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Politik David Cameron zieht in No. 10 ein
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22:58 11.05.2010
David Cameron ist neuer Premierminister. Quelle: dpa
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Cameron ist seit Dienstagabend neuer britischer Premierminister – auch wenn es nicht gerade ein Wahltriumph von Blair-Dimensionen war, der ihm über die Schwelle half, sondern mühsames Gerangel um eine Verständigung mit den Liberaldemokraten.

Dass er die absolute Mehrheit letzten Donnerstag verpasste, trug Cameron fünf Tage nervösen Wartens und dramatischer Ungewissheit ein. Im eigenen Lager sah er sich bereits angefeindet, weil die Parteirechte befürchtete, dass ein Pakt zwischen Labour und Liberalen den Konservativen erneut den Weg zur Macht verbauen würde. Am Dienstagabend aber wurde klar, dass liberale und konservative Unterhändler Einigkeit über eine Zusammenarbeit erzielt hatten. Nick Clegg erklärte sich bereit, mit Cameron gemeinsame Sache zu machen. Labour-Premier Gordon Brown musste in der Downing Street die Koffer packen.

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Für David Cameron ist der Einzug in die berühmte Straße ein beträchtlicher persönlicher Triumph. Der neue Chef der No. 10 will vor allem schnell seine „Hausmacht“ etablieren. Cameron will keinen Zweifel daran lassen, dass an der Themse ein neuer Wind weht. Die Schatzkanzlei, das Finanzministerium, soll schnellstmöglich einen „Notstandshaushalt“ auf die Beine stellen, um das britische Rekorddefizit zu vermindern.

Nicht alle seine Zeitgenossen (und Parteifreunde) hatten Cameron diesen Aufstieg zugetraut. Im Labour-Lager wurde er lange als „Blair-Imitator“ und „aalglatter Aristokratenspross“ abgetan. Liberale Zeitungen fanden „wenig Substanz“ in seiner Politik. Auch die Rechtspresse nahm ihn misstrauisch in Augenschein. Der Tory-Abgeordnete Quentin Davies, der zu Labour überlief, nannte ihn „oberflächlich“ und „ohne klare Überzeugungen“.

Als er 2005 zum Parteivorsitzenden gewählt wurde, war der PR-Experte Cameron erst vier Jahre lang im Unterhaus gewesen. Einmal im Amt, suchte er die widerwilligen Tories zu modernisieren. Sein Sprung aufs Fahrrad, sein Fototermin mit Schlittenhunden in der Arktis sollten Interesse am Umweltschutz bekunden. Homosexualität wurde enttabuisiert. Das alte Tory-Streitthema Europa suchte Cameron herunterzuspielen. Den von Labour ins Leben gerufenen Nationalen Gesundheitsdienst (NHS), einen Dorn im Auge vieler Tories, versprach er zu bewahren. Bei der langjährigen Betreuung seines behinderten Sohnes Ivan, der letztes Jahr verstarb, habe er den wirklichen Wert des NHS kennen gelernt, erklärte der Tory-Führer.

Nicht alles kam so, wie es sich Cameron gedacht hatte. Der Wucht der Kreditkrise, dem Purzeln der Banken hatte er wenig entgegenzustellen. Die Rückkehr zum angestammten Tory-Glauben an die Selbstheilungskräfte des Marktes bereitete einigen seiner Reformpläne ein jähes Ende. In Sachen EU, unter Druck aus den eigenen Reihen, gab Cameron dem euro­skeptischen Flügel letztlich nach.

Der Spross einer reichen Familie, der Englands Eliteinternat Eton besuchte und anschließend Philosophie, Politik und Wirtschaft in Oxford studierte, will als neuer Premierminister demonstrieren, dass seine Politik nicht nur den Privilegierten zugute kommt. Die enorme Finanzkrise des Königreichs wird ihm Gelegenheit geben, diesen Anspruch unter Beweis zu stellen.

Peter Nonnenmacher

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