tür von Halle eins des Berliner Westhafens posierten die Vorsitzenden Annalena Baerbock und Robert Habeck für die Fotografen.

Die Botschaft, die hier in die Welt hinaus gesendet werden sollte, war klar: Auch wenn es Anfang der Woche zu einem Machtkampf um die Frage der Vizekanzlerschaft gekommen war, so wollen sich die beiden doch nicht völlig auseinanderdividieren.

Auseinanderdividieren lassen mochten sich auch die Delegierten nicht, bei denen es sich überwiegend um Funktionärinnen und Funktionäre handelt. Im Gegenteil: Der Länderrat endete am Tag nach dem ersten Sondierungsgespräch mit der FDP und weiteren Sondierungsrunden in den nächsten Tagen zwei Stunden eher als geplant. Es gab einfach nichts zu streiten.

Der Parteitag begann mit einem gemeinsamen Auftritt von Baerbock und Habeck auf der Bühne. Sie wollten nicht nur den Fotografen, sondern auch den eigenen Mitgliedern Geschlossenheit demonstrieren. Dabei feierten die Grünen das Wahlergebnis und die Kanzlerkandidatin, mit der sie es errungen hatten.

Baerbock geehrt

Zwar räumte der Politische Bundesgeschäftsführer Michael Kellner unumwunden ein: „Die Union war diesmal schlagbar. Ich gratuliere der SPD, dass sie es geschafft hat, auch wenn wir die Rolle einnehmen wollten.“

Freilich sei die neue Bundestagsfraktion die größte grüne Bundestagsfraktion aller Zeiten, fügte er hinzu. Und bei den Jungwählern liege die Partei vorn. Zudem sagte Kellner an Baerbock gerichtet: „Dir will ich ganz besonders danken für das, was Du geleistet hat.“

Die 40-jährige Kandidatin wurde mit stehenden Ovationen gefeiert. Dabei blieb Kellner mit dem Lob nicht allein. So erklärte etwa die brandenburgische Landesvorsitzende Julia Schmidt: „Ich fand es unglaublich beeindruckend, wie Du Dich zurück gekämpft hast.“

Hinter den Kulissen hört man, dass bei der Wahl mehr drin gewesen wäre. Dass ein Kandidat Habeck mehr geholt hätte, gilt aber keineswegs als gewiss. Jedenfalls unterblieb eine Fehleranalyse. Die anstehenden Sondierungen scheinen sie nicht so richtig zuzulassen. Außerdem würde eine solche Analyse in der Führungsspitze neue Wunden schlagen.

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Baerbock, die über die errungenen 14,8 Prozent selbst vermutlich enttäuschter ist als alle anderen, sagte: „Der Wahlkampf war intensiv und zwischenzeitlich schmerzhaft.“ Das war eine Anspielung auf ihre eigenen Fehler und auf die Angriffe in der Folge.

Bald darauf wendete sie den Frust aber wieder ins Positive. „Das war Wahnsinn, was wir alle geleistet haben“, sagte die Parteichefin. Sieben Millionen Menschen hätten diesmal Grün gewählt.

Im Kern ging es bei der Veranstaltung darum, die Partei auf das Kommende einzuschwören: die Verhandlungen und eine sich wahrscheinlich anschließende Regierungsbeteiligung. So sagte Habeck, man wolle nun „eine Regierung bauen, die das Land zu einem anderen“ mache.

Das werde „nicht ohne Debatten und Zumutungen möglich sein“. Die Grünen würden fortan „selber entscheiden“ und sich für diese Entscheidungen „rechtfertigen müssen“. Und sie würden aus den nächsten vier Jahren anders herauskommen, als sie hinein gegangen seien.

Habecks vorweg genommen Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede setzte den Ton für das, was andere sagten. So betonte Fraktionschef Anton Hofreiter, die Grünen hätten jetzt „eine ganz, große Verantwortung“ und müssten damit richtig umgehen.

Die Vokabel „Verantwortung“ tauchte in vielen Reden auf, so auch in der des Ex-Fraktionschefs Jürgen Trittin. Und der Delegierte Malte Spitze riet schon mal dazu, im Zuge der Koalitionsgespräche nicht so viel mit Journalisten zu reden.

Andere Töne

Nur gelegentlich wurden andere Töne angeschlagen. So unterstrich Rasmus Andresen aus Habecks Landesverband Schleswig-Holstein, die Grünen hätten immerhin 1,5 Millionen Stimmen mehr geholt als die FDP. Der Niedersachse Christian Meyer riet, sich nicht auf das Klimathema zu verzwergen; auch dürfe man das Thema soziale Gerechtigkeit „nicht der SPD überlassen“.

Der ehemalige Chef der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di und neue Grünen-Abgeordnete Frank Bsirske sagte: „Wir werden den Klimawandel nicht bewältigen, wenn der soziale Ausgleich auf der Strecke bleibt.“ Denn die Kernfrage sei doch: „Wollen wir mehr Gemeinwohl, oder wollen wir mehr Profit?“ Das wirkte wie eine Kampfansage an Sozialdemokraten und Liberale gleichermaßen.

Mit einem Ende der Sondierungen und dem Beginn von regulären Koalitionsverhandlungen rechnet die Grünen-Spitze übrigens irgendwann im Oktober. Da der Oktober gerade erst begonnen hat, kann das noch eine ziemlich lange Strecke werden.

Von Markus Decker/RND

Der Artikel "Die Grünen schreiben das Wort „Verantwortung“ jetzt ganz groß" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.