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Politik Dear Great Britain! – Kein Abschiedsbrief
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16:31 31.10.2019
Quelle: imago/Panthermedia/ZUMA Press/snapshot/Montage RND

Liebes Großbritannien,

um ein Haar wäre es jetzt passiert. Du saßt schon auf gepackten Koffern, mit tränennassen Augen, hadernd und verwirrt. Draußen auf der Straße stand das Taxi, am Steuer ein bulliger Fahrer mit zerzausten blonden Haaren, laut hupend. Und ich stand im Türrahmen und summte leise „Don't Look Back in Anger“ von Oasis.

Du hast noch einmal gezögert. Du hast zurückgeblickt und entschieden: Nein, heute ist nicht der Tag. Du gehst noch nicht. Nicht so. Nicht, ohne dass wir geklärt haben, wem die Kaffeemaschine gehören soll und das Poster von David Bowie, das wir zusammen auf dem Camden Market gekauft haben, und bei wem der Hund wohnen soll. Du bist noch einmal geblieben. Denn tief im Innern ahnst Du ja: Du willst gar nicht weg.

Du kannst nichts dafür, Großbritannien, dass Du alle in den Wahnsinn treibst. Du bist krank. Es ist die Krankheit, die Dir einredet, dass Du weg willst, weil du Zeit für Dich brauchst. Und dass die EU an allen Übeln der Welt die Schuld trägt: von kühlschrankharter Butter bis zu Blisterverpackungen, von verknoteten Kopfhörern bis zu Windows-Updates und Musik von Nickelback. Es ist die Krankheit, die Dich belogen hat, du würdest Woche für Woche 350 Millionen Pfund an die Europäische Union überweisen. Es ist die Krankheit, die Dich fiebrig und sensibel macht, aufbrausend und verzweifelt. Es gibt keinen „Mother's Little Helper“ für Weltschmerz. Und deshalb gab es fast so viele letzte Versuche, den No-Deal-Brexit zu verhindern, wie Abschiedstourneen von Phil Collins.

Die Bande ist unzerstörbar

Ich liebe Dich trotzdem. Gefühle sind immer stärker als Fakten und Verträge. Du bist viel mehr als das Land der schlechten Zahnärzte und guten Popmusik. Die Bande zwischen uns sind unzerstörbar. Denn Europa und Du, ihr seid in Jahrhunderten zu einem kulturellen Amalgam verschmolzen. Vergiss die „splendid isolation“. Das war vor 120 Jahren. Der Ärmelkanal ist 34 Kilometer breit. Lächerlich. Züge flutschen hindurch, Daten sowieso. Wir sind eins. Die Schleife um unsere Herzen wurde gewoben von John Lennon und Paul McCartney, von Sting und „Alice im Wunderland“, von Freddie Mercury und Adele, von Joanne K. Rowling und Ed Sheeran, von Mick Jagger, Emma Thompson, Elton John und Benedict Cumberbatch, von strähnenhaarigen, strichdünnen Britpoppern in quietschenden Lederjacken, von Plattencovern voller kaputter Fabriken in Manchester, von „London Calling“ und „Stairway to Heaven“, von Vivienne Westwood, Keith Richards, Oscar Wilde und einem tödlich zerstrittenen Bruderpaar mit Bettfrisur.

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Du hast uns „The Wall“ geschenkt und James Bond, Mr. Bean und „Pu, den Bären“, den „Hund von Baskerville“, Emily Brontë und die grünsten Wiesen der Welt. Du glaubst doch nicht im Ernst, dass Europa Dich aus seiner liebenden Umklammerung entlassen wird, nur weil ein paar politisch-wirtschaftliche Verträge neu ausgehandelt werden? Nur weil ein paar polternde Politmachos die Chance auf 15 Minuten Ruhm wittern? Nur weil ein paar halb tote Lords ihren alten Privilegien nachweinen und gern wieder ihre Zimmermädchen herumscheuchen würden? Meinst Du ernsthaft, das alte Bündnis zwischen uns würde durch die Frage definiert, ob und wie ein Milchlaster an der inneririschen Grenze kontrolliert wird?

Es ist ja nicht so, dass Du nach einem Brexit – in welchem Jahrhundert auch immer – als Insel alle Taue kappst, die Segel setzt und in Richtung Grönland davonschipperst wie Captain Hornblower in die nächste Seeschlacht. Nach jetziger Planung bleibst Du geografisch, wo du bist. Es mag wirtschaftlich und politisch ein bisschen knirschen. Aber das muss man eben lernen, wenn man sich als glorreiche parlamentarische Monarchie plötzlich verhält wie ein bockiger Polit-Pubertant: Entscheidungen haben Konsequenzen.

Ganz ehrlich, Großbritannien, Du nervst!

Nein, England, sorry. Das, was Du Europa geschenkt hast, kannst Du uns nicht mehr wegnehmen. Kultur ist keine Stehlampe. Du wirst immer ein Teil der Familie sein, sorry for that. Und bis zu dem Tag, an dem die Tür ins Schloss fällt, werde ich nicht aufhören zu hoffen, dass wir es auch politisch noch einmal hinkriegen. So, wie Paul McCartney singt: „We Can Work It Out“.

Wir haben uns versprochen, ehrlich zu sein. Deshalb, ganz ehrlich: Du nervst. Das Hin und Her, das Zaudern und Zanken. Trennungen sind selten schön und sauber. Aber: HERRGOTT, WIE DU NERVST! Wie willst Du Dein Leben auf die Kette kriegen, wenn Du dermaßen mit Dir selbst im Unreinen bist? Das ist ja rührend, dass ein Teil Deiner Seele tatsächlich glaubt, dass in der Sekunde des EU-Austritts das alte britische Empire wieder vollständig aufpoppt wie ein buntes Pappbilderbuch und alles wieder gut ist. Dieser bollerige Selbstzerstörer, den du aus Mangel an Alternativen zum Premierminister gemacht hast – denkt der wirklich, sobald die Tinte unter dem Austrittsabkommen trocken ist, würde er wieder Indien mitregieren?

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Mit Dir, Großbritannien, ist es ein bisschen wie mit Boris Becker: Ihr wart früher mal groß, ihr habt Geschichte geschrieben, aber das ist lange her, und das macht euch zu schaffen. Diese innere Leere führt direkt in die Knalltütigkeit. Deshalb bist Du zum Land der ewigen Extrawürste geworden, bei dem man nie weiß, was größer ist: die Hüte oder die Ansprüche.

Echt, England. Du warst mal „Cool Britannia“, weißt Du noch? Und „business as usual“ – das war Deine Erfindung! Und dann wurdest Du zu einem „fantastischen Beispiel für ein Land, das sich selbst direkt ins Gesicht geschossen hat“ (Hugh Grant).

England wird den Brexit überleben

Aber das ist ja auch kein Wunder, dass Du so durchgeschusselt bist. So eingepfercht, wie Deine Parlamentarier im House of Commons sitzen. Wie Bergleute in der Grubenbahn. Da wäre ich auch nervös. Knie an Knie. Schulter an Schulter. Für die 650 Abgeordneten gibt es nur 427 Sitze. Wer zu spät kommt, steht in der Tür. 340 Quadratmeter hat der Sitzungssaal. Das ergibt rein rechnerisch einen halben Quadratmeter pro Parlamentarier. Was für ein Schauspiel. Keine Privatsphäre, dazu stundenlanges rituelles Gebrumm und Gestöhne, und dazu noch Boris Johnson, der alle paar Minuten die Hörner senkt. Britische Politik ist im Kern ein ewiger Kampf um die Mittelarmlehne. Wie soll man ein Weltreich zusammenhalten oder einen Brexit organisieren, wenn man sich fühlt wie eine Legehenne?

Du hast diesen Sinn für Drama. Shakespeare. Die weiß bestäubten Perücken. „Mr. Speaker“. Das ganze folkloristische Tschingderassabum der Royals. Du tust bescheiden, aber nichts an Dir ist demütig. Und immer haben die anderen Schuld. Aber dafür liebe ich Dich, Du „Land von Verzweiflung und Frühstück“ (Julian Barnes).

Liebes England, wenn Du lernen willst, wie man die Nerven behält, sitzt das beste Vorbild direkt in Deiner Mitte. Deine Königin hat vor 66 Jahren den Thron bestiegen. Sie hat acht Premierminister und mehr als 30 Corgies überlebt. Sie ist ein Monolith mit Krone, ein Muster von Verfassungspflicht und Pflichtverfassung. Nichts wird diese Dame jemals erschüttern. Was schert es Elizabeth II., ob sich ihr Land mal ein paar Jahre wund diskutiert über eine Dummheit? Amerika wird Donald Trump überleben, England wird den Brexit überleben – und die Beziehung zwischen Europa und der britischen Insel ist ohnehin unverwüstlich.

Am Ende, England, bleiben wir sowieso eins. Nimm Dir die Zeit, die Du brauchst. Geh ein paar Jahre auf Abstand. „Take these broken wings and learn to fly.“ Sortiere Dich neu. Lerne Töpfern und Italienisch, schneide Dir die Haare ab und mache eine Typberatung. Aber dann reiß Dich wieder zusammen und komm nach Hause.

Von Imre Grimm/RND

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