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22:38 06.12.2009
In Athen eskaliert ein Jahr nach den tödlichen Schüssen erneut die Gewalt.
In Athen eskaliert ein Jahr nach den tödlichen Schüssen erneut die Gewalt. Quelle: afp
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Genau hier war es. An dieser Straßenecke im Athener Stadtviertel Exarchia haben der 15-jährige Alexandros Grigoropoulos und seine Freunde, die ihn Alexis nannten, am Abend des 6. Dezember 2008 gestanden. Etwa 30 Meter entfernt waren die beiden Polizisten. Es habe einen Wortwechsel gegeben, sagen Augenzeugen. Dann zieht einer der Polizisten seine Pistole und feuert drei Schüsse ab. Alexis bricht zusammen. Freunde schleifen ihn aus der Schusslinie, aber sie können keinen Puls mehr fühlen.

Genau hier ist es auch an diesem Wochenende losgegangen: Vermummte Jugendliche zerstörten mit Steinen und Eisenstangen Autos und Schaufenster – zuerst in Athens Stadtteil Exarchia, dann in der Stadt Thessaloniki. Die Demonstranten, die der Autonomenszene zugerechnet werden, warfen Brandflaschen auf Polizisten und Streifenwagen. Die Sicherheitsbehörden meldeten mehr als 160 Festnahmen, zählten mehr als 300 Vermummte, setzten mehr als 10 000 Polizisten ein. Am Sonntagnachmittag lieferten sich im Athener Stadtzentrum allein 50 Jugendliche Straßenschlachten mit der Polizei, warfen Steine und feuerten Leuchtraketen auf die Polizisten ab, zerstörten Schaufenster und setzten Müllcontainer in Brand, und die Polizei setzte Tränengasgranaten ein – ein gewalttätiger Jahrestag des 6. Dezember 2008.

Vor einem Jahr hatte sich in der gut vernetzten griechischen Autonomenszene die Nachricht vom Todesschuss auf Alexis wie ein Lauffeuer verbreitet. Noch am selben Tag flogen Brandflaschen, gingen Schaufenster zu Bruch, und noch in der Nacht griffen die Proteste auf andere Städte über. Griechenland erlebte mehr als eine Woche lang die schwersten Unruhen seit Jahrzehnten. Politiker und Polizei sahen hilflos zu, der Staat kapitulierte vor der blinden Gewalt Vermummter.

Der Tod des 15-Jährigen war dabei nur der zündende Funke. Es implodierte eine staatliche Ordnung, deren Fundamente längst marode waren – ein abgewirtschafteter Staat, ohne Autorität und Akzeptanz. Ein Jahr nach dem Todesschuss schien das Land wenigstens oberflächlich zur Normalität zurückgekehrt. Die meisten Spuren der Krawalle waren getilgt, die Banken hatten neues, noch dickeres Panzerglas einbauen lassen.

Doch die Ereignisse vom Wochenende offenbaren: Unter der Oberfläche hat es beständig gebrodelt. Heute steckt Griechenland nicht nur in der schwersten Finanzkrise seiner jüngeren Geschichte. Heute ist auch ein vertrieben geglaubtes Gespenst zurückgekehrt: der Terrorismus. Er schien besiegt, als 2003 die führenden Mitglieder der berüchtigten Terrororganisation „17. November“ festgenommen und verurteilt worden waren. Heute sehen sich Staat und Gesellschaft von einer neuen Terroristengeneration herausgefordert. Unter Namen wie „Sekte der Revolutionäre“ und „Verschwörung der Feuerzellen“ nehmen sie mit Bomben, Brandsätzen und Kalaschnikow-Gewehren vor allem Polizisten ins Visier.

Das Wiedererstarken des Terrorismus gehört zum verhängnisvollen Erbe der Anfang Oktober abgewählten konservativen Regierung. Die Dezember-Unruhen besiegelten 2008 das unrühmliche Ende des Premiers Kostas Karamanlis. Er hinterließ nicht nur den höchsten Schuldenberg in der Geschichte des Landes, sondern auch eine verwahrloste politische Kultur. Nach einer Statistik von Transparency International ist Griechenland inzwischen das korrupteste Land der EU, was ausländische Investoren abschreckt. Beim Wirtschaftsklima liegt Griechenland unter 183 Staaten auf Platz 109 – hinter den Fidschi-Inseln, Äthiopien und Papua-Neuguinea. Das Vertrauen der Griechen in dieses System ist tief erschüttert. Vor allem die Jugend wendet sich ab. Junge Griechen sind eingezwängt ins Korsett des EU-weit wohl rückständigsten Bildungssystems. Nirgends in der EU ist die Jugendarbeitslosigkeit so hoch. Fast jeder vierte Schulabgänger findet keinen Job.

Ein marodes Bildungswesen, ein Staat, der moralisch und ökonomisch am Ende ist: Das ist das schwere Erbe, das der seit zwei Monaten regierende sozialistische Premier Giorgos Papandreou antritt. Der 57-Jährige kommt aus einer der großen griechischen Politikerdynastien, die das Land seit Jahrzehnten abwechselnd regieren. Politclans wie die Papandreous und die Karamanlis haben Griechenlands politische Kultur geprägt. Ihre tragende Säule ist das Klientelsystem – ein Netzwerk von Patronage und Gefälligkeiten, Filz, Vetternwirtschaft und Bestechung. Papandreou hat diesem System den Kampf angesagt.

Ganz andere Sorgen hat Epaminondas Korkoneas. Er sitzt seit fast einem Jahr im Untersuchungsgefängnis Korydallos bei Piräus. Der 37-jährige Polizist, Vater von drei kleinen Kindern, soll den tödlichen Schuss auf Alexis abgegeben haben. War es ein gezielter Todesschuss, wie Augenzeugen sagen, oder, wie Korkoneas behauptet, ein „Warnschuss“ in die Luft, wobei das Projektil irgendwo abgeprallt sei und den 15-Jährigen ins Herz traf? Die Anklage gegen Korkoneas lautet auf Mord. Eigentlich sollte sein Prozess am 15. Dezember in Athen beginnen. Doch das schien der Justiz zu nah am Tatort und am Jahrestag. So soll das Verfahren nun erst am 29. Januar beginnen, in der Kreisstadt Amfissa, fünf Autostunden von Athen entfernt und leicht abzuriegeln.

Das Haus, vor dem Alexis starb, steht heute leer. Jemand hat das Straßenschild überpinselt und darunter ein neues Schild angebracht. „Alexandros Grigoropoulos“ heißt die Straße jetzt. Graffiti bedeckt die Hauswände. „Solidarität“ steht da, „Alexis, du lebst!“. Und die unheimliche Losung „Kill Cops“.

von Gerd Höhler

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