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Politik Der Fehler des Herrn Ziercke
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18:06 24.11.2011
Mit seinen Äußerungen, der Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter sei möglicherweise doch kein Zufall gewesen, hat BKA-Chef Ziercke viel Wirbel ausgelöst. Quelle: dpa
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Berlin

Es schien eine Wende im Mordfall der Thüringer Polizistin Michèle Kiesewetter zu sein: Im nicht-öffentlich tagenden Bundestags-Innenausschuss erklärte der Chef des Bundeskriminalamtes (BKA), Jörg Ziercke: Der tödliche Schuss im Jahr 2007 in Heilbronn sei vielleicht doch kein Zufall gewesen. Bis dahin hatten die Ermittler eine wie auch immer geartete Verbindung zwischen Kiesewetter und ihren mutmaßlichen Mördern von der Zwickauer Neonazi-Zelle verneint. Die Äußerungen Zierckes vom Montag sorgten für reichlich Wirbel - nun relativierte und korrigierte sie das BKA.

Der BKA-Präsident habe in der Sitzung betont, dass man noch am Anfang der Ermittlungen stehe, heißt es in einer Erklärung des Bundeskriminalamtes vom Mittwochabend. „Unter dieser Prämisse berichtete er, dass es Anzeichen für räumliche Schnittpunkte zwischen Wohnorten der Polizistin und dem Täterkreis gebe und konkretisierte diese dem damaligen Ermittlungsstand entsprechend.“

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Im Ausschuss hatte Ziercke erklärt, dass Kiesewetter zeitweise sogar gegenüber einem Lokal gewohnt habe, das ein Treffpunkt der rechtsradikalen Szene gewesen sein soll. Nun räumte das BKA ein, dass diese Aussage „nach heutigem Erkenntnisstand“ berichtigt werden müsse. Kiesewetter habe nicht gegenüber gewohnt. Sie sei vielmehr unweit davon zur Schule gegangen.

Nach den übereinstimmenden Aussage mehrerer Teilnehmer der Ausschusssitzung sprach Ziercke am Montag sogar von einer möglichen Beziehungstat - in dem Sinne, dass mehrere mögliche Bezüge zwischen Kiesewetter, ihrer Familie und dem Zwickauer Neonazi-Trio geprüft würden. Nach Angaben der „Süddeutschen Zeitung“ vom Donnerstag sprach Ziercke von einer „erstaunlichen Veränderung“ der bisherigen Annahmen.

Er erntete aber umgehend lauten Widerspruch von Familienangehörigen Kiesewetters und von Baden-Württembergs Innenminister Reinhold Gall (SPD). „Unsere Ermittlungsbehörden haben bisher keine gesicherten Erkenntnisse über eine Beziehungstat“, sagte Gall. Das zuständige Ordnungsamt in Thüringen dementierte, dass Michèle Kiesewetter gegenüber der besagten Kneipe gemeldet gewesen sei. Auch Bewohner des Oberweißbacher Ortsteils Lichtenhain hielten die vermeintlichen Berührungspunkte für weit hergeholt.

Es bleibt die Frage, warum sich Ziercke mit seinen Äußerungen so weit aus dem Fenster wagte. Eigentlich hätte der BKA-Chef wissen müssen, welche Auswirkungen seine Worte haben können. Brisante Inhalte, die in nicht-öffentlich tagenden Bundestagsausschüssen mitgeteilt werden, bleiben Journalisten selten verborgen. Und eigentlich gilt Ziercke im Umgang mit Politikern und der Öffentlichkeit als erfahren. Mitarbeiter schätzen die Ruhe ihres Chefs. Jahrelange Weggefährten sagen, Ziercke sei krisenfest und bewahre auch in schwierigen Situationen Ruhe und Überblick.

Vielleicht gab es Übermittlungsfehler innerhalb des BKA? Oder erlag Ziercke doch dem Druck, den beharrlich fragenden Abgeordneten neue Erkenntnisse präsentieren zu müssen? Wie es zu dem peinlichen Vorgang kam, bleibt unklar. Ziercke wird aber von verschiedener Seite nahegelegt, sich künftig zu hüten, noch unbestätigte Zwischenstände von Ermittlungen mitzuteilen.

frx/dpa