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Politik Der Anschlagsversuch vom Times Square gibt Rätsel auf
Mehr Welt Politik Der Anschlagsversuch vom Times Square gibt Rätsel auf
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22:10 03.05.2010
Gerade deshalb, weil der Anschlag so rätselhaft ist, passt er ins Bild anderer gelungener oder vereitelter Terrorakte der vergangenen Monate. Quelle: ap
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Rätselraten um den Anschlagsversuch vom Times Square: Auch wenn auf den Aufzeichnungen von Überwachungskameras ein etwa 40-jähriger Weißer zu sehen ist, der sich von dem geparkten Tatfahrzeug entfernt. Hinter dem Anschlag steckte einige Planung, wie die gestohlenen Nummernschilder des Autos belegen. Dass ein paar Taliban im fernen Pakistan nun das Geschehen für sich reklamieren, besagt erst einmal wenig.

Gerade deshalb, weil der Anschlag so rätselhaft ist, passt er ins Bild anderer gelungener oder vereitelter Terrorakte der vergangenen Monate. Sie waren weit entfernt von der logistischen Perfektion der Terrorattacke des 11. September 2001 – und nicht alle hatten einen islamistischen Hintergrund. Vielmehr wurzelten manche Taten im einheimischen rechtsextremen Milieu. Wo endet die ziellose Gewaltbereitschaft von Einzeltätern? Wo beginnt der Terrorismus? Diese Fragen sind immer schwerer zu beantworten.

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Sogar die Bedrohung durch fundamentalistische Muslime ist diffus geworden: Deren jüngste Aktionen waren die von Einzeltätern oder kleinen, autonomen Gruppen. Der blutige Amoklauf des Armeepsychiaters Nidal Malik Hasan auf dem Militärstützpunkt Fort Hood in Texas im vergangenen November gehört dazu, der 13 Menschenleben forderte. Am ersten Weihnachtsfeiertag 2009 löste der aus Nigeria stammende Umar Farouk Abdul Mutallab weltweite Schlagzeilen aus, als er auf einem Flug nach Detroit vergeblich versuchte, einen in seiner Unterhose versteckten Sprengstoff anzuzünden. Hasan hatte sich von Hasspredigten im Internet inspirieren lassen, Mutallab war hingegen von Al Qaida im Jemen gesteuert.

Ein Taxifahrer aus Denver, der im vergangenen September festgenommen wurde, weil er Terrorakte in New York geplant hatte, will ebenfalls von Al Qaida den Auftrag bekommen haben. Bei einer Gruppe von vier US-Muslimen aus der Region New York, die im vergangenen Mai einige Synagogen in der Stadt attackieren wollten, ist die Verbindung fraglich. „Die beste Antwort wäre es, damit aufzuhören, all diese Anschläge einfach mit ,Al Qaida’ zu bewimpeln“, sagt der Antiterrorexperte Audrey Kurth vom National War College. „Damit stärken wir nur den Markennamen dieses Terrornetzwerks.”

Wie kompliziert allein schon das Bild des islamischen Terrorismus auf amerikanischem Boden geworden ist, zeigt der Fall der so genannten „Dschihad Jane“, der von den Behörden im März bekanntgegeben wurde. So nannte sich die zum Islam konvertierte Amerikanerin Colleen LaRose, die sich an Mordplänen gegen einen vermeintlich antiislamischen Karikaturisten in Schweden beteiligte. „LaRose ist eine blonde, blauäugige, weiße Frau mittleren Alters, die in Texas aufwuchs“, schreibt der Kolumnist Eugene Robinson in der „Washington Post“. „Jeder, der behauptet, er könne einen potenziellen Terroristen dank seines Aussehens und seiner Nationalität identifizieren, macht sich Illusionen.“

Zum fünfzehnten Jahrestag des blutigen Bombenanschlags auf ein Bürogebäude in Oklahoma am 19. April 1995 sind die Amerikaner aber auch wieder daran erinnert worden, dass Terror auch ganz andere Wurzeln haben kann. Die Zahl der rechtsextremen Milizen ist nach Schätzungen des FBI seit der Wahl von Obama stark gestiegen. Die staatsfeindliche Stimmung, die auf den Demonstrationen der so genannten Tea-Party-Bewegung hochkocht, ist der Nährboden für eine Radikalisierung von rechts. Im Februar stürzte ein Sportpilot in Austin seine Maschine in ein Verwaltungsgebäude – aus Hass auf die US-Steuerbehörde. Im März wurde die Verschwörung einer rechtsradikalen Miliz in Michigan aufgedeckt, die Polizisten und andere Staatsdiener ermorden wollte. Die Motive des Täters vom Times Square können in viele Richtungen gehen. Bei der Bedrohung des Jahres 2010 ist es kaum mehr möglich, Anführer zu verhaften und Organisationen zu zerschlagen. Immer schwieriger wird es, zwischen persönlichen Rachemotiven und ideologischem Überbau zu trennen – und letzterer kann vom fundamentalistischem Islam bis zu rassistischem Hass auf Barack Obama reichen.

Die technischen Möglichkeiten dieser Einzeltäter sind begrenzt, aber sie zielen vor allem auf öffentliche Aufmerksamkeit. Mit einfachen Mitteln ist es dem Täter von New York gelungen, andere Schlagzeilen zu verdrängen. Auf einmal war die Ölpest im Golf von Mexiko für die US-Medien kaum noch ein Thema. Vergessen war der Streit um Finanzreform und Einwanderungsgesetz. Der Urheber dürfte mit der Wirkung seiner Tat zufrieden sein – obwohl sein Sprengsatz am Times Square ein Rohrkrepierer war.

Andreas Geldner