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Politik David McAllister wünscht sich eine Auszeit
Mehr Welt Politik David McAllister wünscht sich eine Auszeit
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09:28 26.01.2013
Von Klaus Wallbaum
Hannover

An einem lauen Abend im vergangenen Sommer, nach einem langen Arbeitstag, überkam David McAllister die Sehnsucht nach ein paar Stunden fern der Politik. Er legte seine Krawatte ab, zog die Jeans an und verließ die niedersächsische Staatskanzlei. Seine Sicherheitsbeamten schickte er nach Hause und ging ganz allein in eine Kneipe in der hannoverschen Nordstadt. Dort bestellte der Politiker ein Bier und schaute sich in aller Ruhe ein Fußballspiel im Fernsehen an. „Das war wunderbar“, schwärmt er. Denn niemand habe ihn an diesem Abend erkannt, niemand habe ehrfurchtsvoll „Herr Ministerpräsident“ zu ihm gesagt. Endlich mal wieder ein Stück normales Leben.

Als McAllister das erzählt, leuchten seine Augen. Vielleicht denkt er jetzt deshalb gern an solche Momente zurück, weil sie ihm den Abschied von der großen Politik erleichtern. Weil sie das höchste Regierungsamt im Lande, das er eigentlich unbedingt verteidigen wollte, als durchaus nicht nur erstrebenswert beschreiben. Vor einer Woche noch sah es ganz so aus, als werde McAllister stärker denn je in diesem Politikbetrieb gefordert sein. Hätte er vergangenen Sonntag die Landtagswahl trotz monatelang günstiger Prognosen für Rot-Grün gewonnen, so wäre er wohl der Supermann der CDU geworden: Kronprinz von Angela Merkel und bundesweite Symbolfigur für den Erfolg der Christdemokraten. Er hätte sich dann wohl nie mehr aus der Staatskanzlei einfach davonstehlen können, so wie vor ein paar Monaten. Er wäre für immer gefangen gewesen im Gestrüpp von Mächtigen, Parteifreunden und Abhängigkeiten.

Doch dann kam es anders, die Wahl ging denkbar knapp verloren, und McAllister wachte auf in einer anderen Welt. Seit 2003 war er Spitzenpolitiker, erst Chef der CDU-Landtagsfraktion, dann Regierungschef. Ein Rädchen in einem riesigen Getriebe, das sich unaufhörlich und für ihn immer schneller drehte. Nun ist er auf einmal hinausgeworfen worden, steht schwindelig daneben und kann es selbst kaum fassen. Am Montag im CDU-Präsidium in Berlin, als ihm viele ganz herzlich Trost spenden wollten, kamen David McAllister die Tränen.

In der Nacht zuvor hatte er kein Auge zugetan, zu aufwühlend war das Auf und Ab an diesem dramatischen Wahlabend. In der Berliner CDU-Runde saßen mitfühlende Parteifreunde neben solchen, die sich ein ganz dickes Fell zugelegt haben. Kurz nach der Sitzung drang die Nachricht über den weinenden Ministerpräsidenten nach draußen, wurde über Nachrichtenagenturen verbreitet. Für McAllister ist das ein weiteres Beispiel dafür, wie abgebrüht und gnadenlos der Berliner Politikbetrieb sein kann, ein Raum ohne jede Privatsphäre. Dort habe er sich nie zu Hause gefühlt, beteuert er, da ziehe ihn nichts hin.

McAllister ist niemand, der seine Gemütslage verstecken oder Stimmungen überspielen kann. Wenn es ihm schlecht geht, sieht man es auch. Die ersten Tage nach der Wahl waren grausam. Nach und nach realisierte er, was geschehen war, dass er nun der Verlierer ist. Ob knapp oder nicht – am Ende zählt, dass er eine herbe Niederlage verkraften muss. Die erste in seinem politischen Leben überhaupt, wenn man von einer erfolglosen Kreistagskandidatur in den Neunzigern mal absieht.

Jetzt sitzt er in einem hannoverschen Restaurant und redet. Er wirkt gelöster als früher, wie befreit vom Druck, und er kann schon wieder scherzen und lachen. Es sind Hunderte von Briefen, Mails und SMS-Nachrichten, die ihn in diesen Tagen ein wenig aufrichten. Eine Kindergartengruppe hat geschrieben, ein Sportverein und eine Schulklasse. Einige bekannte ehemalige Politiker meldeten sich; der langjährige Mitstreiter Christian Wulff allerdings bisher noch nicht. Lebensweisheiten wurden ihm übermittelt: „Wer weiß, wozu es gut ist.“ In seinem Heimatort Bad Bederkesa meinte ein Mann: „Sie haben die Wahl gar nicht verloren, sie haben sie nur nicht gewonnen.“ Und eine Frau schrieb, die Wahl sei doch „unentschieden“ ausgegangen. McAllister selbst wählt ein Gleichnis aus dem Fußball: „In der Verlängerung ging der Ball nicht ins gegnerische Tor, sondern prallte an der Latte ab.“

Tatsächlich hatte er keinen Plan B, war auf das Scheitern mental nicht vorbereitet. Das hätte ihn vom Kämpfen abgehalten, meint er. Der Preis dafür ist die Ratlosigkeit jetzt. „Ich weiß noch nicht, was ich aus meinem Leben mache“, erklärt er. „Ein paar Monate Ruhe“ wünsche er sich. „Damit ich zu mir selbst finden kann.“ Natürlich gibt es viele in Berlin, die Kanzlerin eingeschlossen, die sich in der Bundeshauptstadt eine gute Verwendung für den gerade mal 42 Jahre jungen Alt­ministerpräsidenten vorstellen können. Er bleibt ja eines der größten Talente in der deutschen Politik. Vielleicht als CDU-Generalsekretär? Die Neigung von McAllister, mit Volldampf in Berlin weiterzumachen, ist derzeit wenig ausgeprägt. Andere Möglichkeiten gäbe es, im nächsten Jahr sind Europawahlen, außerdem stehen in Niedersachsen bald einige Oberbürgermeister- und Landrätewahlen bevor. Und dann gibt es nicht wenige, die ihn für den besten Mann an der Spitze der CDU-Landtagsfraktion halten, für den idealen Oppositionsführer. Ein Mann wie er, sagen sie, könne SPD und Grüne mit ihrer knappen Einstimmenmehrheit ins Trudeln bringen und der CDU vielleicht schneller als gedacht wieder Einfluss verschaffen.

Doch daraus wird nichts. Jede Kritik, die ein Oppositionsführer McAllister ­einem Ministerpräsidenten Stephan Weil entgegenschleudern würde, könnte von der SPD mit einem lockeren Spruch pariert werden. „Das sagt er doch nur, weil er nicht akzeptieren kann, dass er selbst nicht mehr da oben sitzt“, hieße es dann voller Häme. Und das würde ihn verletzen. McAllister kann sich noch gut an die Zeit vor zehn Jahren erinnern, als sein Vorvorgänger Sigmar Gabriel abgewählt wurde und Oppositionsführer wurde. Gabriel war damals so alt wie McAllister heute, und vom Typ her sind beide ähnlich – leidenschaftliche Politiker, flammende Redner, Leute, die sich der Politik zu 100 Prozent verschrieben haben. Aber Gabriel wurde in der Oppositionsrolle unglücklich.

McAllister will es anders machen. Er bleibt CDU-Landesvorsitzender, kümmert sich um die Modernisierung der Partei. Im Landtag aber überlässt er die Auseinandersetzung mit der rot-grünen Regierung anderen. Fraktionschef Björn Thümler, ein geduldiger, integrativ wirkender Politiker, ist formal Oppositionsführer. Er soll die Reihen der Union schließen.

CDU-Generalsekretär Ulf Thiele, der stärker zuspitzen und attackieren kann, gilt als Reserve für den Angriff im Parlament. Alle drei Männer sind Anfang 40, sie verstehen sich gut. Rivalitäten wurden bislang auf freundschaftlicher Ebene ausgetragen. Wer künftig als CDU-Spitzenkandidat vorn steht, bleibt ungeklärt. McAllister selbst wird wohl in der dritten Reihe der CDU-Fraktion Platz nehmen und im Parlament die meiste Zeit schweigen. Diese Bühne, das weiß er, wird erst einmal nicht seine sein.

Aber was macht er dann? Seit vielen Jahren führt er „ein Leben auf der Überholspur“, wie er selbst sagt: Termindruck, Hektik und die Erwartung, Aktenberge in kürzester Zeit durchzuarbeiten. Nachmittags kommt ein dicker Stapel Post für die Bundesratssitzung am nächsten Morgen. Da bleibt oft nur die Chance zur oberflächlichen Durchsicht. Sobald es sich der Ministerpräsident leistet, in einem Detailpunkt eine andere Meinung zu haben als die Fachebene in der Staatskanzlei, reagiert die Beamtenschaft nicht selten irritiert.

McAllister spürte, dass von ihm oft ein Abnicken von Vorlagen erwartet wurde. Nicht aus bösem Willen, sondern weil ein Regierungsapparat eben seit jeher so funktioniert. Dabei war er es doch, der am Ende für jede Entscheidung den Kopf hinhalten musste.

Vom Totalstress des Ministerpräsidentendaseins soll er jetzt einfach umschalten auf die Arbeit eines einfachen Abgeordneten. Aber kann das einen Vollblutpolitiker wie ihn ausfüllen?

McAllister hat in den vergangenen ­Tagen schon mal ausprobiert, wie ein Leben neben der Politik aussehen könnte. Er fuhr am Mittwoch die beiden Töchter zum Musik- und Ballettunterricht, versuchte, mit dem Auto zurechtzukommen. Jahrelang hatte er nicht mehr selbst hinterm Steuer gesessen. Die Familie plant einen Urlaub, McAllister will regelmäßig Tennis spielen. Ob er ein Buch schreiben soll? Oder eine Fremdsprache lernen? Auch als Anwalt könnte er arbeiten, das zweite Staatsexamen hatte er just in dem Jahr abgelegt, als er in den Landtag gewählt wurde. Finanziell leidet er zwar keine Not, es gibt ein Übergangsgeld (drei Monate lang 14 000 Euro, danach 21 Monate lang 7077 Euro). Dieses Geld wird mit den Diäten, die er als Landtagsabgeordneter erhält, verrechnet. In seinem Beruf jedoch könnte er jetzt so richtig durchstarten.
Aber will er das überhaupt? Der Ministerpräsident, der dies bald nicht mehr sein wird, hat viel Zeit zum Überlegen. Es ist das erste Mal nach vielen stressreichen Jahren, dass er nichts überstürzt entscheiden muss. Auch ein Vorteil in einer sonst unvorteilhaften Situation.

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