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20:29 16.08.2009
Von Klaus von der Brelie
Die Bundeswehr will sich bei der Wahl in Afghanistan dezent im Hintergrund halten.
Die Bundeswehr will sich bei der Wahl in Afghanistan dezent im Hintergrund halten. Quelle: afp
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Besonders im Raum Kundus müssen sie jederzeit mit Angriffen der Taliban rechnen. „Hier ist die Lage weder ruhig noch stabil“, heißt es in der Umgebung des deutschen Regionalkommandeurs Jörg Vollmer.

Egal, ob schnelle Eingreiftruppe oder gemischte Aufklärungskompanie, Hubschrauberflieger oder Sanitäter – alle befürchten, dass es erneut blutige Gefechte mit Toten und Verletzten geben könnte, weil die Aufständischen die Wahl um fast jeden Preis verhindern möchten. „Aber wir sind gut vorbereitet“, sagen die Männer, die größtenteils aus Thüringen stammen.

Offiziell heißt es: „Wir halten uns zurück. Die Wahl ist eine politische Angelegenheit der Afghanen. Da sind sie zunächst selbst gefordert, für Sicherheit zu sorgen.“ Verabredet ist, dass die Wahllokale vorranging von der afghanischen Polizei geschützt werden. Weil dies möglicherweise nicht überall gelingt – es fehlt an geeigneten Kräften –, soll die afghanische Armee einen zweiten Ring um die Abstimmungsorte bilden und die Zufahrten schützen. Erst in dritter Reihe stehen die Soldaten der internationalen Schutztruppe. Dieses Konzept soll gewährleisten, dass niemand von den Taliban daran gehindert werden kann, seine Stimme abzugeben.

1865 Wahllokale sind im deutschen Verantwortungsbereich in Nordafghanistan vorgesehen. Mindestens 60 davon sind als „problematisch“ eingestuft. Die meisten von diesen wiederum befinden sich in der Provinz Kundus. „Da mehren sich die Indizien, dass es Störungen geben wird“, sagt ein Isaf-Offizier. Es könne sich die „Notwendigkeit ergeben“, Wahllokale kurzfristig an einem anderen Ort einzurichten.

Und wie reagiert die Schutztruppe auf diese Erkenntnisse? Nichts wird vorab preisgegeben. Der Gegner, ohnehin bestens über viele Vorhaben der Schutztruppe informiert, soll möglichst nicht erfahren, mit welchen Mitteln und Taktiken die Soldaten vorgehen wollen. Doch es zeichnet sich ab, dass Straßen weiträumig abgesperrt werden, dass es in einigen Orten sogar Fahrverbote geben könnte, damit kein Selbstmordattentäter mit seinem Auto in die Nähe der Wahllokale gelangen kann.

Die deutschen Aufklärer – rund 80 Spezialisten aus Gotha – haben in den vergangenen Tagen viele Dörfer aus der Luft fotografiert und Pläne entwickelt, wie Wahlvorstände evakuiert werden könnten. Mit ihren Drohnen sind sie auch in dieser Woche im Einsatz. „Nichts bleibt dem Zufall überlassen“, sagt der junge Kompaniechef, der stolz berichtet, wie gut seine Ausrüstung ist. „Selbst nachts sind unsere Beobachtungsmöglichkeiten optimal.“

Auch wenn den Soldaten untersagt ist, an Wahlkampfveranstaltungen teilzunehmen oder diese aus dienstlichen Gründen zu beobachten, sind die Hauptquartiere in Masar-i-Scharif und Kabul offensichtlich gut informiert über die Stimmung unter den Wählern. Der Bundesnachrichtendienst ist im deutschen Sektor recht aktiv und erfolgreich, auch die Zusammenarbeit mit dem afghanischen Geheimdienst scheint sich auszuzahlen.

Immer wieder fällt der Blick auf die Region Kundus. Dort, aber auch an anderen Orten steht die schnelle Eingreiftruppe aus Schwarzenborn in Hessen bereit, jederzeit die afghanischen Polizisten und Soldaten zu unterstützen. „Wir haben uns bei den Gefechten in den vergangenen Tagen Respekt verschafft“, sagt Oberstleutnant Hans-Christoph Grohmann. Inzwischen warten seine Grenadiere nicht mehr ab, bis ein Hilferuf sie im Feldlager erreicht. Sie richten sich für mehrere Tage an den Brennpunkten ein – in der Hoffnung, die Taliban frühzeitig abschrecken zu können. Auch wenn ihre Fahrzeuge, die gepanzerten Dingos, gut klimatisiert sind, ist das für die Soldaten eine extreme Strapaze. Tagelang müssen sie sich selbst verpflegen, an regelmäßigen Schlaf und tägliches Duschen ist nicht zu denken. Es gilt, rund um die Uhr wachsam zu bleiben, selbst wenn die Temperatur tagsüber im Schatten auf weit mehr als 40 Grad steigt. Noch belastender aber ist, dass niemand voraussagen kann, wie lange die extreme Belastung dauert. „Man weiß ja gar nicht“, sagt ein Hauptgefreiter, „wie lange die Stimmauszählung dauert und was passiert, wenn Fälschungen zusätzliche Unruhe ins Land bringen.“