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00:15 11.04.2013
Die frühere britische Premierministerin Margaret Thatcher ist tot. Thatcher starb am Montag im Alter von 87 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls. Quelle: dpa
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London

Für ausgesprochene Patrioten war sie Britannia, die Beherrscherin der Meere: Die wehrhafte Schutzgöttin, die keinen Fingerbreit britischen Bodens an fremde Herrscher abtreten würde - jedenfalls nicht, solange die Einheimischen weißer Hautfarbe waren, wie im Falle der Falklandinseln. Dagegen fühlten sich politische Gegner wie der Labour-Veteran und Ex-Minister Denis Healey eher an "jene chinesische Drachenkaiserin" erinnert, "unter deren Herrschaft die Manchu-Dynastie ihren endgültigen Niedergang und Verfall erlebte".

Frankreichs damaliger Staatspräsident Francois Mitterand sagte ihr ja mal, halb verzückt und halb erschrocken, "die Augen Caligulas und den Mund Marilyn Monroes" nach. Margaret Hilda Thatcher, die gestern als Baronin Thatcher 87-jährig verstarb, rief stets heftige emotionale Reaktionen zu. Dabei hatte die britische Politikerin, die von 1979 bis 1990 als Tory-Premierministerin die Geschicke ihre Landes bestimmte, gar nichts dagegen, dass die Boulevardpresse sie einfach "Maggie" nannte. "Das klingt doch ganz anheimelnd", sagte sie. "Und passt, ich weiß schon, besser in kurze Überschriften."

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Drei Wahlen gewann sie: 1979, 1983 und 1987. Die achtziger Jahre wurden "ihr" Jahrzehnt. So gut sie konnte, modelte sie die britische Gesellschaft um nach ihren Vorstellungen. Darin sind sich heute, zum Zeitpunkt ihres Todes, Freund und Feind aus damaligen Tagen durchaus einig. Das Wörtchen "Thatcherismus" signalisiert den Respekt, den man dem Umfang dieser Umbrüche, ihrer "Naturgewalt", zusprach. Immerhin hatte keiner ihrer Vorgänger oder Nachfolger vermocht, seinem Namen einen -ismus anzuhängen.
Was der Quell ihres Denkens war, daraus machte die Krämerstochter aus dem nordenglischen Grantham nie ein Geheimnis. Strenge Hand und protestantisches Arbeitsethos standen an oberster Stelle ihres Wertekatalogs. Frömmigkeit, haushälterische Tugenden, unabhängiges Wirtschaften - und eine gute Portion Patriotismus gehörten natürlich dazu. "Ehrlicher Lohn für ehrliche Arbeit", beschrieb sie einmal, was sie im Elternhaus gelernt hatte. "Leb nicht über deine Verhältnisse. Leg für schlechte Zeiten was auf die hohe Kante. Bezahl beizeiten deine Rechnungen. Und unterstützt die Polizei."

An ihrem politischen Willen, an der persönlichen Entschlossenheit zu einem Kreuzzug für einen modernen Kapitalismus mit neoviktorianischem Überbau hat sie denn auch nie Zweifel gelassen. Ihre bemerkenswerte Hartnäckigkeit war es schließlich, was sie auf die Höhe britischer Macht geführt hatte. Einem eisernen Willen und härtester Arbeit (freilich auch dem Vermögen ihres Gatten Denis) verdankte die Mutter von Zwillingen ihren politischen Durchbruch. Ihre Nächte waren immer kurz. Ihr Arbeitspensum enorm. Auf Urlaub konnte sie verzichten, aber ein Leben ohne Arbeit konnte sie sich nicht vorstellen.

Wie die Arbeitslosen, deren Zahl sich unter ihrer Regierung rasch mehrte, "das ohne alle Arbeit aushalten" konnten, ist ihr zeitlebens ein Rätsel geblieben. Freizeit kam in ihrem Vokabular nicht vor. Ein paar Mal begleitete sie ihren Mann auf den von ihm geliebten Golfplatz. Dann kam sie zum Schluss, dass sie auf so netten Unfug weder Zeit noch Energie verschwenden konnte. Sie machte lieber Politik und suchte im Streit mit Linken und Liberalen Entspannung - und später in der Konfrontation mit dem "Ostblock", an der Seite des US-Präsidenten Ronald Reagan.

Respekt hat sie sich erst verschaffen müssen

Respekt hat sie sich in der britischen Politik, als weiblicher Eindringling in die Männerdomäne Westminsters, natürlich erst verschaffen müssen. Das mag, zum Teil zumindest, erklären, warum sie sich die Rüstung der Eisernen Lady übergestreift hat, oder hat überstreifen lassen. "Ich hätte", sollte sie später einmal sagen, "nie gedacht, dass eine Frau wirklich bis ganz oben kommen könnte." Kein Wunder: Von den Zitadellen der Macht herab wurde ihr Aufstieg oft mit gehässigen Bemerkungen quittiert.

Das sollte sich allerdings schnell ändern, als sie erst mal in No.10 Downing Street einzog und ihre Ministerrunde und ihre Mitarbeiter - fast alles Männer - im scharfen Stil der Gouvernante zur Ordnung rief. Gelegentlich klagten Feministinnen wie Germaine Greer darüber, dass Thatcher "hinter ihren Perlen immun gegen die Folgen ihrer eigenen Brutalität" gewesen sei: "Hätte ein Mann versucht, dasselbe zu tun wie Thatcher, hätte man es ihm nie durchgehen lassen."

Inzwischen ist man mit solchen Vorurteilen vorsichtiger geworden. Die jüngsten radikalen Beschneidungen des Sozialsstaats durch Thatchers "Enkel" David Cameron gehen wesentlich weiter, als die Eiserne Lady zu gehen wagte. Dennoch hat Margaret Thatcher ihre politische Mission damals als "konservative Revolution" verstanden. Wobei sie gar nicht sonderlich konservativ war. Mit der Altherrentriege im Lande, den vornehmen Leuten, den Kirchenfürsten, den altehrwürdigen Universitäten oder der BBC verband sie wenig.
Revolutionär aber waren ihre unverhüllte Parteinahme für Unternehmer und besitzende Klasse; ihre Verachtung der Gewerkschaften und der "alten Arbeiterschaft". "Die Grenzen des Sozialismus zurückdrängen" wollte die Tory-Regierungschefin. Die Entfesselung der Märkte, der Verkauf von Sozialwohnungen an deren Bewohner, die großen Privatisierungs-Kampagne ihrer zweiten Amtszeit veränderten das Gesicht Britanniens.

Die geschichtsträchtige Niederwerfung der Bergarbeiter, nach einjähriger gigantischer Schlacht um die Gruben, und der "Big Bang", die Öffnung der Londoner City für globale Geldflüsse, der radikale Umbau der Insel-Finanzwelt insgesamt, waren Höhepunkt im Feldzug des "Thatcherismus". Der Hass weiter Schichten in der nordenglischen und schottischen Bevölkerung war ihr seit damals gewiss, und hat sich dort bis heute gehalten.

Sie selbst aber zeigte sich überaus erstaunt von der Wirkung ihrer Politik. Eigenständiges Kapital, sich selbst helfende Individuen waren die Elemente ihrer Vorstellungs-Welt. Dass es so etwas wie "society", wie Gesellschaft, gäbe, stritt sie einmal sogar rundweg ab. "Thatcher the Milksnatcher", Thatcher die Milchdiebin, war sie ja schon von Labour-Leuten gerufen worden, als sie, noch als Erziehungsministerin unter Ted Heath, englischen Schulkindern die kostenlose Milchspeisung strich.

„The Lady is not for turning"

Selbst an der Macht, mochte sie keine Warnungen ihrer ministeriellen "Weichlinge" hören. Sie habe, seufzte ihr Außenminister Francis Pym einmal, "andere Meinungen einfach nicht ertragen" können. "Wir lassen uns", verkündete sie schon früh und kategorisch, "von unserem Kurs nicht abbringen". Keine Kehrtwende werde es bei ihr geben, war ihr Lieblingsspruch: "The Lady is not for turning."

Dabei hatte sie gewiss, zum Beispiel bei der Öffnung der City, die eigenen alten Rezepte längst selbst über den Haufen geworfen. Bei aller nationalistischen Rhetorik hatte sie auch britische Traditionsunternehmen in ausländische Hand übergehen lassen und Großbritannien immer weiter in die Strukturen der EU hinein geführt.

Als der Widerspruch zwischen dieser Politik und ihrer Anti-Europa-Rhetorik ("No! No! No!") allzu deutlich wurde, war sie Ender der achtziger Jahre auch am Ende ihrer Zeit angekommen. Dass sie zuletzt die traditionellen Kommunalsteuern durch eine "Poll tax" zu ersetzen suchte, unter der jedermann in England, vom Grafen bis zum Müllmann, den gleichen Satz bezahlen sollte, war auch ihren letzten Gefolgsleuten im Kabinett zu viel. Sie zwangen sie zum Abgang. Unter Tränen musste sie im November 1990 den Regierungssitz verlassen.

Danach fand sie es schwer, sich aus der Politik, die ihr Leben war, ganz auszublenden. Ihrem Nachfolger John Major, den sie für völlig nutzlos hielt, suchte sie als "Rücksitz-Fahrerin" noch ein wenig ins Steuer zu greifen. Später, als für Labour Tony Blair die Regierung übernahm, war sie damit gar nicht so unzufrieden. Sie tröstete sich damit, dass sie einen neuen "politischen Konsensus" geschaffen hatte, dem sich auch Labour nicht mehr entziehen konnte. Blair nämlich privatisierte eifrig weiter und suchte sich das große Geld zum Freund zu machen. Thatcher hatte "die Torpfosten" so weit nach rechts gerückt, dass - folgerte New Labour - von links her kaum noch etwas zu machen war.

Einer, und zwar ausgerechnet der von Thatcher bezwungene Labour-Regierungschef James Callaghan, hatte es 1979 vorher gesehen. Am Vorabend seiner damaligen bitteren Niederlage hatte Callaghan einem Kollegen anvertraut, es gebe eben "manchmal im Leben, vielleicht alle dreiig Jahre einmal, einen kompletten Umschwung in der Politik" eines Landes. "Ich gehe davon aus, dass das jetzt so ein Umschwung wird - zugunsten Mrs Thatchers."

Wie groß der Umschwung war, und wie sehr die Eiserne Lady ihre Landsleute bis jetzt noch immer beschäftigt, hat sich daran gezeigt, dass sie auch im knappen Vierteljahrhundert seit ihrem Abschied von No.10 nie wirklich in Vergessenheit geriet. Man hat ihre Abwesenheit von der politischen Bühne empfunden, hat ihre fortschreitende geistige Umnachtung bedauert, und vom Tod ihres Denis Thatchers im Jahr 2003 Notiz genommen.

Meryl Streeps Thatcher-Film hat vor anderthalb Jahren hat sie noch einmal auf der großen Landwand gegenwärtig gemacht, wiewohl er ihr kaum gerecht werden konnte. Die Cameron-Regierung aber hat ihre Politik fortzusetzen versucht, ohne sich allzu sehr auf sie zu berufen. Nun, nach ihrem Tod, soll sie ein "zeremonielles" Begräbnis "mit militärischen Ehren" erhalten. Das ist fast das gleiche wie ein Staatsbegräbnis. Nur soll es, unter dieser anderen Bezeichnung, weniger Unmut unter all denen aufstören, denen die Thatcher-Ära noch immer in der Seele brennt.

Von Peter Nonnenmacher