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Politik Ein Freispruch spaltet Amerika
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00:15 17.07.2013
Von Stefan Koch
Die Demonstranten auf den Straßen von Atlanta fordern Gerechtigkeit, nach dem der Todesschütze von Trayvon Martin freigesprochen wurde. Quelle: dpa
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Washington

„Gerechtigkeit für Trayvon“ steht auf dem Plakat, das eine junge Frau in San Francisco in die Fernsehkameras hält. Sie steht inmitten von mehreren Hundert Demonstranten und ruft lautstark: „Schuldig! Schuldig! Schuldig!“
Auf der anderen Seite des Kontinents hatte Stunden zuvor ein Geschworenengericht in Sanford, Florida, George Zimmerman freigesprochen, der vor einem Jahr den 17-jährigen Afroamerikaner Trayvon Martin erschossen hatte. Ein Urteil, das viele Amerikaner entsetzt – und einmal mehr die Frage aufwirft, ob dieses Land noch immer unter einem unterschwelligen Rassismus leidet. 

Benjamin Jealous, Chef der Bürgerrechtsorgansation NAACP, ist empört: „Es bricht uns das Herz, dass ein junger Mensch erschossen wird und der Täter als freier Mann das Gericht verlässt.“ Mit diesem „Skandal“ werde er sich nicht abfinden, versichert Jealous. „Wir setzen unseren Kampf fort und werden einen weiteren Prozess anstrengen.“ Von einer „Ohrfeige für das amerikanische Volk“ spricht der Bürgerrechtsaktivist Al Sharpton. Spontane Demonstrationen meldete der Sender CNN gestern aus diversen US-Metropolen. Im kalifornischen Oakland griffen Jugendliche gar einen Streifenwagen an und zertrümmerten Fensterscheiben. In Los Angeles löste die Polizei am Sonntag einen vorsorglichen Alarmzustand aus, da sie ähnliche Rassenunruhen wie 1992 befürchtete, bei denen mehrere Dutzend Menschen starben.

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Doch anders als damals ist die Schuldfrage im Fall von George Zimmerman weit schwieriger zu beantworten. So mahnt die Zeitung „Miami Herald“: „Nur wenige Fachleute, die den Prozess beobachten, sind der Ansicht, dass sich Zimmermans Aussagen widerlegen lassen.“ Da es keine weiteren Zeugen gebe, sei es kompliziert, seine Version des Tathergangs zu bestreiten. Eine Auffassung, der auch die sechs Frauen der Jury am Sonnabend folgten.

Tatsächlich bleibt nach dem aufwendigen Prozess vieles rätselhaft. Fest steht nur, dass Trayvon Martin am 26. Februar vergangenen Jahres von George Zimmerman erschossen wurde. Der 28-jährige Schütze war Mitglied einer freiwilligen Bürgerwehr. In dieser regnerischen Nacht war er auf Patrouille in einem weitläufigen Wohngebiet unterwegs, das durch hohe Zäune streng abgeschottet ist. Der junge Trayvon war an diesem Tag zu Besuch bei der Verlobten seines Vaters und hatte sich gerade in einer Tankstelle Eistee und Süßigkeiten gekauft.

Zimmerman meldete seine Beobachtungen per Telefon der Polizei, die ihm ausdrücklich davon abriet, den Mann zu verfolgen. Trayvon wiederum rief mit seinem Mobiltelefon seine Freundin an und berichtete ihr, dass er von einem Unbekannten verfolgt werde. Was danach geschah, bleibt unklar. Zimmerman muss Martin hinterhergegangen sein. Darauf folgte offenbar eine lautstarke Auseinandersetzung. Schließlich fiel der tödliche Schuss.

Hatte Zimmerman geschossen, weil er von rassistischen Vorurteilen geprägt ist und einen afroamerikanischen Jugendlichen, der einen Kapuzenpulli trägt, grundsätzlich für verdächtig hält? Die Bundespolizei FBI, die in diesem Fall ebenfalls ermittelte, sammelte in Zimmermans Umfeld ganz andere Aussagen: Der Bürgerwehr-Angehörige gehört zur lateinamerikanischen Minderheit in Florida – und passt nicht so recht in die Stereotypen der Rassismusdebatten. Auch sollen mehrere Afroamerikaner zu seinem Freundeskreis zählen, die ihn bei den Vernehmungen in Schutz nahmen. So mancher weiße Amerikaner sah in dem Fall daher eine Art umgekehrten Rassismus: Da ein – unbewaffneter – junger Afroamerikaner getötet wurde, könnte der Schütze grundsätzlich als schuldig gelten, so ihre Befürchtung.

Wie tief Amerika in diesem Fall gespalten ist, zeigen die Meinungsumfragen: Die Afroamerikaner halten Zimmerman mit überwältigender Mehrheit für einen Mörder. Dagegen herrschen bei den Weißen mehrheitlich Zweifel.

Die Chronologie

■  26. Februar 2012: In Sanford, Florida, erschießt George Zimmerman den unbewaffneten schwarzen Teenager Trayvon Martin. Zimmerman, Mitglied einer Nachbarschaftswehr, wird kurz darauf wieder freigelassen. Er erklärt, aus Notwehr gehandelt zu haben.
■  8. März 2012: Die Eltern von Trayvon Martin initiieren eine Internetpetition, in der sie die Strafverfolgung Zimmermans fordern.
■  19. März 2012: Das US-Justizministerium kündigt Ermittlungen an. Eine 16-Jährige sagt aus, dass Trayvon Martin sie kurz vor seinem Tod angerufen habe, da er verfolgt werde.
■  21. März 2012: Martins Eltern nehmen in New York am „Million Hoodie March“ teil, einer Demonstration gegen Rassismus. Viele Teilnehmer tragen einen schwarzen Kapuzenpullover („Hoodie“) – ähnlich jenem, den Martin anhatte.
■  23. März 2012: US-Präsident Obama spricht den Eltern des Opfers sein Mitgefühl aus: „Wenn ich einen Sohn hätte, er würde wie Trayvon aussehen.“ Bereits 1,5 Millionen Menschen unterstützen die Internetpetition von Martins Eltern.
■  11. April 2012: Gegen Zimmerman wird Anklage erhoben.
■  5. Juni 2012: Zimmerman kommt gegen eine Kaution in Höhe von einer Million Dollar erneut auf freien Fuß.
■  24. Juni 2013: In Sanford beginnt der Prozess.
■  13. Juli 2013: Die Geschworenen – fünf Weiße und eine Hispanoamerikanerin – befinden Zimmermann für nicht schuldig. Er verlässt das Gericht als freier Mann.

Der umstrittene Freispruch ist wohl nur der Auftakt einer weiteren scharfen Rassismusdebatte. Auch Präsident Barack Obama hatte sich bereits indirekt eingemischt und gesagt: „Wenn ich einen Sohn hätte, dann sähe er aus wie Trayvon.“ Die Debatte entzündete sich nicht zuletzt an Ermittlungsfehlern: Obwohl von Anfang an feststand, dass Martin nicht bewaffnet war, wurde Zimmerman in der Tatnacht nach einem kurzen Verhör nach Hause geschickt. Auch unterzog ihn die Polizei nicht dem obligatorischen Alkohol- und Drogentest. Der Bürgerrechtler Jesse Jackson wertet dies als Hinweis, dass die Polizei ein Auge zugedrückt habe, da es sich bei dem Opfer um einen Afroamerikaner handelte.

Zimmermans Anwälte argumentieren dagegen mit der Gesetzeslage in Florida: Waffengebrauch sei bei Notwehr zulässig, auch wenn der Angreifer nicht bewaffnet ist. Der Republikaner Durell Peaden, der an dem Gesetz führend beteiligt war, ist mit Blick auf den aktuellen Fall dennoch skeptisch: „Als Zimmerman den jungen Martin verfolgte, war sein Verhalten nicht mehr durch das Notwehrgesetz gedeckt.“ Für den konservativen Politiker steht fest: Das juristische Tauziehen ist noch nicht vorbei, zumal es sich nur um ein Urteil in erster Instanz handelt.

Auch Zimmermans Verteidiger Mark O’Mara äußert sich zurückhaltend. Der Anwalt fürchtet allerdings weniger die Justiz als vielmehr seine aufgebrachten Landsleute. Bereits in den vergangenen Wochen habe Zimmerman eine schusssichere Weste getragen. „Einige Leute“, sagt O’Mara, „kümmern sich nicht um einen Freispruch.“

Schwarz zu sein – vor Gericht ein Nachteil?

Immer wieder haben Kriminalfälle in den vergangenen Jahrzehnten bei den Amerikanern Zweifel geweckt, ob die Hautfarbe für ihre Justiz wirklich keine Rolle spielt:
■  O. J. Simpson: Als der ehemalige Footballstar 1994 wegen des Mordes an seiner Ex-Frau und deren Bekannten angeklagt wird, kommt es zu Demonstrationen und Plünderungen. Vor allem viele Afroamerikaner glauben an seine Unschuld – und halten die Beschuldigungen für rassistisch motiviert. Trotz starker belastender Indizien sprechen die Geschworenen ihn schließlich frei. Im Zivilprozess wird er jedoch 1997 dazu verurteilt, 33,5 Millionen Dollar an die Hinterbliebenen zu zahlen. Mittlerweile befindet sich Simpson wegen eines Raubüberfalls im Jahr 2007 in Haft.
■  Rodney King: Der junge Afroamerikaner wird 1991 von vier Polizisten in Los Angeles schwer misshandelt, nachdem er versucht hat, sich einer Verkehrskontrolle zu entziehen. King war alkoholisiert und zu schnell gefahren. Obwohl Filmaufnahmen die Übergriffe belegen, spricht ein Gericht die Beschuldigten frei. Bei den Unruhen, die daraufhin in Los Angeles ausbrechen, kommen 53 Menschen zu Tode. In einem zweiten Verfahren werden die Polizisten schuldig gesprochen.
■  16th Street Baptist Church: Beim Attentat auf die überwiegend von Afroamerikanern besuchte Kirche in Birmingham, Alabama, sterben 1963 vier Mädchen. Der Mann, den Zeugen als den Bombenleger identifizieren, das Ku-Klux-Klan-Mitglied Robert Chambliss, wird wenige Wochen später dennoch nur zu einer Strafe von 100 Dollar verurteilt – wegen Dynamitbesitzes. Erst 1977 wird Chambliss erneut angeklagt – und muss nun lebenslang in Haft.

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