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Politik Demjanjuk schweigt zu den Vorwürfen
Mehr Welt Politik Demjanjuk schweigt zu den Vorwürfen
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21:26 01.12.2009
Der mutmaßliche Sobibor-Wachmann John Demjanjuk wurde auf einer Trage in den Saal geschoben.
Der mutmaßliche Sobibor-Wachmann John Demjanjuk wurde auf einer Trage in den Saal geschoben. Quelle: ddp
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Das aufrechte Sitzen scheint ihm überhaupt nicht mehr möglich. In dieser Stellung verharrt der 89-Jährige während des gesamten Verhandlungstages.

Für die meisten Prozessbeobachter ist klar, der Auftritt soll dazu dienen, Demjanjuks schlechten Gesundheitszustand noch einmal zu unterstreichen. „Es gibt zwei Arten Demjanjuk zu betrachten“, sagt der Nebenkläger und Sobibor-Überlebende Thomas Blatt. „Für die einen ist er ein alter, kranker Mann, für mich ist er aber der, der Menschen in Gaskammern geschickt hat. Der Punkt ist, ich kann es nicht beweisen, diesen Beweis muss hier das Gericht erbringen.“

Bis das Gericht aber in die Beweisaufnahme eintreten kann, dauert es. Zunächst wird auch die Verlesung der Anklageschrift verzögert. Verteidiger Ulrich Busch stellt Anträge auf Einstellung beziehungsweise Aussetzung des Verfahrens. Der Anwalt sagt, Demjanjuk sei bereits in Israel für dieselben Taten angeklagt und verurteilt worden, die nun in München zur Verhandlung stehen. Zudem sei die „Zwangsdeportation“ des Angeklagten von den USA nach Deutschland im Mai illegal gewesen und das Verfahren in München somit nicht zulässig. 45 Minuten nimmt allein die Verlesung dieser Anträge in Anspruch.

„Hier wird ganz klar auf den Effekt der Verzögerung gesetzt“, kritisiert Nebenklagevertreter Michael Koch. „Das werden wir jetzt wohl an jedem Prozesstag zu erwarten haben.“ Der Vorsitzende Richter Ralph Alt vertagt die Entscheidung über die Anträge. Schließlich kommt es vor der Mittagspause und nach einer erneuten Überprüfung von Demjanjuks Gesundheitszustand doch noch zur Verlesung der Anklageschrift: Die Staatsanwaltschaft wirft Demjanjuk Beihilfe zum Mord in 27.900 Fällen vor. Vor 66 Jahren, im Sommer 1943, soll er im deutschen Vernichtungslager Sobibor im besetzten Polen Tausende Juden aus Deportationszügen in die Gaskammern getrieben haben.

Nach der Verlesung der Anklage sind die im Saal anwesenden Überlebenden der Vernichtungslager sowie die Angehörigen der Holocaust-Opfer tief erschüttert, einige können ihre Tränen nicht zurückhalten. Demjanjuk jedoch schweigt zu den Vorwürfen.

Am Nachmittag kommen die ersten Nebenkläger zu Wort – die meisten von ihnen sind aus den Niederlanden nach München gereist, um eine Aussage zu machen. Ein Zeuge wird von einem Weinkrampf geschüttelt, als er dem Vorsitzenden Richter einen Brief vorlegt, den seine Mutter während der Deportation nach Polen kurz vor der deutsch-niederländischen Grenze aus dem Zug geworfen hatte. Das Blatt ist auf den 17. Mai 1943 datiert. Vier Tage später wurde die Frau in Sobibor vergast.

ddp

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