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Politik Der rätselhafte Deal von Krampnitz
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09:53 13.10.2010
Von Conrad von Meding
Verfallenes Idyll am Wasser mit Gebäuden, die einst für Hannovers Kavallerie errichtet wurden: Die Krampnitz-Kaserne hat Brandenburgs Regierung in Erklärungsnöte gebracht.
Verfallenes Idyll am Wasser mit Gebäuden, die einst für Hannovers Kavallerie errichtet wurden: Die Krampnitz-Kaserne hat Brandenburgs Regierung in Erklärungsnöte gebracht. Quelle: Lutz Hannemann
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In Potsdam macht eine Immobilienaffäre Schlagzeilen, deren Fäden in einem hannoverschen Notariat zusammenlaufen. Es geht um ein 110 Hektar großes Kasernengelände nördlich der brandenburgischen Landeshauptstadt. Kritiker sagen, die Landesregierung in Potsdam habe das einst im Staatsbesitz befindliche Grundstück zu einem rätselhaft niedrigen Spottpreis an private Investoren verscherbelt – die könnten jetzt mit einer interessanten Fläche in der Nähe eines Sees vor den Toren Berlins nach und nach ein Vielfaches der gezahlten Summe erlösen und das Geschäft ihres Lebens machen.

War Mauschelei im Spiel, gar Begünstigung? Die offenen Fragen konnte Brandenburgs Landesregierung nicht restlos aufklären. Innenminister Rainer Speer (SPD) musste kürzlich den Hut nehmen, unter anderem wegen dieses fraglichen Grundstücksgeschäfts. Der Landtag in Potsdam will den Verkauf jetzt in einem Untersuchungsausschuss durchleuchten.

Eingefädelt hatte den Kasernendeal Ingolf Böx, ein in Hannover seit vielen Jahren als Notar tätiger Jurist. Böx gilt als gut vernetzter Mann mit vielen Verbindungen. Er soll auch behilflich gewesen sein, jenes schwer durchschaubare Geflecht von Gesellschaften und Tochtergesellschaften zu konstruieren, dem das Grundstück inzwischen gehört. Böx schwieg bisher hartnäckig zu allen Vorwürfen. Gegenüber der HAZ hat er jetzt erstmals öffentlich Stellung bezogen: „70 Jahre ist auf dem Gelände nichts passiert“, sagt der 66-Jährige. „Jetzt kommen wir Hannoveraner – und werden mit Dreck beworfen.“

Malerisch liegt das weitläufige Kasernengrundstück zwischen dem Krampnitzsee und dem Fahrlander See nördlich von Potsdam. Das Gelände hat eine bewegte Geschichte: Die hannoversche Kavallerie hatte das Areal als Belohnung des Deutschen Reichs für ihre vielen Goldmedaillen bei den Olympischen Spielen 1936 geschenkt bekommen. 1936 bis 1939 wurde die Kaserne gebaut, nach dem Krieg nutzten die Sowjets jahrzehntelang das Gelände. Entsprechend dürfte der Boden mit Munitions- und Schmierstoffresten belastet sein, überall verrotten sowjetische Plattenbauten zwischen denkmalgeschützten Häusern wie dem alten Offizierskasino und einer Biedermeiersiedlung mit Dutzenden Offiziershäusern. Jetzt soll das Gelände zu einem hochwertigen Wohngebiet mit modernen Marinas am Krampnitzsee umgebaut werden.

„Die Lage ist erstklassig“, schwärmt Böx. „Das Gelände ist aber total heruntergekommen – da muss richtig viel Geld investiert werden.“

Die Opposition von CDU, FDP und Grünen im brandenburgischen Landtag allerdings wittert einen Immobilienskandal unter Genossen, weil das Areal 2007 für 4,1 Millionen Euro verkauft wurde und kurze Zeit später Angaben über einen Gesamtwert von 25 Millionen Euro kursierten – allerdings für ein komplett saniertes Gelände. Tatsächlich sind aber zwei Teilflächen schon jetzt weiterverkauft worden – zum Preis von 7,1 Millionen Euro. Die Regierung sei übertölpelt worden, es sei Schaden für das Land Brandenburg entstanden, wetterte etwa Grünen-Frak­tionschef Axel Vogel. Als dann die Landesregierung auch noch falsche Angaben dazu machte, wer neuer Eigentümer des Areals ist, schien die Affäre perfekt.

Als Käufer hatte das Land öffentlich immer die dänische Thylander-Gruppe benannt. Dann aber fand die Opposition heraus, dass hinter den Käufern ein Firmengeflecht aus Hannover steht, das wiederum zu 90 Prozent einer Holding aus Riesa gehört, deren Alleineigentümerin die Büromanagerin und Lebensgefährtin von Ingolf Böx ist: Petra Lill. „Als Notar durfte ich selbst keine Geschäftsführung übernehmen, wollte das Management aber gerne in meinem Büro haben“, begründet Böx das Geflecht. Richtig sei aber, dass die Thylander-Gruppe das Areal ursprünglich habe kaufen wollen – in der Immobilienkrise sei sie jedoch abgesprungen. Böx machte mit neuen Geldgebern weiter.

Was Brandenburgs Opposition zusätzlich misstrauisch macht: Böx hat eine gemeinsame Sozietät mit dem Berliner Anwalt Peter Danckert, der SPD-Bundestagsabgeordneter ist. Zwar distanziert der sich inzwischen von den Vorgängen – die Kooperation der Kanzleien, die unter dem Namen „DBM Danckert Böx Meier“ firmiert, werde aufgelöst, bestätigen beide Seiten. In der „Berliner Morgenpost“ schimpft die Opposition aber über den „SPD-Filz“, in dem sich Genossen gemeinsam mit dem damaligen SPD-Minister Speer wertvolle Grundstücke zugeschachert haben könnten. Der Berliner „Tagesspiegel“ nennt das Firmengeflecht „dubios“. Und die „Märkische Allgemeine“ schreibt von einem „schattenhaften Auftreten“ des hannoverschen Notars in der Angelegenheit.

Böx selbst gibt sich gelassen. „In der Potsdamer Presse wird viel vermischt“, sagt er dazu. „Ich freue mich auf den Untersuchungsausschuss, in dem alles offengelegt wird.“

Er kann Unterlagen vorweisen, denen zufolge das Areal einen Negativwert von 749 000 Euro hatte – so viel beträgt der Grundstückspreis abzüglich Bodensanierungs- und Abrisskosten. Den Zuschlag hatte er in einer europaweiten Ausschreibung erhalten. „Niemand wollte mehr für dieses Gelände bieten“, betont Böx. Inzwischen seien rund zwei Millionen Euro in das Projekt investiert worden: „Ingenieure arbeiten auf dem Gelände, Naturexperten zählen Spechte, wir haben einen Masterplan entwickelt.“ Alle Grundstücksgeschäfte sind zwar zunächst gestoppt, das Land hat von seinen im Grundbuch verbrieften Rechten Gebrauch gemacht und verweigert den Weiterverkauf von Flächen bis zur endgültigen Klärung. Böx aber ist zuversichtlich, dass alles ein gutes Ende nimmt. „Wir haben Verträge“, sagt er, „auch mit der Kommune gibt es einen städtebaulichen Vertrag über das, was auf dem Gelände passieren soll.“ Immerhin sei Potsdam „die einzige Stadt im Osten, die noch wächst“, attraktiver Wohnraum in Wassernähe werde stark nachgefragt. „Aber natürlich benötigt solch ein Projekt einen langen Atem – die Umsetzung wird mindestens zehn Jahre dauern.“ Schon in fünf Jahren könnten auf dem Gelände rund 1000 Wohnungen entstehen.

Die brandenburgische Regierungskrise um ein außereheliches Kind Speers und der Wahlkampf um das Oberbürgermeisteramt in Potsdam trugen nicht gerade zur Entspannung bei – das Millionenprojekt der Krampnitz-Kasernen ist in Brandenburg inzwischen ein Reizwort. Anwalt Böx hat bereits im Frühsommer vor Beginn der Immobilienaffäre seine Notariatszulassung abgegeben. Einen Zusammenhang zur Affäre gebe es nicht, sagt er: „Ich mache inzwischen mehr Entwicklungs- als Notariatsprojekte.“ Er vermute, dass ein ehemaliger Geschäfts- und Projektpartner die „unsägliche Pressekampagne“ angezettelt hat. Die für die Sanierung der denkmalgeschützten Gebäude ausgewählte Firma aus Berlin habe zwischenzeitlich versucht, ihm das Gesamtprojekt abzuluchsen, sei dann aber in Zahlungsnöte gekommen, berichtete Böx gestern. Inzwischen hat Böx einen neuen Partner gefunden. Das Unternehmen kommt, ebenso wie Böx selbst, aus dem Raum Hannover. Es ist die Immobilien- und Projektierungsgesellschaft „Projekt Rentenvorsorge GbR“ von Gerald Breschke aus Langenhagen, die sich um die Wiederherstellung der denkmalgeschützten Gebäude kümmern will. Das Unternehmen ist seit 30 Jahren als Bauträger aktiv und ist zugleich die Firma, die 7,1 Millionen Euro für die beiden Kasernen-Teilflächen zahlen will, sobald die Landesregierung die Transaktion freigibt. „Hannoveraner machen das Gelände flott, das so eng mit Hannovers Geschichte verknüpft ist“, freut sich Böx.

Das Gelände selbst hat schon Filmgeschichte geschrieben. Die ehemalige Heeresreit- und Fahrschule Krampnitz diente als Kulisse etwa für den Stauffenberg-Film „Operation Walküre“ mit Tom ­Cruise. „Gespenstisch“ sei die Atmosphäre dort streckenweise, sagt Böx: „Es wird Zeit, dass es dort losgeht, damit das Gebiet am Seeufer endlich entwickelt wird.“

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