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Politik Demjanjuk-Prozess mit Aussagen von Opfer-Angehörigen fortgesetzt
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17:34 21.12.2009
Die Anklage wirft Demjanjuk Beihilfe zum Mord an 27.900 Juden vor. Quelle: ddp
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Es sind erschütternde Berichte, mit denen der Prozess gegen den mutmaßlichen Wachmann im NS-Vernichtungslager Sobibor, John Demjanjuk, am Montag vor dem Münchner Landgericht fortgesetzt wird. Der 89-jährige Angeklagte, der an den ersten Verhandlungstagen Anfang Dezember meist auf einer Trage lag und in dicke Decken gehüllt war, folgt den Schilderungen der Zeugen am Vormittag zunächst noch aufrecht in einem Rollstuhl sitzend. In ihren Aussagen schildern die Zeugen, die meist Kinder, Geschwister oder Enkel von in Sobibor Ermordeten sind und deshalb auch als Nebenkläger auftreten, vor allem ihre Verwandtschaftsbeziehungen zu den deportierten Angehörigen und wie sie von deren Schicksal nach dem Krieg erfuhren.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem gebürtigen Ukrainer Demjanjuk Beihilfe zum Mord in 27 900 Fällen vor. Vor 66 Jahren, im Sommer 1943, soll er im deutschen Vernichtungslager Sobibor im besetzten Polen Tausende Juden aus Deportationszügen, die aus den Niederlanden eintrafen, in die Gaskammern getrieben haben. Laut Anklage war er bei der Ankunft von genau 15 Zügen aus den Niederlanden anwesend - es handelt sich um jene Züge, in denen sich unter anderen die Verwandten der Zeugen vor dem Münchner Landgericht befanden.

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Einige der vom Vorsitzenden Richter Ralph Alt Befragten haben umfangreiche Texte vorbereitet, in denen sie ihren Erinnerungen und ihrem Schmerz freien Lauf lassen: So berichtet beispielsweise der 87-jährige Philip Jacobs unter Tränen, wie während der deutschen Besetzung der Niederlande sein gesamter Freundeskreis nach Mauthausen deportiert wurde.

Zwei Jahre später wurden seine Eltern und die Geliebte Ruth in der Gaskammer von Sobibor ermordet. „Ich habe nicht einmal ein Grab, an dem ich meiner Lieben gedenken kann“, sagt der Niederländer, wobei ihm die Stimme immer wieder versagt. Er selbst überlebte den Holocaust nur durch eine Flucht nach England, wo er in der Royal Air Force gegen die Deutschen kämpfte.

Ein weiterer Nebenkläger, der 67 Jahre alte Max Degen, erzählt, dass er überlebte, weil ihn niederländische Widerstandskämpfer als Baby in einem Koffer aus dem NS-Kinderheim holten, in das man ihn nach der Deportation der Eltern gebracht hatte. „Sie steckten mich einfach in den Koffer und warfen mich über eine Mauer“, erklärt er.

Besonderen Beistand erfährt Demjanjuk an diesem dritten Verhandlungstag durch den Bischof der Orthodoxen Ukrainischen Kirche der USA, Bishop Anthony, der extra zur Verhandlung angereist ist, um Demjanjuk zu sehen und mit ihm zu sprechen. Er berichtet von seinem Besuch in Demjanjuks Zelle am Wochenende vor der Prozessfortsetzung. „Mein Eindruck ist, er ist ein völlig unschuldiger Mann mit sehr tiefem Glauben“, sagt der Geistliche am Rande der Verhandlung. Es gebe keinerlei Zeichen, „die für eine Schuld Demjanjuks sprechen“.

Nach der Mittagspause wird, noch bevor Demjanjuk wieder in den Schwurgerichtssaal gebracht wird, ein großes Spezialbett mit Lattenrost und Matratze aufgebaut. Wie schon an den vorangegangenen Verhandlungstagen verfolgt der Angeklagte, der laut einem Bericht der Berliner „Tageszeitung“ in der Justizvollzugsanstalt Stadelheim sogar an Hofgängen teilnehmen kann, das weitere Prozessgeschehen nun wieder im Liegen, die blaue Schirmmütze weit in die Stirn gezogen.

Auch am Nachmittag werden weitere Zeugen gehört. Ihre Lebensgeschichten ähneln sich: Sie überlebten durch Glück und durch die Hilfe anderer, meist untergetaucht bei christlichen niederländischen Familien. Auch der Schmerz über das eigene und das Schicksal ihrer Verwandten begleitet die meisten ihr ganzes Leben lang: „Bis heute prägen mich die Ereignisse“, sagt Jacobs, „und ich trage ein Schuldgefühl mit mir, dass ich überlebt habe.“ Für Dienstag (22. Dezember) ist der letzte Prozesstag in diesem Jahr vorgesehen.

ddp

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